Donnerstag, 8. Dezember 2022
29.09.2022 19:00
Grossraubtiere

Ständerat will Wolfs-Abschüsse erleichtern

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Von: blu/sda

Wölfe sollen nicht nur geschossen werden dürfen, wenn sie Schäden angerichtet haben, sondern auch, um künftige Schäden zu verhüten. Der Ständerat hat eine Art Regulierungssaison für Wölfe im Jagdgesetz aufgenommen.

Ausgearbeitet hatte die Vorschläge die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Ständerats (Urek-S). Der Ständerat hiess die Vorlage am Donnerstag mit 31 zu 6 Stimmen bei 4 Enthaltungen gut.

Auch Rudel regulieren

Die parlamentarische Initiative «Wachsende Wolfsbestände geraten ausser Kontrolle und gefährden ohne die Möglichkeit zur Regulierung die Landwirtschaft» strebt eine Änderung des Bundesgesetzes über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel an.

Analog der Zuständigkeitsordnung für das geschützte Steinwild soll präventiv die Regulierung von Wolfsbeständen durch die Wildhut ermöglicht werden. Als zusätzliche Massnahme zum zumutbaren Herdenschutz soll die Regulierung von Wolfsbeständen zulässig sein, wo aufgrund der hohen Wolfsdichte die Landwirtschaft gefährdet ist. In diesen Gebieten soll zudem die Entfernung von Wolfsrudeln, oder Teile davon, ermöglicht werden.  

Gemäss Antrag der Urek-S sollen Wölfe zwischen 1. September und 31. Dezember reguliert werden dürfen. Die geplanten Regulierungsmassnahmen sowie deren Zielsetzung (Stabilisierung oder Reduktion) sind von den Kantonen zu begründen. Ausserdem sollen Wölfe, die auffallen, weil sie Siedlungen und Menschen bedrohlich nahekommen oder den Herdenschutz umgehen, erlegt werden dürfen.

«Herdenschutz sehr harte Arbeit»

Wölfe hätten sich inzwischen in der Schweiz angesiedelt, sagte Kommissionssprecher Othmar Reichmuth (Mitte/SZ). 1995 seien die Wölfe in die Schweiz zurückgekehrt. Es habe siebzehn Jahre gedauert, bis sich das erste Rudel gebildet habe. «Zwischenzeitlich ist der Bestand auf etwa 180 Tiere und zwanzig bestätigte Rudel angewachsen. Die jährliche Zuwachsrate beläuft sich auf rund 30 Prozent. Mit der Zunahme des Wolfsbestandes verstärkt sich der Konflikt mit der Nutztierhaltung», führte er aus.

Direkt betroffen seien in erster Linie die Halterinnen und Halter von Nutztieren in Berggebieten und auf den Alpweiden. «Die Vorfälle mehren sich anzahlmässig aber auch gebietsweise, und die Ausweitung auf das Talgebiet ist zwischenzeitlich Fakt», so Reichmuth. Mit der Rückkehr des Wolfes sei eine nicht mehr bekannte Gefährdung in Bezug auf die Haltung ihrer Nutztiere einhergegangen. «Darauf haben die Tierhaltenden weder gewartet noch ist aus ihrer Sicht ein wirklicher Nutzen erkennbar», führte er weiter aus. Sie seien konfrontiert mit Herdenschutzprogrammen, die viel und meist sehr harte Arbeit erfordern.

«Alpleben verleidet»

«Alle wissen, dass auch der beste Herdenschutz keine hundertprozentige Sicherheit bietet, und da die Wolfsangriffe in der Dämmerung oder der Nacht erfolgen, lässt das pflichtbewusste Tierhalterinnen und Tierhalter auch kaum mehr schlafen. Das ist belastend, zermürbend und birgt eine grosse Gefahr, dass es den wenigen, die sich überhaupt noch für ein Alpleben entscheiden, endgültig verleidet», sagte der Schwyzer zu seinen Ratskolleginnen und -kollegen.

Beat Rieder (Mitte/VS) sagte, die Ausbreitung des Wolfes werde in ein paar Jahren dazu führen, dass alle Kantone betroffen sind.

Arbeit und Kosten

Die von der Wiederansiedlung des Wolfs betroffenen Tierhalter hätten viel Arbeit, Schutzmassnahmen kosteten Geld, und mit dem Einpferchen der Tiere über Nacht gebe es Gesundheitsprobleme, sagte Reichmuth. Vor allem Vertreter von Bergkantonen plädierten für ein Ja. Es gehe um den Erhalt des Kulturgutes Alpsömmerung, sagte Stefan Engler (Mitte/GR).

Die Betroffenen fühlten sich alleine gelassen mit ihrer Angst vor Wölfen, doppelte Marco Chiesa (SVP/TI) nach. Beat Rieder wies auf die «Kann-Formulierung» hin. Ein Kanton könne also entscheiden, die Rudel nicht zu regulieren.

Werden Wölfe reguliert, muss das Bundesamt für Umwelt (Bafu) zustimmen. Zudem darf die Regulierung die Population nicht gefährden. Weitere Voraussetzungen sind, dass Schutzmassnahmen Wolfsrisse nicht verhindern können und die Regulierung für den Erhalt der Artenvielfalt nötig ist.

«Auswirkungen auf Rudel gleich null»

Gegen die Vorlage wandte sich Ständerätin Adèle Thorens Goumaz (Grüne/VD). «Es handelt sich um eine geplante jährliche Jagd, die im Herbst und Winter unabhängig von den Problemen, die in den Sömmerungsgebieten während der Sommermonate aufgetreten sein könnten, durchgeführt werden soll», führte sie aus.

Sie sagte, dass die Auswirkungen auf das Verhalten des Rudels fast gleich null sein werde. Der Lernprozess bei den Raubtieren stelle sich nicht ein. «Die Erfahrung zeigt nämlich, dass der Abschuss von Wölfen nicht zur Verringerung von Schäden beiträgt, wenn er nicht in einem engem zeitlichen und räumlichen Zusammenhang mit potenziellen oder tatsächlichen Schäden steht», sagte sie. Sie meinte damit einen Riss eines Nutztieres.

«Kompromiss in die Tonne getreten»

Nicht nachvollziehen konnten die Gegner der Vorlage, dass die Kommission sich nicht am breiten Kompromiss der Organisationen der Land- und Waldwirtschaft, der Jagd und des Naturschutzes orientiert hat.

Dieser sah vor, eine raschere Regulierung von Wolfbeständen «bei wahrscheinlichen zukünftigen wesentlichen Schäden» zu ermöglichen. Jedoch dürften die regionalen Wolfbestände nicht in ihrer Existenz bedroht sein und der Herdenschutz müsse zentral bleiben. «Warum Sie diesen Kompromiss jetzt in die Tonne treten wollen, ist mir nicht klar», sagte Jositsch. «Wölfe reissen andere Tiere», sagte er weiter. Wolle man diese Risse vermeiden, müsse man Wölfe ausrotten. «Diesen Geist atmet die Vorlage aus», so Jositsch.

Gefährdende Wölfe töten

Der Glarner Mathias Zopfi (Grüne) plädierte für ein Ja zur Urek-Vorlage und für gezielte Abschüsse statt einer generellen Regulierung, wie die Vorlage sie vorsehe. Er hoffe, der Nationalrat verbessere den Entwurf in diese Richtung.

Einzelne Wölfe, die Menschen gefährden, sollen die Kantone töten lassen dürfen. Das geltende Recht lässt das nur zu, wenn ein Wolf erheblichen Schaden anrichtet. Zudem hiess der Rat Englers Einzelantrag gut, nach Rissen «insbesondere von Nutztieren» während der Sömmerungszeit Rudel-Regulierungen zu ermöglichen.

Umweltministerin Simonetta Sommaruga war grundsätzlich einverstanden mit der Vorlage. Sie plädierte aber erfolglos gegen die Bestimmung, wonach der Bund den Kantonen Finanzhilfen leisten muss für die Personalkosten «beim Umgang mit dem Wolf». Es sollten keine neuen Subventionen geschaffen werden, sagte sie. Der Rat beschloss den Passus aber mit 36 zu 3 Stimmen.

Schliesslich hat der Ständerat gegen den Willen des Bundesrates einen Absatz zur Regelung von Biber-Schäden aufgenommen – er will ein Anliegen der Kantone umsetzen. Beschädigen Biber Infrastrukturen – etwa indem sie Bachböschungen untergraben -, sollen neu Bund und Kantone dafür aufkommen. Der Bundesrat wollte diese Bestimmung nicht.

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