Mittwoch, 29. Juni 2022
13.06.2022 15:00
Initiative

«Tierwohl endet an der Ladenkasse»

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Von: sda/blu

Höhere Produktionskosten, mehr Einkaufstourismus und ein bereits hohes Niveau des Tierwohls: Das Komitee gegen die Massentierhaltungsinitiative hat am Montag dargelegt, weshalb es die Initiative unnötig findet.

Die Schweiz sei der Europäischen Union (EU) in Sachen Tierwohl «um Meilen voraus», sagte Nationalrat und Bauernverbandspräsident Markus Ritter (Mitte/SG). Bei der Haltung von Milchkühen und Rindern etwa gebe es in der EU keine Vorgaben.

«Gibt genügend Auswahl»

«Die bei uns seit 30 Jahren verbotene Käfighaltung bei den Legehennen ist in der EU mit einem Anteil von 50% immer noch sehr verbreitet. Auch unseren Schweinen geht es deutlich besser als ihren Artgenossen im Ausland», hielt Ritter fest. Kastration sei hierzulande nur mit Narkose erlaubt, Schwänze dürften in keinem Fall kupiert werden. «Beides ist in der EU anders», so Ritter weiter.

Die Volksinitiative will die Massentierhaltung verbieten und die Würde der Tiere in der Landwirtschaft in die Verfassung aufnehmen. Für das Komitee ist es laut eigenen Angaben «absurd», ein privatwirtschaftliches Label in die Bundesverfassung aufzunehmen. Zudem gebe es genügend Auswahl, anhand derer sich die Konsumentinnen und Konsumenten nach der persönlichen Haltung, Ideologie und dem Budget richten können, sagte Babette Sigg, Präsidentin des Konsumentenforums.

«An den Bauern liegt es nicht»

An den Bauernbetrieben liege es nicht, sagte Ritter. «BTS und RAUS sind sehr beliebt und erreichen eine hohe Abdeckung», machte Ritter deutlich. Beim Geflügel sei BTS (besonders tierfreundliches Stallhaltungssystem» fast flächendeckend umgesetzt. Bei den Legehennen habe RAUS (regelmässiger Auslauf ins Freie) einen hohen Anteil von 85 Prozent.  Bei den Schweinen würden 70% in einem BTS-Stall gehalten und 50 Prozent hätten einen Auslauf.

Ritter hob Geflügel und Schweine hervor, weil die Initiative vor allem auf die beiden Nutztierarten zielt. Doch auch bei den Kühen sind die beiden Tierwohlprogramme weit verbreitet. 85 Prozent der Kühe leben unter RAUS-Bedingungen, 60 Prozent in einem Freilaufstall. Das Tierwohl endet laut Ritter für die meisten an der Ladenkasse. Das Angebot ist laut dem Nein-Komitee grösser als die Nachfrage. Die Initiative mache den Tierhaltern «völlig marktferne Auflagen» . Sie stelle die Tierhaltung gar in Frage. «Eines ist klar: Der Konsum würde sich mit einem Ja nicht ändern. Bereits heute ist die Schweiz zur Versorgung der Bevölkerung auf umfangreiche Importe angewiesen», fuhr Ritter fort. 

Gegen Prinzipen des freien Markts

Initiative, welche unserer Tierhaltung völlig marktferne Auflagen machen will und damit in Frage stellt. Denn eines ist klar: Der Konsum würde sich mit einem Ja nicht ändern. Bereits heute ist die Schweiz zur Versorgung der Bevölkerung auf umfangreiche Importe angewiesen.

Durch die staatliche Angebotsregelung verstosse die Initiative gegen die Prinzipien des freien Marktes, sagte der Präsident des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse Christoph Mäder. Bereits heute könnten Konsumentinnen und Konsumenten frei bestimmen, welche Produkte sie einkaufen wollten. Mäder brachte auch den Faktor Preis ins Spiel. Die Umsetzung von rigorosen Vorschriften würden zu Mehrkosten führen. «Steigende Preise werden zu mehr Einkaufstourismus führen. Am Ende ist niemandem geholfen. Wer besonders tierfreundliche Nutztierhaltung fördern möchte, kann dies bereits heute mit dem Kauf entsprechend produzierter Lebensmittel tun», hielt der Economiesuisse-Präsident fest.

Teurere Produktion

Meisterlandwirtin Fabienne Wyder (ganz rechts) vor einer Installation der Nein-Allianz zur Massentierhaltungsinitiative.
Daniel Salzmann

Die Anforderungen an die Tierhaltung sollen gemäss der Vorlage mindestens denjenigen der Bio-Suisse-Richtlinien von 2018 entsprechen. Dadurch erwartet das Nein-Komitee höhere Produktionskosten und folglich teurere Lebensmittel. Laut Fabienne Wyder, Schweinehalterin in Büren an der Aare (BE), müssten beispielsweise 95 Prozent der Höfe mit Zuchtsauen den Betrieb komplett umbauen. Zusammen mit ihrem Mann führt die Bernerin einen Betrieb mit 16 Hektaren Land. «Davon leben können wir nur, weil wir uns auf die Schweinekernzucht spezialisiert haben und ohne Angestellte auskommen», erklärte sie.

Auf ihrem Betrieb leben 56 Muttertiere und gesamthaft 700 Schweine. «Das Tierwohl ist uns wichtig. Dieses beginnt mit gesunden Tieren und gutem Futter, das wir zu einem Teil auf unserem Land selbst produzieren», fuhr sie fort. Verglichen mit dem Ausland bewirtschafte sie einen Kleinstbetrieb. Die Schweiz habe als einziges Land der Welt Höchsttierbestände. «In der Schweiz dürfen wir maximal 250 Mutterschweine oder 2000 Mastschweine halten. Unsere Muttertiere können sich mit ihren Jungen frei bewegen und die Ferkel haben einen Rückzugsort», hielt sie fest.

«Produzieren am Markt vorbei»

Bei einer Annahme bräuchte es viel mehr Stallfläche für die gleiche Anzahl Tiere, drinnen wie draussen, Auslauf auch während der Säugezeit, Weide- und Wühlbereiche. «95 Prozent der Betriebe mit Zuchtsauen müssten komplett umbauen», hob sie hervor. In vielen Fällen sei dies aufgrund der örtlichen Verhältnisse nicht möglich. «Die Kosten für das Schweinefleisch würden explodieren», warnte sie. Und sie zweifelt daran, ob der Markt nach Biofleisch überhaupt ist. Der Marktanteil betrage lediglich 2 Prozent. «Wir würden komplett am Markt vorbeiproduzieren. Heute schon produzieren wir Schweinebauern doppelt so viel Label-Schweinefleisch, als wir als solches verkaufen können», machte sie deutlich.

Die Initiative verlangt ausserdem Vorschriften für den Import von Tieren und tierischen Erzeugnissen. Sie lässt Übergangsfristen von bis zu 25 Jahren zu. Für Wyder ist dies unrealistisch. Denn Erneuerungen hätten eine Abschreibungsdauer von 25 Jahren. Ständerätin Johanna Gapany (FDP/FR) stellte zudem die Frage, wer heute voraussagen könne, welche Produktionsmethoden in 25 Jahren die richtigen sind.

Versorgungssicherheit gefährdet

Strengere Importregeln würden gemäss dem Gegenkomitee die Verpflichtungen gegenüber der Welthandelsorganisation verletzen. Mäder rechnete damit, dass andere Länder dadurch zusätzliche Anforderungen an Importe aus der Schweiz stellen könnten. Für SVP-Präsident Marco Chiesa (TI) würde der internationale Handel «zum Spielball von Lebensmittel-Spekulanten.» Er führte auch die Corona-Pandemie und den Krieg in der Ukraine ins Feld. «Es wurde uns einmal mehr deutlich vor Augen geführt: In einer Krise schaut jedes Land zuerst für sich selbst. Die extreme Initiative würde die Versorgungssicherheit der Schweiz mit Lebensmitteln gefährden.», warnte Chiesa. Es sei fünf vor Zwölf. «Die Abhängigkeit der Schweiz von Importen ist zu reduzieren», fuhr er fort.

Laut dem Gegenkomitee käme es zu mehr Importen von tierischen Produkten aus Ländern, die ein tieferes Tierwohlniveau haben. Ständerätin Andrea Gmür-Schönenberger (Mitte/LU) sprach von einem zunehmenden Einkaufstourismus. Die Schweineproduktion in der Schweiz würde gemäss Nationalrat Fabio Regazzi (Mitte/TI) um die Hälfte abnehmen, die Geflügelproduktion um 80 Prozent. Damit wären Tausende Arbeitsplätze gefährdet.

Das Parlament hatte die Vorlage zur Ablehnung empfohlen. Das Schweizer Stimmvolk wird über die Initiative am 25. September abstimmen.

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3 Responses

  1. Die Schweiz sei der EU in Sachen Tierwohl «um Meilen voraus», sagte Nationalrat, 1 Rittermeile = ca. 10 cm. Ritter soll einmal eine Schweinemast ansehen da ist KEIN Tierwohl sichtbar. Beengte Verhältnisse, Schweine die sich beissen, anknabbern, Ställe mit wenig Licht. Belastung auf die Umwelt wie seit Jahren im Luzerner Hinterland bekannt. Immerhin konsequent, nicht nur das Wohl der Schweine wird ignoriert, auch die Gesundheit der Menschen. Wo Ritter ist ist Nein und teuer!

    1. Was hast du heute gegessen, lieber Vic? Aber doch nicht etwa Fleisch, oder doch? Kein Ei, keine Eierteigwaren? Kein Chickennuggets im Einkaufswägeli? Keine Fertiglasagne? Oder aber nicht noch etwa am letzten Wochenende schnell ins Deutsche, man hat ja sonst nichts Schlaues zu tun, gell..?

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