Sonntag, 14. August 2022
13.07.2015 08:10
Bern

Ein Querulant als Pionier

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: Peywand Kassraian, lid

Bauer – und Erfinder – Niklaus Hari aus Reichenbach erstellte 1986 seine erste Biogasanlage. Knapp 30 Jahre später ist er überzeugt: Sein Bauchgefühl hat ihn nicht getäuscht.

Das Klima der Erde hat seit deren Entstehung beachtliche Veränderungen erfahren: Von einer Art Urklima, das mit einer Durchschnittstemperatur von 180°C weder Regen noch Meere kannte bis hin zum Klima von heute, das auf eine zunehmende Erderwärmung hinläuft. Die meteorologischen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte haben dazu geführt, dass sich die Diskussion um das globale Klima zu einem festen Bestandteil der politischen Agenda etabliert hat. Es wurde klar: Es herrscht Handlungsbedarf.

Biobauer

Niklaus Hari merkte das bereits in den 1980er-Jahren, als er zur Eigeninitiative ansetzte. Der 54-jährige Bauer und Tüftler aus dem bernischen Reichenbach führt einen Biohof, wo er 20 Mutterkühe, zwei Esel und einige Schafe hält. Daneben baut er Dinkel an und unterhält ein überschaubares Gemüse- und Kräuterbeet. Der Biohof von Niklaus Hari ist jedoch kein gewöhnlicher, denn etwas abseits der Felder, unter der Erde gelegen, verbirgt der Hof eine kleine Besonderheit: eine selbstgebaute Biogasanlage.

Selbst erarbeitetes Know-how

„Die Idee für den Bau hatte ein Kollege, der damals beim Büro für Kies und Abfall arbeitete und bereits einige Biogasanlagen gesehen hatte“, erzählt Hari. Der meldete sich eines Tages bei ihm. Als der Kollege Hari schliesslich davon überzeugte, dass eine solche Anlage bei ihm auf dem Hof realisierbar sei, entschloss sich der Hauri, das Projekt in Gang zu setzen.

„Das nötige Know-how habe ich mir selber angeeignet“, sagt Hari. „Nachdem die Idee stand, habe ich mich hingesetzt und Skizzen angefertigt. Kurz darauf machte ich mich an den Bau“. So kam es, dass auf dem Hof von Niklaus Hari 1986 die erste Biogasanlage stand. Auf die Frage hin, ob er als Laie beim Bau der Gasanlage nie Angst vor Unfällen gehabt habe, lacht der Bauer: „Nein, aber da war wohl auch etwas Glück dabei.“

Geschlossener Kreislauf

Die Biogasanlage verfügt über ein schnell erfassbares Konzept. Hari erklärt: „Ich fülle den Mist meiner Tiere, dem ich sogenannte Co-Substrate wie z.B. Kaffeesatz beimenge, in einen abgeschlossenen Gärraum. Hier findet eine anaerobe Gärung statt, an der Methanbakterien beteiligt sind. Diese Bakterien leben von der zugeführten Gülle und setzen diese daraufhin um. Abfallstoffe dieser Umsetzungsarbeit sind das energiereiche Biogas und Dünger.“

Während der Dünger für die Ernährung der Böden wiederverwendet wird, gelangt das gewonnene Gas zu einem Generator. Dieser nutzt die zugeführte Energie, um weitere Endprodukte der Biogasanlage zu erzeugen: Strom und Wärme. Niklaus Hari verwendet die produzierten Energieäquivalente schliesslich für den Unterhalt seines Bauernhofes. „Auf diese Weise stellt die Biogasproduktion einen in sich geschlossenen Kreislauf dar“, so Hari.

Biogas-produzierende Kläranlagen

Mit dem Bau seiner Anlage im Jahre 1986 ist Niklaus Hari zwar ein Pionier in der landwirtschaftlichen Biogasszene – tatsächlich reicht die Geschichte der Biogasanlagen aber bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Damals wurden die Schlamm-Abfälle von Kläranlagen in sogenannten „Bioreaktoren“ vergärt. Der Bau von Biogasanlagen, die tierischen Festmist verwendeten, gelang bereits während des zweiten Weltkrieges, schaffte es allerdings erst 40 Jahre später, sich unter den Landwirten zu verbreiten.

Um 1980 schliesslich wurden – vermutlich im Zuge der zu dieser Zeit stattfindenden grünen Bewegung – die ersten Landwirtschaftsanlagen erstellt. Kurze Zeit später waren diese nicht nur imstande, tierische Abfälle, sondern auch organische Haushaltsabfälle zu verwerten. Die moderne Biogasanlage war geboren.

Biogasanlage mindert Emissionen

Niklaus Hari, dessen erste Anlage in diese Ära fällt, ist auch 29 Jahre später von seinem Projekt überzeugt. Für ihn sind eine ökologische Landwirtschaft und die Verringerung schädlicher Ausstösse absolute Prioritäten. Das Biogas bezeichnet er daher als einfache und zugleich effiziente Lösung zur Entschärfung der Umweltproblematik.

„Eine ökologische Landwirtschaft hat das Ziel, die Emission vor allem dreier schädlicher Stoffe zu vermindern“, erklärt Hari. „Das sind Methan, Ammoniak und Lachgas. Eine Biogasanlage macht genau das.“ Hinzu komme, dass der Dünger aus der Biogasproduktion besser verträglich für die Pflanzen sei, weil das darin vorkommende Ammoniak in gebundener Form vorliege.

Wind, Wasser, Sonne, Erde

Niklaus Hari hat nicht beim Bau seiner Biogasanlage Halt gemacht. Um ganz sicher zu gehen, dass er seinen eigenen Energiebedarf auch selber decken kann, ging er einen Schritt weiter und montierte eine Photovoltaikanlage. Bis 2005 besass der Landwirt sogar eine kleine Wasserturbine, die er in einen Bach auf der Kuhweide installiert hatte.

Nur eine Anlage zur Nutzung von Windenergie wurde auf dem Hof von Niklaus Hari noch nicht errichtet. Wobei; ein Anfang wurde bereits gemacht: „Einer meiner Söhne hat als Schulprojekt ein kleines Windrad aus Alteisen gebaut“, erläutert der Bauer stolz, als er ein wenige Meter grosses Windrad präsentiert. „Es ist sogar funktionsfähig. Die Energie reicht gerade, um ein Lämpchen anzuzünden“, grinst Hari.

Wirtschaftlichkeit muss sein

Heute besitzt Niklaus Hari einen Vertrag mit der Netzgesellschaft Swissgrid und produziert so viel Biogas und grünen Strom, dass er einen Teil davon verkaufen kann – zu lukrativen Preisen. „Der Generator produziert bei guter Gasqualität ungefähr 14 Kilowattstunden Energie. Pro Kilowattstunde erhalten wir 48.5 Rappen. Das heisst, pro Stunde fallen um die sieben Franken an“, rechnet Hari vor. „Seit der Errichtung der kostendeckenden Einspeisevergütung 2009 hat das Projekt natürlich an Rentabilität gewonnen“, so der Landwirt.

Wäre das System nicht rentabel, würde sich kaum jemand zur Bereitstellung von Biogas bereit erklären. Nebst dem, was die Anlage durch den Stromverkauf abwirft, erachtet Hari auch die, wie er meint, tiefen Einstiegskosten als Bonus. Konkret erfordert der Bau der Biogasanlage ca. 150‘000 Franken an Investitionen. Trotz dieser Summe ist Hari der Ansicht, dass der finanzielle Gesichtspunkt keine Hürde sein sollte.

Behörden als Stolpersteine

„Ich bin davon überzeugt, dass jeder Landwirt eine Biogasanlage erstellen kann, wenn er das möchte“, sagt er. Auch die Grösse des Hofes spiele mittlerweile keine Rolle mehr, da selbst eher kleine Betriebe eine rentable Anlage betreiben könnten. Bei ihm selbst seien es schliesslich nur 20 Kühe, die mit ihrer Gülle die Anlage am Laufen hielten.

Trotz allem ist Niklaus Haris Weg nicht nur von Erfolgen gesäumt. Er berichtet von langen Nächten beim Bau seiner Anlage, von inkompetenten Behörden, die nur langsam mit der technischen Entwicklung Schritt hielten, von frustrierenden Gesprächen mit verständnislosen Beamten. Woraus der Bauer seine Motivation schöpft, um dennoch immer weiterzumachen, kann er selbst nicht genau erklären. „Es ist eine innere Kraft, die mich treibt“, sagt Hari, und fährt fort: „Ich möchte so leben, dass ich meinen Kindern die Welt eines Tages ohne schlechtes Gewissen hinterlassen kann. Deshalb ist es mir wichtig, Sorge zu unserer Welt zu tragen. Wir haben schliesslich nur eine.“

Pionier statt Querulant

„Meine Hoffnung ist, dass sich der Bau der Biogasanlagen von den einzelnen Interessenten ausgehend ausbreiten wird“, schildert der Bauer seine Pläne. „Aber wer ernten will, muss säen“. Am Nachmittag steht für Niklaus Hari ein Treffen an. Gemeinsam mit der Genossenschaft für Landwirtschaftliches Bauen wird er als Berater einer neuen Biogasanlage tätig sein, die diesen Sommer in Betrieb genommen werden soll. „Das wäre das erste Mal, dass ich am Bau einer Biogasanlage von jemand anderem beteiligt bin“, sagt Hari und freut sich. Der Landwirt ist überzeugt: „Würden alle Bauern und alle Bäuerinnen mitmachen, könnte man mindestens ein AKW abstellen.“

Ein positiver Wandel hat indes bei den Reaktionen anderer Landwirte stattgefunden. Wurde Hari 1986 noch als Querulant abgetan, so gilt er heute als Pionier. „Ich wusste damals, dass man mich als Spinner bezeichnet. Aber wehgetan hat mir das nicht“, sagt Hari rückblickend. „Ich habe mich immer auf mein Bauchgefühl verlassen, weil ich wusste, dass mir die Zeit irgendwann Recht geben wird“. Spätestens als die Barometer einige Tage darauf rekordnahe Temperaturen verkünden, wird klar: Niklaus Haris Bauchgefühl hatte auch diesmal recht.

Mehr zum Thema
Agrarwirtschaft

Die Preise für Betriebsmittel sind in Frankreich beachtlich gestiegen. - Jonas Ingold Auch in Frankreich sehen sich die Landwirte und Landwirtinnen weiter immer höheren Betriebsmittelpreisen gegenüber. Wie aus einer aktuellen…

Agrarwirtschaft

Die PV-Anlage auf der Staumauer Valle di Lei mit über 1000 Modulen wird 550 Meter lang sein - EWZ Auf der Staumauer des Lago di Lei in Graubünden entsteht auf…

Agrarwirtschaft

Die Teuerung in der Schweiz zieht seit rund zwei Jahren an. - SNB Die Teuerung in der Schweiz dürfte sich weniger rasch zurückbilden als bislang erwartet. Das prognostieren gleich zwei…

Agrarwirtschaft

Den offiziellen Angaben zufolge lassen die Wettervorhersagen für die kommenden 15 Tage nicht auf Besserung hoffen, vielmehr könnte sich die Situation sogar noch weiter verschärfen. - zvg In der Europäischen…

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE