Montag, 17. Mai 2021
21.04.2021 06:01
Abstimmungen

«Initiativtexte lesen, nicht interpretieren»

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Von: lid

Bundespräsident Guy Parmelin besuchte im bernischen Kirchdorf einen Bio-Betrieb, um sich über die Folgen der Agrarinitiativen zu informieren. Für Bauernfamilie Messerli ist klar: Eine Annahme führte zu massiven Einschränkungen.

An den südlichen Ausläufern des Belpberges im Kanton Bern liegt eingebettet zwischen Hügeln der Biohof von Familie Messerli.

Eierproduktion in der Schwebe

Auf den insgesamt 27 Hektaren Land ist der Obstbau der Hauptbetriebszweig, das zweite Standbein ist die Eierproduktion. «Die Hühnerhaltung gibt uns Sicherheit», sagt Paul Messerli, der zusammen mit seinem Sohn Marco den Betrieb leitet. Denn der Hauptzweig, der Obstbau, ist als Aussenkultur immer wieder dem Klima und Wetter ausgesetzt.

Jetzt im April kämpften Messerlis neun Nächte in Folge gegen den Frost. Und genau um dieses zweite Standbein machen sich die beiden Bio-Bauern besondere Sorgen, sollte die Trinkwasser-Initiative im kommenden Juni angenommen werden. Das erklärten sie diese Woche Bundespräsident und Agrarminister Guy Parmelin, der sich vor Ort über die Folgen der beiden Agrarinitiativen ein Bild machte. Konkret geht es Messerlis um das Futter für ihre Tiere. Das Futter besteht einerseits aus Getreide und Mais.

Als gelernter Landwirt und Winzer ist Guy Parmelin mit der Thematik bestens vertraut. Für ihn ist klar, dass die Initiativen der Schweizer Landwirtschaft schaden. 
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«Diesen Teil könnte man in der Schweiz selbst produzieren – wenn man genügend Fläche hätte», sagt Paul Messerli. Rund 35 Prozent des Futters für die Bio-Hühner besteht aus Ölkuchen, hauptsächlich Soja. Gemäss Bio-Suisse-Richtlinien muss dieses aus Europa stammen. In der Schweiz sei Soja klimatisch schwer anzubauen, es funktioniere höchstens bis 550 Meter über Meer und auch dann nur mit viel Arbeit und wenig Ertrag, erklärt Paul Messerli. Das Futter wird deshalb importiert.

«Das reicht nirgends hin»

Die Trinkwasser-Initiative verlangt laut Initiativtext «einen Tierbestand, der mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernährt werden kann». Rund 82 bis 84 Tonnen Futter fressen Messerlis Hühner während eines Umtriebes, das heisst in den 14 Monaten von der Ein- bis zur Ausstallung.

Als Ackerfläche könnten sie von den 27 Hektaren vielleicht 2,5 Hektaren für Weizen nutzen, erklärt Paul Messerli. «Das reicht nirgends hin», stellt er klar. Entweder könnten sie nach Annahme der Trinkwasser-Initiative die Hühnerhaltung vergessen oder auf ein Minimum runter fahren, vielleicht mit 200 statt den aktuell 2000 Bio-Hennen. «Aber wenn ich sehe, wie viel wir investiert haben, weiss ich, dass das nicht rentabel wäre», so Paul Messerli.

Aus dem Ausland statt aus der Schweiz?

Die Nachfrage nach Bio-Eiern sei sehr gross, betont Marco Messerli. «Und wenn jeder Schweizer Produzent den Tierbestand reduzieren muss, ist das Bedürfnis nach Bio-Eiern noch immer genauso gross», sagt er.  Die Eier kämen dann einfach aus dem Ausland.

«Das stösst mir sauer aus. Wir haben investiert, haben ein strenges Tierschutzgesetz und Hühner mit Wintergarten und Freilandhaltung», kritisiert Messerli. Und dann sollen künftig die Eier aus dem Ausland kommen, wo auch für Bio-Ware deutlich tiefere Massstäbe herrschen.

Mehr Spritzdurchgänge nötig

Vor Jahrzehnten sei es einfach gewesen, erzählt Paul Messerli. Dazumal sei man einmal mit einem Spritzmittel durchgefahren und dann habe man ein halbes Jahr Ruhe gehabt. Gut sei das natürlich nicht gewesen. Heute sei alles deutlich umweltverträglicher, aber man müsse deshalb öfter spritzen.

«Wenn ich jetzt Tonerde gegen Schorf einsetze, ist nach 15 bis 20 Millimeter Regen der äusserliche Schutz weggeschwemmt und wir haben 6 bis 8 Stunden Zeit, einen neuen Schutz zu geben», erklärt der Obstbauer. Im Gegensatz zum konventionellen Landbau könne man bei Bio die natürlichen Mittel zudem nicht kombinieren.

«Da müssen wir für dasselbe zwei- bis dreimal fahren», sagt er. Mit der Konsequenz, dass die Konsumentinnen und Konsumenten sehen, dass der Bauer öfter spritzt. «Es ist deshalb in unserem Interesse, die Kundinnen und Kunden zu informieren, was wir tun und wieso wir es tun», sagt er. «Und wir hoffen, dass die Medien helfen, dies zu erklären», ergänzt Marco Messerli.

Auch Kupfer ein Pestizid

Die Initianten der Trinkwasser-Initiative wollen gemäss eigenen Aussagen den regionalen Austausch von Futtermitteln weiter zulassen und präsentieren dazu ein Rechtsgutachten, dass eine solche Interpretation stützen soll.«Man muss die Initiativtexte lesen, nicht interpretieren», sagte Bundespräsident Parmelin klar. Für ihn gilt das nicht nur in Bezug auf die Futtermittel, sondern auch für den Begriff «Pestizid» in der Trinkwasser-Initiative.

Denn ob synthetisch oder nicht, steht nicht im Initiativtext. Und auch die Aussagen der Initianten nach Einreichen der Initiativen haben sich mit der Zeit diesbezüglich verändert. Für Parmelin ist klar, dass zum Beispiel auch Kupfer, das im Biolandbau eingesetzt wird, ein Pestizid ist.

Ansprüche der Konsumenten steigen

Pflanzenschutzmittel brauchen auch Messerlis für ihr Bio-Obst. Ihre Bio-Äpfel hielten gut mit konventionellen mit, dafür brauche es aber die Pflanzenschutzmittel, sagt Marco Messerli. Zudem würden die Ansprüche der Konsumentinnen und Konsumenten immer höher, erklärt der junge Obstbauer. Das sehe er im Hofladen: Wenn ein Apfel etwas Schorf habe, griffen die Kundinnen und Kunden zu einem anderen.

«Aber dennoch wollen uns viele Konsumentinnen und Konsumenten sagten, wie wir die Äpfel produzieren sollen», macht Messerli auf das Paradox aufmerksam. An Grossverteiler liefern Messerlis nicht mehr. «Die Ansprüche wurden immer höher, die Preise tiefer», sagt Marco Messerli dazu.

Paul Messerli zeigt Bundespräsident Guy Parmelin die Freilaufhaltung der Hühner.
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3 Millionen investiert

Messerlis investierten deshalb in ein neues Lager und in eine Sortieranlage. Das Obst geht in die eigenen Hofläden, an Marktfahrer in Thun und Bern sowie an kleinere Bioläden. Seit der Bio-Umstellung 2013 habe die Familie gut 3 Millionen Franken investiert, sagt Marco Messerli.

«Und das bedeutet für mich auch, dass ich diesen Beruf weiterleben und -führen werde. Wenn nötig, ohne Direktzahlungen.» Aber die Initiativen würden den Betrieb massiv einschränken. Die Leidenschaft für den Betrieb ist nach wie vor gross bei den Messerlis: «Die Selbstvermarktung von rund 90 Tonnen Äpfeln ist aufwändig.  Aber wir sehen dabei eine stärkere Dankbarkeit gegenüber dem Produkt», sagt Paul Messerli. «Deshalb halten wir daran fest – für uns stimmt das so.»

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36 Responses

  1. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg: Paul Messerli kann mit einem vieharmen Betrieb eine Betriebszweiggemeinschaft bilden. Im Gürbe- und Aaretal gibt es genügend davon. Nach der Annahme der TWI werden auch manche davon auf Bio umstellen und somit für eine Bio-Betriebszweiggemeinschaft in Frage kommen. Somit kann der Hühnermist ohne zweifelhaften Abnahmevertrag im nahem Umfeld sinnvoll genutzt werden. Parmelin sollte das wissen!!

    1. Warum sollte er sich mit einem vieharmen Betrieb zusammenschliessen müssen ?
      Wenn er es will darf er wenn er nicht will soll er doch nicht müssen.
      Wann endlich merkt der hinterst und letzte dass die TWI viel zu radikal ist und gesamtheitlich betrachtet der Umwelt mehr schadet…

      1. Hast Du den Text nicht verstanden oder willst Du den TWI Text nicht verstehen?
        „einen Tierbestand, der mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernährt werden kann, umfasst“ heisst: wenn die Betriebszweiggemeinsaft Heu von 30 ha verkauft, darf sie Mais uns Soja von 30 ha zukaufen. Ganz einfach, wenn der Gesetzgeber will.

        1. Sogar der alte Bauer Baumann merkt, dass die Trinkwasserinitiative nur mit Verbiegungen und Verträgen noch einigermassen eine Landwirtschaft möglich macht. Wollen wir das denn wirklich unseren Nachkommen antun? Ich glaube es ist Zeit, dass der alte Bauer in Pension oder ins Pfefferland geht.

          1. Ds was der alte Bauer schreibt, hat nichts mit Verbiegerei zu tun. Da auch ich lesen gelernt habe, sehe ich es wie er. Ein Initiativtext hat noch nie alle Detail geregelt. Die Ausführungsgesetzgebung muss die Details regeln.
            Wenn Du ihn ins Pfefferland befördern willst, verlierst Du einen weiteren Steuerzahler für deine DZ. Als Bauer zahlt er aber wahrscheinlich viel weniger Steuern als ich (als Bauern kennt er sicher die Tricksereien)

          2. @ Städter: Das siehst Du richtig, Details werden in der Verordnung geregelt, und was da drin stehen wird, steht noch in den Sternen. Abgestimmt wird aber über den Initiativtext, und der ist eindeutig.

        2. Alter Bauer, Du solltest Deine Brille wieder einmal putzen und den Initiativtext noch einmal studieren! Deine Interpretation des Tauschens steht da nicht drin, die hast Du Dir aus den Fingern gesogen!

        3. Das ist deine Interpretation. Im Initiativtext steht nichts solches drin.
          Nur weil die Initianten gemerkt haben dass sie massiv übers Ziel hinausgeschossen haben, ändert das im Initiativtext gar nichts.

        4. Wenn der Gesetztgeber will… Was ist wenn er nicht will oder die Initiative so umsetzt wie es geschrieben steht, also dass worüber wir abstimmen? Fakt ist über Futteraustausch steht nichts im Initiativtext und wir stimmen darüber ab, was dort drinn steht und nicht was wäre wenn man es so oder anders auslegt. Für mich sind das reine Spekulationen und eine Verdrehung von Fakten!

        5. Wie Herr Bundespräsident Parmelin sagt: Sie sollten nicht interpretieren, sondern den Text lesen. Sehr abenteuerliche Auslegung von Ihnen, denn Soja muss importiert werden und sogar die Initiantin Herren spricht immer nur von „regionalem Futtermittelaustausch“.

    2. Ich bin auch ein alter Bauer und ich musste wegen dem Milchkontingent schon einmal eine Betriebszweiggemeindschaft eingehen. Wenn dein Kumpel einen Fehler macht wird auch Dir die Direktzahlungen gekürzt. Ich wurde von meinem Kumpel ziemlich beschissen….nie wieder!!!! Und noch was wer soll denn das viele Heu kaufen wenn keiner Heu kaufen darf????? Darum nicht blöde labern kauf doch Bio-Lebensmittel!!!

      1. Das Problem liegt halt bei der Einstellung der Bauern. Hätten die Bauern in den letzten Jahren etwas mehr in ökologischen Anbau investiert, würden diese Initiativen keine Chance haben. Jetzt ist es halt zu spät!

    3. Man sieht wo es überall ,diese Betriebszusammenschliessungen sind meistens ein Witz die halten inder Regel 2-7 Jahre dann ist die Euforie vorbei . Einer krampft der andere will nur noch Ökologie am liebsten in Geldform vomStaat . Das kann es nicht sein . Dann zuviel Bioprodukte auf dem Markt eure Preise sind dann siche futsch Milchmarkt lässt grüssen.

  2. die gleichen leute welche die TWI wortgenau umsetzen wollen, oder sagen das müsse man es sei so im initiatievtext geschrieben, sagen bei der pestizidiniatieve , die könne man wegen den importen nicht wortwörtlich umsetzen .Was jetzt? gilt der iniativtext oder bestimmt das parlament bei der ausformulierung. bitt ehrlich sein.

    1. In beiden Fällen bestimmt am Schluss die Verordnung. Und in beiden Fällen wissen wir nicht, wie die aussehen wird. Das Geschwafel der TWI-Befürworter bezüglich Futtertausch ist reine Spekulation. Bei der Pestizidinitiative ist klar, dass die WTO-Regeln zu beachten sind und es deshalb schwierig werden dürfte, von Importen die gleichen Produktionsbedingungen zu verlangen. Das wird „Bern“ aber kaum daran hindern, die Vorschriften für uns durchzusetzen.

    2. Wie bei den meisten Initiativen, würde wahrscheinlich nur die Hälfte umgesetzt werden. Masseneinwanderungs-und Alpeniniatitive lassen Grüssen. Also kein Grund zur Sorge.

  3. Rein theoretisch dürften nach der Abstimmung beider Iniativen nur noch 3.5 bis 4 mio. Menschen in der Schweiz leben. Das ist die Menge, die wir ernähren können. Die anderen 4.5 bis 5 mio. müssten in ein Land gehen, wo sie genug Lebensmittel für die eigene Bevölkerung haben. Da würden wir viele Fliegen auf einmal schlagen. Wir könnten die Massenhaltung von Menschen in der Schweiz reduzieren, die Biodiversität erhöhen, viele überbaute und versiegelte Fläche der Natur zurück geben usw.

  4. Bei einer Annahme der TWI schaft sich BIO ab. Da kann ich gut nachvollziehen, dass Bio Schweiz dagegen ist. Denn danach wird es konvenzionelle Betriebe geben (ohne Direktzahlungen), BIO (das neue Konvenzionell) und wahrscheindlich Demeter als neues BIO. Und dann würde es mich auch nicht erstaunen, wenn es plötzlich viel mehr Betriebe gäbe als vorher. Denn auch Messerli würde seinen Hühnerstall abkoppeln und zwei Betribe daraus machen; einer mit und einer ohne Direktzahlungen.

  5. Die TWI ist in erster Linie ein DZ Abschaffungsvehikel. Die grünliberale Ideologie (keine Subventionen, keine CH Produktion) ist unverkennbar, DZ Abschaffer aus der FDP hocken auf dem Beifahrersitz.
    Wenn es ums Wasser ginge, würden alle Verursacher zum Handeln aufgefordert.

    1. Die TWI will keine Abschaffung der DZ. Bio profitiert weiter davon.
      Die Abschaffung der DZ für die gummige, betrugsanfällige OeLN ist überfällig. Sie ist eines stolzen Bauern nicht würdig.
      Deshalb JA zur TWI!!

      1. Fritz, wie konkret profitiert der einzelne Biobauer?
        Die Schadenfreude wenn der Nachbar auf DZ verzichtet kann’s ja nicht sein.
        Die zusätzliche Konkurrenz auf dem beschränkten Biomarkt auch nicht.
        Also wie konkret?

        1. Wenn die Initiative angenommen wird, braucht es zwangsläufig mehr Biohöfe, da die Nachfrage nach Bio drastisch steigen wird. Heisst für den Bio- Bauer eine bessere Entlohnung.

          1. @Schwips Frau Herren hat an ihrer Pressekonferenz aber angekündigt
            die Preise für Bioprodukte würden sinken.
            Sorry, aber Frau Herren ist diesbezüglich kompetenter als du.
            Woher weisst du ob die Nachfrage nach Bio steigen wird?

    2. Es geht nicht nur ums Wasser, sondern auch um die Umwelt die damit zusammenhängt. Es geht um Bienen. Fische, Vogel und Krebse. Es geht um die Zukunft unserer Natur.
      Dafür muss man irgendwo anfangen. Das man damit anfängt Umweltgifte, die in die Natur gespritzt werden, zu verbieten halte ich für gar nicht so abwägig.
      Klar, wir haben auch noch andere Baustellen, das macht aber dieses Problem nicht besser.

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