Montag, 27. Juni 2022
24.03.2022 14:20
Agrarwirtschaft

Krieg: Folgen für die Schweizer Bauern

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Von: Harry Rosenbaum, lid

Russland und die Ukraine sind die Kornkammern Europas und wichtige Dünger-Exporteure auf dem Weltmarkt. Für die Schweizer Landwirtschaft hat der Krieg in Osteuropa vorerst begrenzte Folgen. Was längerfristig passiert, ist aber nicht absehbar.

Spürbar ist der Konflikt am ehesten bei den Preisen für Düngemittel. Sie schiessen massiv in die Höhe. Zudem zeichnet sich weltweit eine Verknappung ab. Für die Landwirtschaft und den Gartenbau eine ernstzunehmende Situation.

Denn Dünger ist unerlässlich für die Bereicherung des Nährstoffangebots bei den Kulturpflanzen. Die mineralischen Stoffe und Stoffgemische sorgen für schnelleres Wachstum und höhere Ernteerträge.

Düngerpreise massiv gestiegen

Wie schätzt das Bundesamt für Landwirtschaft BLW die derzeitige Situation auf dem Schweizer Düngermarkt ein? «Im Allgemeinen sind die Preise für Stickstoffdünger im Vergleich zum Jahresbeginn 2021 um das Zwei- bis Dreifache gestiegen», sagt Mediensprecherin Florie Marion. Verschiedene Faktoren spielten dabei eine Rolle: Der aussergewöhnliche Preisanstieg und die begrenzte Verfügbarkeit beim Erdgas. Dieser Energieträger würde für die Herstellung von Ammoniak benötigt. Die Produktion von Stickstoff sei derzeit so teuer, dass in Europa einige Fabriken auf Leerlauf umgeschaltet hätten oder ganz stillgelegt worden seien.

Florie Marion nennt als weitere Faktoren die Einschränkung des russischen Angebots und die steigenden Frachtkosten. «Die Probleme auf dem Düngermarkt haben aber schon vor dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine begonnen.» Wie reagiert jetzt die Landwirtschaft auf die prekäre Situation, herrscht Panik? «Für das laufende Jahr haben die Landwirte und Landwirtinnen bereits die Bestellungen beziehungsweise den Kauf von Mineraldünger getätigt», sagt die Mediensprecherin des BLW.

Zehn Prozent der chemischen Düngemittel, die aus mehreren Nährstoffen bestehen, kommen aus Russland
agrarfoto

Nachbarländer wichtigste Lieferanten

Etwa 40 Prozent des Kalidüngers auf dem Weltmarkt sollen aus Russland und Weissrussland stammen. Diese Lieferketten sind derzeit aber lahmgelegt. Können die Ausfälle durch andere Exportländer kompensiert werden?  «Die Schweiz importierte 2021 rund elf Prozent der kalireichen chemischen Düngemittel aus Russland und etwa fünf Prozent aus Weissrussland», sagt Florie Marion.

«Zudem stammen zehn Prozent der chemischen Düngemittel, die aus mehreren Nährstoffen bestehen, aus Russland. Deutschland und Frankreich sind mit rund siebzig Prozent für die Schweiz die wichtigsten Lieferländer für kalireiche Düngemittel», fährt sie fort.

Weiterer Preisanstieg möglich

Die landwirtschaftlichen Böden in der Schweiz seien gut mit Kali versorgt und auch Hofdünger sei eine hervorragende Quelle, um die Fruchtbarkeit der Böden zu erhalten, führte die Mediensprecherin weiter aus. Ein möglicher Ausfall der Lieferungen kalireicher Mineraldünger aus Russland und Weissrussland sollte daher nicht gleich ersetzt werden.

«In Fällen, in denen ein Lieferant eine Belieferung nicht mehr sicherstellen kann, sucht die Wirtschaft rasch nach alternativen Lieferquellen. In welchem Umfang dies derzeit möglich ist, wissen die Anbieter von Düngemitteln. Generell kann gesagt werden, dass je höher der Mengenausfall ist, desto schwieriger sind Ersatzbeschaffungen», sagt die BLW-Sprecherin.

Wird sich die Preisspirale beim Dünger noch weiter nach oben drehen? Marion schliesst das nicht aus. «Aufgrund der aktuellen politischen Lage und der weltweiten Entwicklung von Angebot und Nachfrage ist es denkbar, dass die Preise weiter steigen werden», fährt sie fort.

Dünger genügend verfügbar

Auf dem Schweizer Dünger-Markt sind derzeit die hohen Preise das Hauptproblem. Diese Entwicklung bereiten auch Jürg Friedli, Geschäftsleiter bei Landor Fenaco, und Fenaco-Mediensprecher Samuel Eckstein grosse Sorgen. «Der notwendige Dünger für die Pflanzenbausaison 2022 ist dank dem Schweizer Vorbezugssystem zu einem guten Teil schon auf den Bauernhöfen. Die Waren sind also verfügbar», heisst es beim Agrarkonzern. Mit der aktuellen Lage steige allerdings der Druck auf die Produktionskosten der Bauernfamilien.

Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) schreibt vor, dass der schweizweite Jahresbedarf für Stickstoffdünger eingelagert werden muss. Nützt diese Vorschrift in der gegenwärtigen Situation? «Die Pflichtlagerhaltung für Stickstoffdünger ist sicher sinnvoll. Falls sich die Krise weiter verschärfen sollte, könnte man auf diese Bestände zurückgreifen. Dünger ist genügend verfügbar», heisst es bei der Fenaco weiter. In punkto Preisentwicklung auf dem Dünger-Markt sieht man vorerst aber keine Entspannung. Zuverlässige Prognosen für die weitere Entwicklung seien derzeit nicht möglich.

Wachsende Weltbevölkerung

Der Ukraine-Krieg ist für die Fenaco nicht der eigentliche Preistreiber. «Wie überall bildet sich der Preis nach Angebot und Nachfrage. Weltweit gesehen ist der Hauptgrund die wachsende Weltbevölkerung. Länder wie China und Indien mit jeweils über einer Milliarde Menschen haben einen steigenden Bedarf an Nahrungsmitteln. Entsprechend steigt auch die Nachfrage nach Düngemitteln, um diese Nahrungsmittel zu produzieren», heisst es beim grössten Düngermittellieferanten der Schweiz.

Pflichtlager bezwecken die Vorratshaltung lebensnotwendiger Güter zur Überbrückung von Krisen und Mangellagen. Die importabhängige Schweiz lagert deshalb als vorsorgliche Massnahme systematisch Nahrungs- und Futtermittel in Pflichtlagern. Welche Waren für wie lange in welchen Mengen vorzuhalten sind, wird vom Bund vorgegeben.
Ruedi Haudenschild

Pflichtlager geben gewisse Sicherheit

Ohne Dünger keine Ernte oder nur eine sehr dürftige. An dieser Tatsache kann auch der Verband der Schweizer Gemüseproduzenten (VSGP) nichts ändern. Lösen die Probleme auf dem Düngermarkt jetzt bei den Schweizer Gemüseproduzenten Panik aus? «Die Situation ist schon seit geraumer Zeit angespannt», sagt Markus Waber, stellvertretender VSGP-Direktor. «Seit Monaten beobachtet man Lieferengpässe und Preisanstiege bei fast allen Vorleistungen. Es wäre falsch in Panik zu verfallen. Eine vorausschauende Planung ist aber in jedem Fall geboten», hält er fest.

Nützt die durch das BWL vorgeschriebene Einlagerung von Stickstoffdünger den Gemüseproduzenten in der jetzigen Situation? «Das WBF hat dieses Pflichtlager aufgrund der angespannten Versorgungslage bereits im Dezember freigegeben», sagt Markus Waber. Das Pflichtlager-System biete eine gewisse Sicherheit auf absehbare Zeit, wovon auch die Gemüseproduzenten profitierten. So sollte die Düngerversorgung für den Saisonstart gesichert sein. Der VSGP beobachte die weitere Entwicklung.

Der VSGP kritisiert einen Preiskampf auf dem Rücken der Produzenten.
Jonas Ingold

«Preiskampf auf Rücken der Gemüseproduzenten»

Neben dem Preisschub beim Dünger fallen für die Gemüseproduzenten aber auch die sehr hohen Preise für Gas ins Gewicht. Damit müssen die Gewächshäuser beheizt werden. Die Preisspirale wird sich möglicherweise beim Dünger und beim Gas weiter nach oben drehen. Stehen durch diese drohende Entwicklung demnächst viele Gemüseproduzenten vor der Existenzfrage? «Auf Grund der herrschenden Inflation haben die Produzenten bei allen Positionen mit steigenden Kosten zu kämpfen. Darunter fallen Vorleistungen, Verpackung und Transport», sagt Markus Waber.

Zum Saisonstart herrsche grosse Unruhe, weil der Detailhandel seit geraumer Zeit einen harten Preiskampf auf dem Rücken der Produzenten austrage. «Wir beobachten, dass Produzenten mit Blick auf die steigenden Kosten auch teilweise bereits vereinbarte Preise bei den Abnehmern korrigieren konnten. Wenn der Detailhandel aber nicht dazu bereit ist, gefährdet er die Existenz gewisser Betriebe – insbesondere jener, welche noch mit den Folgen des letzten Jahres zu kämpfen haben. Dazu gehören Ernteverluste und Infrastrukturschäden», warnt Waber.

Futtermittel: Russland und Ukraine nicht so wichtig

Neben dem Dünger gibt es wegen der kriegerischen Ereignisse in Osteuropa auch Probleme bei den Futtermitteln. In der Ukraine sind schätzungsweise 30 Millionen Tonnen Mais und etwa 20 Millionen Tonnen Weizen blockiert oder vernichtet worden. Auch Russland ist ein bedeutender Lieferant von Rohstoffen für die Futtermittelindustrie. Durch die Sanktionen ist diese Lieferkette aber gänzlich lahmgelegt. Sind deswegen in der Schweizer Futtermittelproduktion bereits Ausfälle eingetreten? «Aufgrund der schlechten Ernte 2021 und aufgrund der instabilen Wetterbedingungen müsse die Situation beobachtet werden», sagt Florie Marion vom BLW.

Russland und die Ukraine gehören für die Schweiz nicht zu den wichtigsten Lieferanten von Futtergetreide. Frankreich ist beim Futterweizen der wichtigste Lieferant, gefolgt von Deutschland und Rumänien. Bei der Gerste ist Deutschland die Nummer Eins, Nummer Zwei ist Frankreich und Nummer Drei die Slowakei. Hauptlieferant für Futterhafer ist ebenfalls Deutschland, gefolgt von Tschechien und Frankreich. Beim Futtermais steht Frankreich zuoberst, dann folgen Deutschland und Rumänien.

Mischfutter wird teurer

Für Mischfutter müssen Bauern mehr bezahlen.
Jonas Ingold

Spüren die Schweizer Futtermittelfabrikanten die Verwerfungen auf dem Markt bereits? «Physisch sind sie noch nicht direkt spürbar», sagt Christian Oesch, Geschäftsführer der Vereinigung Schweizerischer Futtermittelfabrikanten. «Wir stellen jedoch fest, dass die Preise sprunghaft angestiegen sind, was wiederum die Mischfutterpreise verteuert.»

Als Reaktion den Krieg in der Ukraine hat das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) den Grenzschutz für verschiedene Futtergetreide angepasst. Die tieferen Einfuhrzölle traten am 15. März 2022 in Kraft. Kann diese aussergewöhnliche Grenzschutzreduktion die angestiegenen und wahrscheinlich noch weiter ansteigenden Preise bei den Futtermitteln ausbalancieren? «Das Schwellenpreissystem führt normalerweise dazu, dass sich die Preise franko Grenze verzollt innerhalb dem Preisband von plusminus drei Franken um den Schwellenpreis bewegen», sagt Christian Oesch.

Zollschutzsystem federt nicht mehr ab

«Wir haben Rückmeldungen von Mitgliedern, dass bei Weizen die Preise franko Mischfutterwerk bereits über dem oberen Preisband liegen. Das Zollschutzsystem federt also nicht mehr ab», fährt er fort.

Sind die Rohstoff-Lagerbestände bei den Fabrikanten gross genug, um bereits bestehende oder künftige Lieferengpässe oder Lieferunterbrüche im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg überbrücken zu können? «Die Schweizer Mischfutterindustrie verfügt über beschränkte freie Lagerbestände. Diese sind je nach Mischfutterwerk unterschiedlich gross», sagt Christian Oesch. Im Falle einer schweren Versorgungslage könnte das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) die Pflichtlager für Energie- und Proteinträger zu Futterzwecken freigeben.

Detailhandel: Backwaren teurer

Preisschübe beim Getreide – vor allem beim Weizen – Lieferengpässe oder -ausfälle wirken direkt auf die Nahrungsmittel. Brot und Teigwaren werden in nächster Zeit voraussichtlich spürbar teurer. Aber auch die Versorgung mit Mais, Soja, Sonnenblumen-Rohöl und anderen Nahrungsmittelgrundstoffen wird schwieriger. Russland und die Ukraine gehören zu wichtigen Exporteuren dieser lebensnotwendigen Güter.

Wie reagiert der Detailhandel – ist mit Auswirkungen auf das Lebensmittelsortiment in den Läden zurechnen? «Dies ist aktuell nicht der Fall», sagt Kevin Blättler, Mediensprecher bei Coop. «Die Bedeutung von Produkten aus der Ukraine ist bei Coop marginal. Wir setzen auf ein breites Sortiment und eine längerfristige Lagerplanung. Generelle Engpässe sind kein Thema.»

Sind infolge des Konflikts in Osteuropa höhere Konsumentenpreise zu erwarten? Mittelfristig werden bei Coop keine Auswirkungen auf die Preise oder auf die Beschaffung von Gütern erwartet. «Die letztjährige Ernte ist bereits in unseren Lagern», sagt der Coop-Sprecher. «Längerfristig gilt es die Entwicklung abzuwarten.» Gibt es bei Coop einen Plan B um die Auswirkungen des Ukraine-Krieges abzufedern? «Wir haben eine Taskforce einberufen, welche die Situation genau beobachtet und gegebenenfalls Massnahmen umsetzt», sagt der Mediensprecher.

Die Migros bezieht grössere Mengen Sonnenblumenöl aus der Ukraine.
Bruno

Migros: 70% aus der Schweiz

Auch die Migros hat die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf das Ladensortiment unter Kontrolle. «Die Rohstoffsituation ist bereits angespannt und der Krieg in der Ukraine wird nicht zu einer Entspannung beitragen, im Gegenteil», sagt Medienstellen-Leiter Marcel Schlatter. «Unsere Produktionsbetriebe beziehen relevante Mengen an Sonnenblumenöl aus der Ukraine. Es lässt sich im Moment aber noch nicht abschätzen, wie stark wir von Lieferausfällen betroffen sein werden. Wir sind im Moment daran, uns einen Überblick zu verschaffen und mögliche Alternativen zu prüfen», so der Sprecher.

Preiserhöhungen im Laden könnten per se nicht ausgeschlossen werden, sagt der Medienstellen-Leiter. Wegen der Probleme in der globalen Logistik sowie aufgrund von Ernteausfällen habe es bereits Anfang Jahr bei einigen Produkten Preiserhöhungen gegeben. Wenn immer möglich beziehe die Migros ihre Produkte aus der Schweiz, sagt Marcel Schlatter. «Bei den Lebensmitteln stammen heute rund 70 Prozent des Angebots von hier. Aufgrund des knappen Angebots ist eine Steigerung aber nicht so einfach möglich», hält er fest.

Landi: Lieferschwierigkeiten

Bei den Landi-Läden wird laut Fenaco damit gerechnet, dass es bei gewissen Produkten wegen des Konflikts in der Ukraine zu Lieferschwierigkeiten kommen könnte, beispielsweise bei Gartenholz, Brennstoffen und Metallwaren. Bereits jetzt werde nach entsprechenden Alternativen gesucht, heisst es.

Der Konflikt in Osteuropa und die Weltwirtschaftslage gemeinhin sorgten für den weiteren Anstieg der bereits erhöhten Preise für Rohstoffe und Energie. Dies wirke sich auf die Beschaffungs- und Logistikkosten der Landi-Läden aus. Soweit möglich würde dieser Anstieg kompensiert, wo es aber nicht möglich sei, müssten punktuelle Preiserhöhungen vorgenommen werden.

Die Schwarzböden in der Ukraine sind für Getreide bestens geeignet. Wenn über den Hafen von Odessa kein Getreide mehr exportiert wird, hat das fatale Folgen für zahlreiche Staaten und deren Bevölkerung.
Pixabay

BLW sieht keine dramatische Lage

Die Schweizer Landwirtschaft dürfte bei der Ukraine-Krise mit einem blauen Auge davonkommen. Jedenfalls beurteilt das BLW die Auswirkungen des Krieges in Osteuropa gegenwärtig nicht als dramatisch. «Die Versorgung mit lebenswichtigen Nahrungsmitteln ist derzeit sichergestellt», sagt BLW-Sprecherin Florie Marion. Die Inlandproduktion trage wesentlich zur Selbstversorgung bei.

Gleichwohl seien aber auch Importe nötig. Ob und in welchen Bereichen Auswirkungen des Ukraine-Konflikts auf Importe mit Nahrungsmittel zu erwarten seien, werde derzeit umfassend analysiert. Sollten Engpässen auftreten, dann stünden Pflichtlager für Grundnahrungsmittel zur Verfügung.

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