Donnerstag, 8. Dezember 2022
16.11.2022 14:30
Bio Suisse

Migros bekommt kräftig Schelte

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Von: sal

Weil die Migros die Knospe auf breiter Front später als erwartet in die Läden bringt, musste und muss Bio Suisse sparen. Mehrere Bio-Suisse-Delegierte kritisierten die Migros, die das absichtlich mache, und die Führung der Bio Suisse, die sich von der Migros an der Nase herumführen lasse. Die Führung entgegnete, die Migros sei ein wertvoller Partner. 

In seiner Begrüssungsrede im Stadttheater in Olten SO vor 94 Delegierten ging Bio-Suisse-Präsident Urs Brändli auf die Aussage von Syngenta-Chef Erik Frywald ein, wonach Bio «Lifestyle der Reichen sei und für Hunger bei den Armen sorge».

Diese Fake News sei souverän gekontert worden, so Brändli. Bio sei vielmehr ein gesetzlich geregeltes und zugleich enkeltaugliches Produktionssystem. «Wer naturbasierten Anbau mit regenerativer Wirkung und die Berücksichtigung der sozialen Aspekte wünscht, wählt die Knospe!», so Brändli.

Wird bei Bio-Essen gespart? 

Die Wirtschaftslage und die Energieversorgung seien unsicher, so Brändli weiter. Alle seien davon betroffen. «Doch wie reagiert unsere Kundschaft im nächsten Jahr auf die Preissteigerungen, die zu erwarten sind?  Trotzt der Biomarkt der Situation, wie so oft in vergangenen Krisenzeiten, oder wird vermehrt beim Essen gespart? Eine mögliche Entwicklung, die nachdenklich stimmt», sagte Brändli wörtlich.

Der Migros-Marketing-Chef hat im September im Migros-Magazin gesagt, dass die Bio-Umsätze leicht rückläufig seien. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass seit dem Ende der Corona-Massnahmen wieder weniger oft in den Supermärkten eingekauft wird.

Jahr 2022 geprägt durch Sparmassnahmen

Bio-Suisse-Geschäftsführer Balz Strasser begrüsste die Delegierten im Namen der Geschäftsstelle. Dort sei das laufende Jahr von der Einleitung von Sparmassnahmen geprägt gewesen, nachdem klar geworden sei, dass die Einnahmen nach unten korrigiert werden mussten. «Die aktuellen Unsicherheiten im Detailhandel mussten im Budget reflektiert werden», so Strasser.

Er nannte den Namen Migros nicht, deren verzögertes Einführen der Knospe auf den Migros-Produkten (und damit Einhaltung aller Richtlinien der Knospe in der Verarbeitung der Produkte) massgeblich zum Loch in der Kasse beigetragen hat. Man werde der Versammlung ein realistisches und den Umständen entsprechendes Budget für 2023 präsentieren. Später sagte Strasser, dem Markt gehe es im Moment nicht so gut, und eigentlich möchte man mehr Werbung schalten, «damit wieder mehr Bio gekauft wird».

3,5 Millionen Franken weniger Lizenzeinnahmen

Später präsentierte Vorstandsmitglied Cédric Guillod die Zahlen. Statt 16.5 Mio. Fr. Lizeneinnahmen für 2023 sei unter dem Jahr eine Korrektur erfolgt auf 13 Mio. Fr. Lizeneinnahmen. Guillod erwähnte auch die Rolle der Migros dabei.

Gespart worden sei insbesondere in der Kommunikation, etwa bei den Werbespots am TV. Der nun budgetierte Verlust für 2022 betrage 438’000 Franken, im einstigen Budget seien es 297’000 Franken Verlust gewesen.

Trotzdem in die Zukunft investiert 

Gleichzeitig war es Strasser wichtig, zu betonen, dass der langfristige Trend zu mehr Bio und zu ökologischen Agrarsystemen ungebrochen weiterlaufe, das freue ihn sehr. Bio sei und bleibe eine gute Lösung, auch für die Zukunft. Man habe im letzten Jahr trotz allem viel in die Zukunft investieren. Als Beispiel nannte er die Ackerbauoffensive, mit der Bio Suisse 14’000 Hektaren neue offene Bio-Ackerfläche gewonnen werden soll. Das werde 2023 so richtig starten.

Das zweite Beispiel Strassers betraf die neue Marke «Bio Cuisine». Man könne jetzt der Gastronomie inklusive der Gemeinschaftsgastronomie ein sehr attraktives Angebot machen, das komme im Januar und werde positive Auswirkungen auf die Biobetriebe haben, weil die Nachfrage steigen soll. Wichtig zu sehen ist, dass nur deshalb nicht noch viel härter gespart werden musste, weil im Jahr 2022 gemäss neuem Budget 2,6 Mio. Fr. Reserven aufgelöst wurden (vielleicht ist die Entwicklung dann doch etwas besser, sodass einige wenige Hunderttausend Franken weniger Reserven aufgelöst werden musste).

Budget 2023 mit schwarzer Null

Cédric Guillod und Balz Strasser präsentierten das Budget 2023. Es sieht eine schwarze Null vor, budgetiert ist ein Gewinn von 6760 Franken bei einem Aufwand und einem Ertrag von rund 25 Millionen Franken. Bei den Lizenzeinnahmen sind jetzt 15,8 Mio. Fr. budgetiert, also weniger als ursprünglich für 2023. Die Personalkosten aber könnten nicht reduziert werden, auch weil die Umstellung der Migros (3000-4000 Produkte mit Knospe) nach wie vor viel Aufwand verursache.

Auch aufwändig seien internationale Kontrollen, weil man dort wachse, und die Umsetzung der sozialen Knospe-Kriterien Eine Sparmassnahme sei unter anderem, dass Bio Gourmet Knospe 2023 nicht durchgeführt werde (aber 2024 wieder). Auch bei den Mitgliedorganisationen von Bio Suisse würden 33’000 Franken gespart, das tue man ungern, aber letztlich gehe es um Opfersymmetrie, und das sei nur vorübergehend.

Reserven in Millionenhöhe aufgelöst

Auch 2023 werden wie 2022 Reserven aufgelöst, budgetiert sind auch wieder 830’000 Franken, wie Guillod und Strasser ausführten. So sollen Ende 2023 nur noch 922’000 Franken als Reserven übrigbleiben. Bei den Reserven gibt es mit der Einführung der Steuerpflicht ab 2025 Änderungen, die ein engeres Korsett bilden.

Thomas Herwig, Bio Jura, wollte wissen, wie künftig Reserven gebildet würden. Romain Beuret, Bio Jura, stiess ins selbe Horn. Die Bio-Suisse-Finanzchefin sagte, man werde dies mit der Revisionsstelle BDO besprechen, das Anliegen sei entgegen genommen. Ein Konzept für zukünftiges Sparen wurde noch nicht aufgezeigt. Das Budget wurde mit grosser Mehrheit angenommen, aber es gab 12 Gegenstimmen und 5 Enthaltungen. 

«Bio Suisse ist ein aufgeblähter Verband»

Zuvor verschafften sich mehrere Mitglieder Luft, indem sie Kritik übten. Christoph Widmer von Luzern sagte, der Verband überborde angesichts steigender Lizenzeinnahmen, er sei aufgebläht. Die Lizenzgebühren würden die Produkte verteuern, dabei sollten sich doch alle Menschen Bioprodukte leisten können. Hier verwiesen Präsident Brändli und Geschäftsführer Strasser auf die gestiegene Anzahl der Aufgaben. Strasser gab aber auch zu, dass die Sparübung der Geschäftsstelle auch gutgetan habe und sagte sogar, dass es etwas Speck gegeben habe.

Brändli sagte, die Lizenzgebühren betrügen 0,9%, bei einem Bioeinkauf von 100 Franken mache das folglich 90 Rappen aus, das falle nicht stark ins Gewicht beim Kaufentscheid. Georg Frick, Bio Lichtenstein, sagte, man hätte eben doch im Frühling 2022 dem Antrag von Res Bärtschi, Bio Bern, zustimmen müssen, der eine 10-prozentige Senkung der Mitgliederbeiträge und Lizenzbeiträge wollte. Brändli entgegnet, dass man mit diesem Antrag jetzt noch deutlich stärker hätte sparen müssen. Strasser betont, dass Bio-Organisationen im Ausland neidisch auf die Bio Suisse seien, weil diese via Knospe Lizenzeinnahmen habe. 

Migros-Schelte durch Delegierte

Dann kam die Migros an die Kasse. Der Delegierte Samuel Ineichen, Bio Aargau, warf der Migros vor, die Umsetzung der Bioknospe auf ihren Produkten verzögere sie aus taktischen Gründen. Er frage sich, ob Bio Suisse da jedes Spiel mitmachen müsse. Sepp Sennhauser, Bio Ostschweiz, sagte, Bio Suisse sei in dieser Sache sehr naiv gewesen, die Migros funktioniere eben so, sie sei ein knallharter Partner. Bio Suisse habe jetzt Mehrkosten und Mindereinnahmen gegenüber dem Budget, müsse sogar bei den Mitgliedorganisationen sparen. Da frage er sich, ob man ihr noch den roten Teppich ausrollen müsse. Frank Siffert, Bio-Vaud, kritisierte, dass die Migros aktuell nur einige Produkte mit der Knospe im Laden habe, genau das, was man eben bei Aldi und Lidl nicht wollte und ihnen deswegen die Knospe verwehrt habe.

Brändli und Strasser verteidigten die Migros. Sie erlebten sie als gute Partnerin. Aber bei der Migros sei der Aufwand zur Umstellung unterschätzt werden. Bald stehe ein Spitzengespräch an, da werde man die entstandenen Mehrkosten hinlegen und fragen, ob Migros etwas tun könne. Man habe mit der Migros einen Pfad definiert, am Ende werde sie sehr viele Knospe-Produkte haben, da werde das Reglement eingehalten werden. Man unterstütze die Migros jetzt, sodass sie möglichst rasch die Knospe auf breiter Front in die Läden bringe.

Klar wurde, dass Aufwand auch deshalb entsteht, weil die Migros-Industrie mit vielen Forderungen kommt und in Unkenntnis oder in Absicht Ausnahmen will, die Bio Suisse dann ablehnen muss in einem Hin und Her. Brändli sagte auch, die Migros stelle drum auf die Knospe um, weil sie gemerkt habe, dass ihre Marke Bio Migros nicht genügend gut positioniert sei am Markt. 

Richtlinien im Bereich Apfelessig werden abgeschwächt

Die Organisationen Biovalais, OBV, Bio ZH/SH, biofarm, Bio Ostschweiz und Bio Aargau beantragten, die Verwendung von Konzentrat für die Herstellung von pasteurisiertem Apfelessig zu erlauben und der Markenkommission Verarbeitung (MKV) den Auftrag zu erteilen, die Richtlinien dementsprechend anzupassen.

Adrian Iten, Bio Zug, sprach sich dagegen aus, man solle nicht Marktprobleme über die Richtlinien lösen. Auch Dieter Peltzer von der Geschäftsstelle warnte vor einem Glaubwürdigkeitsverlust. Doch es gab eine klare Mehrheit dafür, aus Zeitgründen wurden die Stimmen nicht ausgezählt. 

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4 Responses

  1. Interessant ist, dass niemand auf die Idee kam, dass Bio Suisse viel zu optimistisch budgetiert haben könnte und deshalb auf der Ausgabenseite ebenfalls viel zu viel aufgegleist wurde. Wie ich schon in meinem Antrag formulierte, gibt es durchaus Projekte, die man streichen kann, ohne dass etwas gravierendes passiert.

    1. Auf einen Bauern kommen halt 100 Umwelt Ingenieure und Marketingfachfrauen.
      Gefühlt gibt’s es schliesslich auch 100 Architekten auf einen Maurer.

      So ist halt die heutige Welt.

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