Freitag, 24. September 2021
21.12.2020 13:18
Agrarwirtschaft

Wie viel Selbstversorgung soll es sein?

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Von: Melina Griffin, lid

Die Schweiz, ein Land, in dem Milch und Honig fliessen. Selbst während einer globalen Pandemie können alle erdenklichen Lebensmittel eingekauft werden. Und das, obwohl die Schweiz nur etwas über die Hälfte der konsumierten Lebensmittel selbst produziert. Kommt das gut?

Ein wichtiges Ziel der Schweizer Landwirtschaft ist die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. Das Schweizer Stimmvolk hat am 27. September 2017 die Verankerung der Ernährungssicherheit in der Verfassung angenommen. Artikel 104a gibt Bundesrat, Parlament und Verwaltung den Auftrag, die Schweizer Landwirtschaft und das Kulturland besser zu schützen.

Artikel 104a

Laut Artikel 104a zur Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln schafft der Bund Voraussetzungen für:

  • a. die Sicherung der Grundlagen für die landwirtschaftliche Produktion, insbesondere des Kulturlandes;
  • b. eine standortangepasste und ressourceneffiziente Lebensmittelproduktion;
  • c. eine auf den Markt ausgerichtete Land- und Ernährungswirtschaft;
  • d. grenzüberschreitende Handelsbeziehungen, die zur nachhaltigen Entwicklung der Land- und Ernährungswirtschaft beitragen;
  • e. einen ressourcenschonenden Umgang mit Lebensmitteln.

Statistischer Verbrauch

Allerdings können nicht alle Lebensmittel, die wir in der Schweiz konsumieren, auf Schweizer Boden produziert werden. Die statistische Abteilung des Bauernverbandes Agristat hält in ihrer Nahrungsmittelbilanz (NMB08) Zahlen zur Nahrungsmittelversorgung fest.

Die Nahrungsmittelbilanz wird gemäss der Formel «Verbrauch = Inlandproduktion – Exporte + Importe – Vorräteveränderung» berechnet. Genau genommen entspricht der statistische Verbrauch allerdings nicht dem eigentlichen Verzehr, sondern dem Angebot, das auf Stufe Aussenhandel oder erster Verarbeitungsstufe zur Verfügung steht.

Weiter ist die Definition wichtig, ob es sich um einen energie- oder mengenmässigen Verbrauch handelt. Gewichtsangaben können für Betrachtungen innerhalb einer Nahrungsmittelgruppe nützlich sein. Für umfassendere Betrachtungen eignen sich die Informationen zum Gehalt an Hauptnährstoffen (Eiweiss, Fett und Kohlenhydrate) besser (siehe Punkt «Rechnerische Details»). Die geläufigen Zahlen zum Selbstversorgungsgrad basieren auf der Energie der im Inland produzierten Nahrungsmittel, in Prozent der gesamthaft verbrauchten Energie.

Brutto-Selbstversorgungsgrad: 58%

Der Selbstversorgungsgrad gibt den prozentualen Anteil der Inlandproduktion am inländischen Gesamtverbrauch an. Er berechnet sich gemäss Agrarbericht aus der Formel Produktion plus Import abzüglich Export und Vorräteveränderungen. Zur Berechnung wird die verwertbare Energie gemäss Nahrungsmittelbilanz verwendet, inklusive alkoholischer Getränke. 2018 betrug der Selbstversorgungsgrad (SVG) brutto laut Agristat 58%.

Mit anderen Worten: Über die Hälfte der gesamthaft verbrauchten Energie aus Nahrungsmitteln wurde im Inland produziert. Dabei zeigen unterschiedliche Produktgruppen unterschiedliche Grade an Selbstversorgung. Pflanzliche Lebensmittel wiesen 40% SVG auf, während bei den tierischen Lebensmitteln die Selbstversorgung zu 100% gewährleistet ist.

Topographische Einflüsse

Verschiedene Produktgruppen zeigen einen unterschiedlichen Grad an Selbstversorgung. Milch und Milchprodukte sowie tierische Fette übersteigen die absolute Selbstversorgung. Das heisst, dass die Schweiz in diesen Kategorien insgesamt exportiert. Käse und Milch sind denn auch die einzigen Lebensmittel, welche die Schweiz im grossen Stil exportiert. Milch ist gemeinsam mit nicht-alkoholischen Getränken auf Rang 15 im Schweizer Exportverzeichnis 2019 zu finden (Exportwert: USD 1‘815’350’000), während Käse auf Rang 59 steht (Exportwert: USD 635‘820‘000).

Die landwirtschaftliche Nutzfläche in der Schweiz bestand 2018 aus 70% Grünflächen (Wiesen und Weiden). Laut Bundesamt für Statistik machte das Getreide als wichtigste Ackerfrucht 14% aus. Kartoffeln-, Zucker- und Futterrüben bedeckten bloss 2.6% der landwirtschaftlichen Nutzfläche, Gemüse und Obst noch weniger.

Rechnerische Details 

Die Bilanz nach Energie erfasst die Gesamtenergie aufgrund der in den Nahrungsmitteln enthaltenen Nährstoffmengen, während die Bilanz nach Menge dazu dient, die Verfügbarkeit der Nahrungsmittel mengenmässig (Gewicht) zu erfassen. Die Einheiten Gewicht und Menge führen zu unterschiedlichen Aussagen: So liefern 153‘000 Tonnen pflanzliches Öl (2% der Gesamtmenge in Tonnen) 5’750 Terajoule Energie (15% der Gesamtmenge in TJ).

Dagegen konsumieren wir Gemüse (12% der Gesamtmenge in Tonnen), das uns nur 2% der gesamthaft benötigten Energie (in TJ) liefert. Gemäss Agristat schätzen Ernährungsphysiologen den effektiven Bedarf auf 9 – 10 MJ (1‘195 – 2‘151 kcal) verwertbare Energie pro Person und Tag.

Milch und Milchprodukte sowie tierische Fette übersteigen die absolute Selbstversorgung.
Karin Nussbaum

Netto-SVG liegt tiefer 

Weil ein Teil der Produktion auf importierten Futtermitteln beruht, gibt es nebst dem Brutto-Selbstversorgungsgrad den Netto-Selbstversorgungsgrad (Netto-SVG), der die tierische Inlandproduktion um jenen Anteil reduziert, der mit importierten Futtermitteln produziert wird. Falls Schweizer Landwirte keine importierten Futtermittel einsetzen dürften, läge der SVG (netto, Jahr 2018) bei 51%. Der Netto-SVG bei tierischen Produkten (74%) zeigt, dass ohne importierte Futtermittel rund ein Viertel weniger tierische Lebensmittel produziert werden könnten.

Mit der Nahrungsmittelbilanz könne keine abschliessende Beurteilung der Ernährungssicherheit gemacht werden, da nicht alle Verwendungskanäle abgebildet würden, warnt Agristat. Nicht nur Futtermittel sind für die Produktion von tierischen Produkten wichtig. Auch Dünger, Saatgut, Setzlinge, Maschinenteile, Treibstoffe sowie andere Produktionsmittel müssen verfügbar bleiben, um den aktuellen Stand der Produktion aufrecht zu erhalten, so Agristat. Beispielsweise hängt die Mastpouletproduktion stark vom Ausland ab, weil mehr als die Hälfte der Schweizer Mastküken aus importierten Bruteiern stammt. Ein Wegfall dieser Importe würde die gesamte Schweizer Produktion betreffen

Wetterabhängigkeit

Es ist nicht möglich, alle Produktionsmittel sinnvoll in die Nahrungsmittelbilanz einzuschliessen. Dennoch ist es wichtig, bei der Verwendung der Daten diesen Aspekt nicht zu vergessen. Milch und Milchprodukte haben sich in den letzten 8 Jahren stabil gehalten, ebenso tierische Fette und Fleisch. Bei den pflanzlichen Lebensmitteln zeigen sich stärkere Fluktuationen, insbesondere bei den Kartoffeln oder bei den Früchten.

Grund dafür ist die höhere Wetterabhängigkeit pflanzlicher Produkte im Vergleich zu tierischen Lebensmitteln, die auf eine stabile Versorgung mit Futtermitteln aus dem Ausland zählen konnten. Bei den Eiern steigt die Selbstversorgung. Hühnereier werden immer beliebter, der Pro-Kopf-Konsum stieg im Jahr 2019 auf 184 Eier an. Parallel dazu nahm die Eierproduktion in der Schweiz zu, 2019 legten die Hennen knapp über eine Milliarde Eier.

Wie wichtig ist Schweizer Zucker?

Viele Zuckerrüben-Produzenten haben in den letzten Jahren ihre Produktion aufgegeben. Der Preiszerfall war schuld, hinzu kommen dieses Jahr Pflanzenkrankheiten. Die beiden Zuckerfabriken Aarberg und Frauenfeld brauchen aber für ihre Auslastung eine gewisse Mindestmenge an Rüben.

Die Schweizer Zucker AG plädiert für Schweizer Zucker, der 30% weniger die Umwelt belaste als EU-Zucker. Schweizer Zucker sei wichtig für einen «vernünftigen Selbstversorgungsgrad», so Guido Stäger, Geschäftsführer der Schweizer Zucker AG. Es gibt auch kritische Stimmen, die aus Gesundheitsgründen an der Bedeutung von Zucker zweifeln. Das gälte aber auch für Import-Zucker.

Viele Zuckerrüben-Produzenten haben in den letzten Jahren ihre Produktion aufgegeben.
SFZ

Ernährungssicherheit und die Politik 

Im Herbst 2018 kamen zwei Initiativen vors Volk. Die Initiative für Ernährungssouveränität forderte verschiedene Änderungen in der Landwirtschaftspolitik, unter anderem, dass mehr Lebensmittel in der Schweiz hergestellt werden und Importprodukte dieselben sozialen und ökologischen Normen erfüllen wie hiesige.

Die Initianten der Fair-Food-Initiative forderten, dass in der Schweiz mehr nachhaltig und fair produzierte Lebensmittel angeboten werden. Importierte Lebensmittel müssten den Schweizer Produktionsstandards entsprechen. Bei beiden Initiativen stellte sich das Stimmvolk hinter Bundesrat und Parlament und lehnte sie ab. In der Westschweiz erhielten die Initiativen deutlich stärkeren Zuspruch als in der Deutschschweiz.

Landwirtschaftsfläche pro Person sinkt

Die Forschungsanstalt Agroscope hielt in einer 2019 erschienenen Publikation fest, dass die verfügbare Landwirtschaftsfläche in der Schweiz genau gleich wie auf globaler Ebene stagniert, beziehungsweise leicht sinkt. Grund dafür ist ein erhöhter Flächenbedarf für die Siedlungs- und Infrastrukturentwicklung. Weil gleichzeitig die Bevölkerungszahl steigt, nimmt die inländische Landwirtschaftsfläche pro Person kontinuierlich ab.

Auch die Tierbestände nehmen leicht ab – mit Ausnahme der Geflügelhaltung. Weil prozentuale Produktivitätssteigerungen in der Schweiz ausgehend vom bereits hohen Niveau geringer sind als im weltweiten Durchschnitt, bleibt die gesamte Kalorienproduktion ungefähr konstant. Trotzdem könnte eine zusätzliche Abnahme eintreten, beispielsweise wenn die landwirtschaftlichen Produktionsverfahren weiter in Richtung umweltschonender Ressourcennutzung gehen, schreibt Agroscope.

Immer mehr Landwirtschafsland wird verbaut. 
Reto Blunier

Höherer Preisdruck

Ausserdem warnt Agroscope, dass Faktoren wie die zunehmende Konzentration im Agribusiness und daraus folgende Abhängigkeit von wenigen Anbietern, bestehende Unsicherheiten in den internationalen Handelsbeziehungen sowie die Folgen des Klimawandels die Versorgungssicherheit gefährden könnten. Der Klimawandel bringt häufigere Extremwetterereignisse, die zu Ertragsausfällen im In- und Ausland sowie Beeinträchtigungen der Transportkapazitäten führen können.

Exportprodukte aus der Schweizer Landwirtschaft werden voraussichtlich zwar global mehr nachgefragt, jedoch werde sich durch das ebenfalls steigende weltweite Angebot auch der Konkurrenz- sowie Preisdruck erhöhen, schreibt Agroscope.

Böden schonen auf Kalorien-Kosten

Der Alt-Bundesrat und damalige Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann hatte 2017 im Nationalrat bei der Diskussion um die Ernährungssicherheits-Initiative einen Brutto-SVG von 60% und einen Netto-SVG von 55% formuliert. Der Schweizer Bauernverband SBV hatte sich damit zufriedengegeben und seine Initiative zurückgezogen.

Für den Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW), Christian Hofer, bedeutet Ernährungssicherheit weit mehr als das Bereitstellen von genügend Kalorien, deshalb ist für ihn die Erhöhung des SVG keine plausible Lösung. Hofer stellte in einem Interview mit der NZZ im Mai 2020 klar, dass die Schweiz ohnehin zu wenig Land habe, um sich selbst zu versorgen, und fügte an, dass die Corona-Krise gezeigt habe, dass die Schweizer Strategie der Versorgungssicherheit funktioniere.

Den Fokus legt er lieber auf eine umweltschonende Produktion, ganz punktuell könne es sogar Sinn ergeben, mehr zu importieren und damit die Umwelt zu schonen. Um bei der nächsten Krise wieder auf fruchtbaren Böden anbauen zu können.

Für den Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW), Christian Hofer, bedeutet Ernährungssicherheit weit mehr als das Bereitstellen von genügend Kalorien.
Daniel Salzmann
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7 Responses

  1. Mit intensiver Landwirtschaft (die auch „nachhaltig“ ist) könnte der Selbstversorgungsgrad massiv gesteigert werden. „Ökologisch“ produzierte Lebensmittel benötigen mehr Ressourcen als konventionell, sog. industriell, erzeugte. „Die Bio-Esser brauchen 40 Prozent mehr landwirtschaftliche Fläche. Normale Esser ohne moralisches Sendungsbewusstsein benötigen pro Kopf etwa 1900 Quadratmeter Land, die Bio-Esser dagegen 2750.“ https://www.novo-argumente.com/artikel/weniger_acker_mehr_natur

    1. Wenn Du doch so ein Schlaumeier bist der es verstehen will anhand deiner Komentare, dann geh doch i9n die Politik und ändere was du so anderst siehst. Es zeigt sich immer wieder was du in wirklichkeit verstehst, nähmlich gar nichts, keine Ahnung heisst das ganz genau nur gross gage die ganz Ziet

    2. Dann aber bitte die nicht genutzte Fläche der nicht vorhandenen Rinder, (die übrigens für Gemüseplantagen genutzt werden kann) dem Vegetarier noch gutschreiben!

    3. Beat Furre r hat vollkommen recht, mit Bio würden wir zu wenig produzieren. Wir müssten mehr importieren von Betrieben die im Ausland immer grösser werden, siehe Osten Deutschland oder Russland, wo es Betriebe gibt bis zu einer halben Million Hektaren.

      1. Ich verstehe euer Theater nicht, was ihr daraus macht, es wird doch eh schon sehr viel importiert, das geht wohl nicht anderst. Wenn ihr aber nichts vom Boden und einer guten Produktion versteht und nur irgenwelchen Schweissdreck behauptet, solltet Ihr besser einfach ruhig sein, den eure Plemik, die ist hier nicht gefragt. Es Zeigen sehr viel IP+Bio dass es ganz anderst geht als ihr behauptet. Besser erst sich gut informieren statt nur zu Polemisieren.

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