Freitag, 22. Januar 2021
06.01.2021 12:04
Detailhandel

«Dieser Markt ist gnadenlos»

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Von: blu

Ob die Schweizer Landwirtschaft naturnah und tierfreundlich produziert, ist Sache der Konsumentinnen und Konsumenten und des Detailhandels. Dieser Ansicht ist der Schweizer Bauernverband (SBV). 

Vier von fünf Franken verdienen die Landwirtinnen und -wirte in der Schweiz mit dem Verkauf ihrer Produkte. Der Absatz läuft grösstenteils über den Detailhandel. Und «dieser Markt ist gnadenlos», teilte der SBV am Mittwoch mit. Mit der Preisgestaltung würden die Detailhändler jeden Durchbruch in Richtung einer naturnäheren und tierfreundlicheren Landwirtschaft verhindern.

Kosten der Bauern nicht gedeckt

Denn die Labelproduktion lohnt sich vor allem für den Detailhandel, aber nicht für die Bauern. Dies geht aus einer jüngst publizierten Studie der Forschungsanstalt Agroscope hervor. Die Forscher untersuchten die Produktion bei Rindern und Schweinen auf IP-Suisse-Betrieben.

Die Resultate sind ernüchternd. Die Tierwohlprämie bei der Rindermast wird zu zwei Dritteln vom Markt und zu einem Drittel durch Direktzahlungen des Bundes finanziert.

Die Kosten für das höhere Tierwohl auf den IP-Suisse-Betrieben sind dadurch allerdings nur zu 72% gedeckt. Damit die Mehrkosten gedeckt wären, müssten die Marktprämie um 60% bzw. die Bundesbeiträge um 116% höher sein.

Die Kosten der Tierwohl-Leistungen bei den IP-Suisse Rindviehmast-Betrieben sind nur zu 72% von der Tierwohlprämie gedeckt (Labelprämie + BTS/RAUSBeiträge)
Agroscope

In der Schweinemast wird die Tierwohlprämie zu knapp 60% vom Markt und zu gut 40% vom Bund finanziert. Die Kosten der Tierwohl-Leistungen auf den IP-Suisse-Betrieben sind zu 91% von der Tierwohlprämie gedeckt.

Damit die Kosten für die anfallenden Aufwendungen kompensiert wären, müssten die Marktpreise um 16% steigen und die Direktzahlungen des Bundes um 22%.

Hohe Marge des Detailhandels

«Die Betriebe haben also höhere Kosten, als sie effektiv entschädigt bekommen», schreibt der Schweizer Bauernverband am Mittwoch in einer Mitteilung. Das schmälere die Attraktivität einer Label-Produktion zusätzlich zum erwähnten unternehmerischen Risiko, das vollumfänglich bei den Bauernfamilien liege.

Der Verband nimmt den Detailhandel in die Verantwortung. «Die Detailhändler gönnen sich für diese «Mehrwert»-Produkte einen kräftigen Margenaufschlag», heisst es weiter. Der Verkauf liesse sich höchstwahrscheinlich steigern, wenn der Mehrpreis im Laden angemessener wäre, folgert der SBV. Der SBV kritisiert die Detailhändler scharf. Der Idealismus sei nur in der Werbung zu sehen. Was nicht rentiere, werde «ausgemerzt».

Handel verhindert Durchbruch

Mit der Preisgestaltung würden die Detailhändler jeden Durchbruch in Richtung einer naturnäheren und tierfreundlicheren Landwirtschaft verhindern. Denn gerade beim Fleisch gebe es dauernd Aktionen, kritisiert der Verband. Und sinke so der Verkauf bei den Labelprodukten, würden die Händler ihre Bestellungen reduzieren. Dies ist für die Landwirte verheerend. 

Beim Fleisch gebe es dauernd Aktionen, kritisiert der Bauernverband.
zvg

Die Mehrkosten sollen über den Markt, also über höhere Produzentenpreise und Prämien, abgegolten werden, fordert der Schweizer Bauernverband. «Es ist nicht in unserem Interesse, dass diese Mehrleistungen über zusätzliche Direktzahlungen finanziert werden», sagte SBV-Direktor Martin Rufer gegenüber dem Konsumentenmagazin «Kassensturz» von SRF. Rufer meinte damit die beiden Detailhändler Coop und Migros. Sie hätten es in der Hand, die Prämien zu erhöhen, sagte er weiter. 

Konsumenten müssen Leistungen honorieren

Der SBV nimmt aber auch die Konsumenten in die Pflicht. Viel mehr Betriebe würden auf Bio oder andere tierfreundlichere und naturnähere Produktionsweisen umstellen, wenn die Konsumentinnen und Konsumenten das am Markt honorieren würden. Schliesslich bleibe den Bäuerinnen und Bauern aber keine andere Wahl, als sich an der Nachfrage zu orientieren. Denn die Konsumenten kaufen gemäss SBV zu 90 Prozent ihr Essen in einem Detailhandelsgeschäft ein.

«Wer reelle Verbesserungen will, der darf den Fokus nicht allein auf die Schweizer Landwirtschaft legen und sollte verstehen, dass stetig neue kostenintensive Auflagen ohne entsprechende Abgeltung – über Mehrwert am Markt oder eine Entschädigung in Form von Direktzahlungen – Widerstand auslösen», hält der SBV am Mittwoch fest.

6 Responses

  1. Ja, man kann den Konsumenten die Schuld geben.
    Der SBV weiss jedoch genau, dass sich dieses Spiel im ewigen Kreis dreht und er so viel Zeit gewinnt. Da sich die Landwirtschaft selber nie einig sein wird, kann sie ihre grosse Marktmacht nicht ausspielen. Denn sonst hätte sie den Detailhandel schon längst zu anderen Preisen bewegen können. Der Konsument muss kaufen was angeboten wird.

    1. lieber konsument, das stimmt so nicht. viele landw. anbieter stehen wenigen detaillisten gegenüber. das nennt man oligopol u. somit können die detaillisten ihre marktmacht ausspielen. in der ökonomie nennt man dies die „x-strukur“ der agrarmärkte.

  2. Lieber Konsument, ich möchte behaupten das 90 % der Konsumenten nach dem Preis einkauft. Beispiel : Weinachten Fondue Chinoise, dreht die Packung um dann seht ihr von wo es kommt. Der Preis ist tief weil dort andere Produktionsstandarts laufen und es keinen Intressiert ob es Naturnah und tierfreundlich produziert wurde. Dann kommt noch der Klimawandel, das Fleisch wird weit transportiert bis es beim Schweizer Konsument ist. Der Konsument hinterfragt nichts hauptsache es ist billig egal von wo.

    1. und wer zum Teufel bringt es auf den Markt? Sicher nicht die Konsumenten. Hört auf die Detailhändler in Schutz zu nehmen, welche zwar eure grössten Kunden sind, aber das Sortiment und die preise nach ihrer eigenen Strategie festlegen.

  3. Mein freund, wenn die landwirtschaft ihre „marktmacht“ ausspielen würde, würde coop und migros einfach ihre importe erhöhen und die waren verpacken und tada: ein schweizer produkt

  4. Es ist komplett falsch, wenn diejenigen Landwirte, welche auf das Tierwohl und Nachhaltigkeit achten nicht fair entlöhnt werden! Das sind Migro, Coop und Co in der Pflicht! Wie kann eine Migros Äpfel aus Neuseeland verkaufen, wenn es bei uns Äpfel im Überfluss gibt?! Erdbeben im Winter! Billigfleisch importiert aus Brasilien! Auch der Konsumenten kann es etwas steuern, wobei leider viele sich absolut keine Gedanken dazu machen, wie was produziert wird und wie viel Leid hinter Billigware steht..

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