Samstag, 28. November 2020
30.07.2020 06:00
Genf

Genfer Milch ist wertvoller als Bio

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Von: Christian Zufferey

Vor zwölf Jahren lancierte der Genfer Milchverband (LRG), dass die Bauern einen Franken pro Liter Milch erhalten sollen. Nun will der Generaldirektor Pierre Charvet auch Milch aus der Waadt auf den Markt bringen.

Vor 46 Jahren hat Pierre Charvet beim Genfer Milchverband (Laiteries Réunies Genève, LRG) als einfacher Käser zu arbeiten begonnen. Zur selben Zeit ist die LRG von Carouge in einen Neubau nach Plan-les-Ouates umgezogen – noch heute Mittelpunkt des Unternehmens, das inzwischen stark expandierte.

Label «Pays de Vaud» 

Charvet hat sich zum Generaldirektor hochgearbeitet, wobei er auf dem Weg dahin auch manche Höhen und Tiefen überstehen musste, ja schon schwere Krisen. Ende September könne er seinem Nachfolger aber ein kerngesundes Unternehmen übergeben, betont der 67-Jährige stolz (siehe Kasten). 

Sein letztes Projekt, nämlich bis Ende Jahr Milch mit dem Label «Pays de Vaud» auf den Markt zu bringen, für die Milchbauern aus der Waadt einen Franken pro Liter ausbezahlt bekommen sollen, wird er damit nicht mehr zu Ende bringen. «Ich bin aber bereit, meinem Nachfolger zur Seite zu stehen, wenn nötig sogar gratis», sagt Charvet, während er zugibt, dass es ihn auch ein wenig traurig mache, ein Lebenswerk zurückzulassen.

Seit 12 Jahren

Die Genfer Milchbauern bekommen diesen einen Franken pro Liter Milch schon seit zwölf Jahren – dank dem vom Kanton geschaffenen Label «Genève Région – Terre Avenir» (GRTA). Öffentlichen Einrichtungen wie etwa Altersheimen, Spitälern und Schulen wurde sogar die Verpflichtung auferlegt, die im eigenen Kanton produzierte Milch einzukaufen.

Noch heute bekommen sie diese in Zehn-Liter-Beutel abgefüllt, wobei Bauern für diese Milch nur 70 Rappen pro Liter erhalten. Private Konsumenten konnten die GRTA-Milch hingegen in Drei-Liter-Beuteln für 5.50 bis 6 Franken kaufen, womit die Genfer Milch sogar deutlich mehr kostet als Biomilch. 

Konsumenten wollen regionale Milch

Trotzdem sind die Konsumenten offensichtlich gewillt, diesen hohen Preis zu akzeptieren, wie die stetig steigenden Verkaufszahlen der letzten zwölf Jahre zu bestätigen scheinen. Für Pierre Charvet ist klar: «Die Konsumenten wollen Produkte aus der eigenen Region kaufen, sie wollen gute Qualität haben, und sie wollen, dass Bauern einen fairen Milchpreis ausbezahlt bekommen.»

Dies obschon – oder vielleicht gerade weil – die GRTA-Milch nur pasteurisiert in den Verkauf gelangt, aber nicht standardisiert wird, das heisst, dass die Inhaltsstoffe variieren können.

Palette wird grösser

Tatsächlich verarbeitete und verkaufte die LRG-Gruppe anfangs 346 Tonnen GRTA-Milch, heute bereits 1550 Tonnen. Allerdings ist auch die Produktepalette grösser geworden. Nachdem seit Mai 2008 die in Zehn- und Drei-Liter-Beutel abgefüllte Pastmilch angeboten wird, kamen 2010 Weichkäse hinzu, die «Tommes de Genève», 2012 die ersten Joghurts, 2014 UHT-Milch im Ein-Liter-Tetrapack und 2016 Pastmilch im Halb- und Dreiviertel-Liter-Pack für den sofortigen Konsum.

Und noch immer bekommen die Genfer Milch-Bauern für ihre Milch, die mit dem GRTA-Label vermarktet wird, einen Franken pro Liter. Definitiv abgerechnet wird zwar jeweils Ende Jahr – monatlich ausbezahlt bekommen auch die Genfer Bauern denselben Preis, den auch alle anderen Bauern im Verbandsgebiet bekommen. 

Milch für die Waadt

Ausser die Waadtländer Region von La Côte bis Morges gehört auch die Zone-Franche-Region rund um Genf zum Verbandsgebiet der LRG. Einmal jährlich bekommen Genfer Milchvieh-Bauern aber im Verhältnis zur eingelieferten Milch den GRTA-Zuschlag ausbezahlt. Insgesamt liefern derzeit noch vier Genfer Milchproduzenten rund 2300 Tonnen Milch an die LRG.

«Ich bin sehr zufrieden über diesen Erfolg», hält Charvet fest. Was ihn nun motiviert, auch den Bauern aus der Waadt ein ähnliches Angebot zu machen. «Wir planen, bis Ende Jahr Milch mit dem Label «Pays de Vaud» auf den Markt zu bringen, für die auch die Milchbauern aus der Waadt einen Franken bekommen sollen», erklärt Charvet. Überzeugt davon, dass auch Konsumenten im ganzen Kanton Waadt, das heisst sogar über das Verbandsgebiet hinaus, gewillt sein werden, Milch aus dem eigenen Kanton zu konsumieren.

Potenzial für neue Milchbauern

Tatsächlich sieht Charvet sogar noch mehr Potenzial. «Genf würde es gut tun, wenn es wieder mehr Milchvieh-Betriebe geben würde», sagt Charvet, wobei er sogar hofft, dass sich vielleicht auch Deutschschweizer Bauern dafür interessieren könnten, nach Genf zu ziehen. Zumal Genfer Konsumenten nicht nur gerne die Milch aus dem eigenen Kanton konsumieren, sondern auch Freude haben, Kühe zu Gesicht zu bekommen.

Siebtgrösster Milchverarbeiter

Auf Ende September wird Pierre Charvet, Generaldirektor des Genfer Milchverbands LRG, in Pension gehen. Zum Nachfolger wurde Dominique Monney ernannt, der bisher für den Nestlé-Konzern tätig war. Zur LRG-Gruppe gehören die drei Sektoren Milch, Handel und Fleisch sowie ein Bereich Logistik. Zu den bekanntesten Produkten gehören Weichkäse, die unter den Marken Val d’Arve und Jean-Louis vertrieben werden, Joghurt- und Dessert-Spezialitäten der Marken Yoplait und Tam Tam sowie Charcuteriewaren unter der Marke Del Maître.

Ebenfalls zur LRG-Gruppe gehören Chäs-Max in Bannwil BE, wo die LRG auch ein grosses Logistik-Zentrum unterhält sowie seit 2018 die Fromages Chaudron in Collombey-Muraz VS. Hinter Emmi, Cremo, Elsa, Hochdorf, Züger und Nestlé ist die LRG heute der siebtgrösste Milchverarbeiter der Schweiz. Seit 2017 produziert die LRG auf der gesamten Dachfläche ihrer Gebäude in Plan-les-Ouates sogar Solarstrom, mit dem man etwa 150 Haushaltungen versorgen könnte. czb


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