Dienstag, 9. August 2022
27.06.2022 06:01
Hundezucht

Auf den Bäri gekommen

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Von: khe

Seit 16 Jahren züchten Renate und Michael Aeberhardt aus Kirchberg BE Berner Sennenhunde. Reich werden sie damit nicht. Die Hunde bedeuten vielmehr ein Stück Familie – auch für sie selbst.

Vier Nasen schauen aus der Türe des alten Bauernhauses. Die langen Haare, schwarz, braun und weiss, die breite Postur, der gutmütige Ausdruck. Berner Sennenhunde sind ein Original und weltweit bekannt. Renate und Michael Aeberhardt züchten sie seit 16 Jahren, in Kirchberg BE verschreiben sie sich auf ihrem Hof ganz den tapsigen Tieren.Corona hat vieles verlangsamt – die Nachfrage nach den Sennenhunden bei Aeberhardts indes ist während der Pandemie enorm gestiegen.

Der Wunsch nach einem Vierbeiner ist für viele realistischer geworden, seit sie vermehrt von Zuhause aus arbeiten können. Das spürt auch Renate Aeberhardt. Diesen Frühling sind auf ihrem Hof neun Welpen von zwei Hündinnen zur Familie hinzugekommen, alle sind bereits verkauft. «Ich wurde mit Anfragen überhäuft», sagt sie, hätte aber viele gleich wieder ablehnen müssen. Denn Aeberhardt ist eine umsichtige Hundezüchterin, sie verkauft ihre Welpen nicht einfach an den Nächstbesten.

Bewusste Auswahl

Die Wohnsituation der Interessenten muss gewisse Bedingungen erfüllen. Ein Berner Sennenhund brauche nicht einen riesigen Umschwung oder eine lückenlose Betreuung, sagt sie. «Aber er braucht Zuwendung.» Auch wenn ein Hund sich schon den ganzen Tag draussen aufhalte, etwa auf einem Hof – der tägliche Spaziergang bleibe Pflicht. Zweimal in ihren 16 Jahren Zucht musste Aeberhardt einen Welpen wieder zurücknehmen. Sie behält sich dafür vertraglich das Recht vor, sollte der Hund aus der Ursprungsfamilie weiterverkauft oder Tierschutzbedingungen nicht eingehalten werden.

Als Züchterin hat sie für sich definiert: Sie gibt keinen Welpen an einen Ort, wo er nur draussen sein darf. Und auch keinen an Leute, die ihm Aufgaben auferlegen, die er kaum erfüllen kann. «Ich musste mir deswegen auch schon unschöne Worte anhören», sagt sie. Eine Anfrage abzulehnen, braucht Mut. Und es fällt besonders schwer, wenn eine Familie einen Welpen als Therapie für ihr Kind sieht. Die Anfragen von Interessenten haben aber bei manchen Züchtern in den letzten Monaten wieder stark abgenommen.

Ab der vierten bis fünften Woche kommen die Kleinen ins Welpenhaus.
khe

Zehn intensive Wochen

Aeberhardt ist gelernte Krankenschwester, hat sich später zur Naturheiltherapeutin weitergebildet und auf dem Hof auch einen Raum für Therapien eingerichtet, in dem sie mittlerweile vor allem vierbeinige Klienten behandelt. Der Hof ist ein 18 Hektaren grosser Landwirtschaftsbetrieb mit Mutterkühen und Ackerbau. Renate Aeberhardts Mann Michael übernimmt die Aufgaben auf dem Feld und im Stall, ist im Nebenerwerb als Berater und Kontrolleur bei Mutterkuh Schweiz tätig, sie selber kümmert sich nebst der Mithilfe auf dem Betrieb ums Haus – und um die Hunde.

Dass Aeberhardt ihre Berufe als Bäuerin und Züchterin auf dem Hof verbinden kann, ist ein grosser Vorteil: Welpen brauchen viel Zeit. In den ersten Wochen, wenn die «Bäri» noch in der Wurfkiste sind, ist sie vor allem mit Putzen und mit der Betreuung der Mutterhündin und deren Welpen beschäftigt. Ab der vierten bis fünften Woche kommen die Kleinen ins Welpenhaus. Es ist ein regelrechtes Chalet – Michael Aeberhardt hat es im Garten vor dem Haus errichtet, geräumig, aus duftendem Holz, am Boden mit Nasszellenplatten ausgekleidet. Darüber liegen Decken und stehen Hundekisten, ein Ausgang mündet direkt in die eingezäunte Spielwiese. Es ist ein kleines Paradies für die Hunde, in dem nun die Prägungsphase anfängt. In dieser Zeit führt Aeberhardt die Welpen an verschiedene Spielsachen heran. Quietschende Gummienten, fliegende Ringe, flattrige Bändel, Rampen. Die meiste Zeit in Anspruch nimmt aber in dieser Phase der Kontakt mit den möglichen Besitzern. Aeberhardt muss Anfragen sichten, beantworten, Besuche organisieren und am Ende die Verträge und Dossiers vorbereiten.

In ihr neues Zuhause kommen die Welpen im Alter von etwa zehn Wochen, und zwar geimpft, gechipt und mehrmals entwurmt. Vorher organisieren Aeberhardt und ihre Helfer verschiedene Aktivitäten und Ausflüge mit ihren Schützlingen. Sie gewöhnen sich dabei ans Autofahren und können im Schutz der Gruppe einen fremden Ort beschnuppern. «Ein Welpe braucht noch keine Spaziergänge, sie wollen vor allem entdecken», sagt sie. Ein Halsband, eine Leine und die nächste Wiese genügen in dieser Phase völlig. Später gilt bei Spaziergängen die Faustregel von einer Minute pro Alterswoche.

In der Prägungszeit führt Aeberhardt die Welpen an verschiedene Spielsachen heran. Quietschende Gummienten, fliegende Ringe, flattrige Bändel, Rampen.
khe

Kein Geld – dafür Alaska

Ihren ersten Berner Sennenhund erhielten Aeberhardts als Geschenk zur Hochzeit. Doch die Hündin eignete sich wegen einer Ellbogendysplasie nicht zur Zucht. Richtig auf den Hund gekommen ist Aeberhardt dann später, als sie selber leider keine Kinder bekommen konnten. Kurz vor den Abschlussprüfungen der Naturtherapeutenschule stand ihr Mann plötzlich mit einem Welpen aus einer langjährigen Zuchtstätte vor der Türe. Ein Geburtstagsgeschenk, wie es schöner nicht hätte sein können.

Die Sennenhunde sind typische Familientiere: anhänglich, sanft – und wahnsinnig feinfühlig. «Meine Bäri haben mir schon oft geholfen, vor allem in schwierigeren Zeiten», sagt Aeberhardt. Entsprechend gut ist in der Regel das Feedback ihrer Abnehmer, und über die Jahre hinweg sind so viele schöne Kontakte entstanden. Immer mal wieder bekommt sie ein Bild zugeschickt, gerade wenn die jüngste Generation wieder einen neuen Wurf gelandet hat. Und manche Familien kommen jedes Jahr aufs Neue die Welpen auf Aeberhardts Hof streicheln.

Ein einzigartiges Erlebnis hatten Aeberhardts mit einem Interessenten aus Übersee. Er wollte für den Welpen nicht bezahlen – und lud Renate Aeberhardt und ihren Mann stattdessen für zwei Wochen nach Alaska ein.

Gesundheit ist wichtig

Reisen auf Einladung ist eine tolle Sache. Denn reich wird man mit der Hundezucht nicht. Der Verkaufspreis ist in den letzten Jahren zwar etwas gestiegen. Der Durchschnittspreis für einen Welpen liegt zwischen 2200 bis 3000 Franken. Aber bis man überhaupt eine Zuchthündin oder einen Zuchtrüden hat, ist es ein langer Weg. Kontrolle von HD- und ED, Ausstellungsresultat und dann vor allem die Körung (Zuchttauglichkeitsprüfung), welche aus einem Wesens- und Exterieurtest besteht. Und berechnet man während der Aufzucht alle Tierarzt-, Futter-, Einrichtungs- und Administrativkosten, so kann sich die Züchterfamilie glücklich schätzen, wenn Ende Jahr die Bilanz positiv ausfällt. «Es ist wie sonst auch in der Landwirtschaft: Es gibt bessere und weniger gute Jahre.»

Knapp 1000 Franken sind dem Deckrüden-Besitzer zu entrichten. Wenn der Rüde noch keine Championtitel aufweist und frisch gekört ist, sind es meist ein paar Hundert Franken weniger. Hinzu kommt ein Fixum von 80 bis 100 Franken pro Welpe. Auch die Auswahl der Rüden ist komplex. Es gilt nicht nur das Wesen, das äussere Erscheinungsbild und die Inzucht zu beachten, sondern auch die Gesundheitswerte. Der Berner Sennenhund ist besonders anfällig für maligne Histiozytose, eine Krebserkrankung, die bei dieser Rasse als Erbkrankheit eine der häufigsten Todesursachen ist. Auch die Werte der Hüftdysplasie (HD) und Ellenbogendysplasie (ED) müssen stimmen. HD und ED sind Erkrankungen des Bewegungsapparates.

Zwecks Erhaltung einer breiteren genetischen Basis darf ein Rüde lediglich zweimal dieselbe Hündin belegen. Aeberhardt schaut, wie sich die Welpen entwickeln. Erst, wenn sie sich beim Röntgen bewähren und sich das Wesen optimal entwickelt, entscheidet sie sich, den Erzeuger nochmals zu verwenden. Rund ein Drittel der Welpen jedes Wurfes muss zur Kontrolle gemäss Vorschriften des Schweizerischen Klubs für Berner Sennenhunde (KBS) die Tests durchlaufen.

Und solche Vorschriften gibt es viele – 22 Seiten lang ist das entsprechende Zucht- und Körreglement. Es geht darin um Zucht, Unterkunft, Auslauf, Ernährung und Pflege. «Züchten heisst selektieren und verbessern», sagt Aeberhardt. Dass Hunde SKG-Abstammungsurkunden haben, ist ihr wichtig.

Die umfangreiche Gesundheitsprophylaxe unterscheidet die Berner von den papierlosen Hunden. Im Weiteren darf eine Berner Sennenhündin mit SKG-Abstammungsurkunde nur einen Wurf pro Jahr haben. Ein weltweites Original wird man eben nicht einfach so.

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