Dienstag, 27. September 2022
10.11.2021 18:23
Aargau

Tote Kühe: Bauer nach 50 Jahren rehabilitiert

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Von: blu

Mehrere Kühe von Fritz Maurer mussten in den 1970er-Jahren wegen einer Vergiftung durch Dioxin geschlachtet werden. Der Landwirt warnte von dem Gift aus der Kehrichtverbrennungsanlage (KVA), er wurde aber verleumdet. Nun hat sich die Gemeinde Suhr (AG) bei der Familie entschuldigt.

«Sie haben unsere Existenz kaputtgemacht», sagte Tochter Elisabeth Maurer zu den «Tamedia»-Zeitungen im August 2021. «Fehler eingestanden oder entschuldigt hat sich bis heute niemand», fuhr sie fort.

Opfer zum Täter gemacht

Durch die Berichterstattung in den Medien hat sich nun etwas bewegt. Die Gemeinde Suhr hat sich bei der Familie Maurer offiziell entschuldigt. «Es hat mich sehr betroffen gemacht, wie man gegen Fritz Maurer vorgegangen ist und das Opfer zum Täter machte», sagte Gemeindepräsident Marco Genoni am Montag zu den «Tamedia-Zeitungen».  

Die Gemeinde will den Landwirt und seine Familie rehabilitieren. Dies sei der Gemeinde wichtig, so Genoni weiter. Für Fritz und Hanni Maurer kommt die Entschuldigung der Behörden zu spät – beide sind verstorben. «Dass jemand hinsteht und sich das Unrecht anerkennt, ist und wichtig», sagt Tochter Katharina Maurer zu den Zeitungen.

Bauern wurden nicht ernst genommen

Sie fordert, dass die Behörden und die Wissenschaft das Thema Schadstoffe aus der Kehrichtverbrennungsanlage nicht einfach in der Schublade verschieben. «Ich bin überzeugt, dass diese Schadstoffe an vielen anderen Orten ein Problem sind. Das muss nun angehen», fährt sie fort.

Die Schäden auf zwei Bauernbetrieben in der Nähe der KVA Buchs bei Aarau in den Jahren 1973 bis 1976 waren im Kanton Aargau ein politischer Dauerbrenner. Die Bauern machten geltend, dass sie wegen Emissionsschäden durch den Staubausstoss aus dem Kamin der 1973 in Betrieb genommen KVA ihr erkranktes Vieh notschlachten mussten. Die Bauern wurden nicht ernst genommen und in der Öffentlichkeit teilweise angefeindet.

Die Tiere der Familie Maurer waren durch die Aufnahme des Dioxins schwer gezeichnet.
Screenshot bund.ch

«Schwarzer Schnee»

Betroffen von Ausstössen aus den KVA war die Familie Maurer aus Suhr AG, wie «Tamedia-Zeitungen» im August 2021 berichteten. Der Hof der Familie galt als Vorzeigehof für nachhaltige Landwirtschaft. Ausländische Delegationen statteten dem Betrieb Besuche ab. Doch der «schwarze Schnee», der vom Himmel fällt, verändert alles. Die Maurers mussten viele Tiere abtun.

«Wir mussten bis jetzt schon 51 abtun», sagte Fritz Maurer 1977 gegenüber dem Schweizer Fernsehen. Weitere würden folgen. Die kranken Tiere würden kaum mehr Milch geben. Und sie seien struppig und mager. Maurer hatte einen eindeutigen Verdacht: «Das ist wegen dem Gras, das so verseucht ist von dieser Kehrichtverbrennung.»

Der Zweckverband für Kehrichtbeseitigung der Region Aarau-Lenzburg, der die KVA damals betrieb, wies die Schuld von sich. Man könne nicht hinnehmen, als «Sünder und Schädiger» hingestellt zu werden, sagte der Präsident 1977.

Quelle vermutet

Die Behörden waren aber von den Vorkommnissen in der Region alarmiert. Aus einer handschriftlichen Aktennotiz der Bundesbehörden von 1978 geht hervor, dass man «wegen Buchs: beunruhigt» war. Das damalige Bundesamt für Umweltschutz setze gemäss den Tamedia-Zeitungen eine Arbeitsgruppe ein. Einen Schadstoff hat man bereits im Verdacht: Dioxin. Es wurden weitere Fälle bekannt, so aus der Region Estavayer FR und aus der Region Uzwil SG.

Die Experten wussten um die Gefährlichkeit des Gifts. Und sie kannten bereits eine der Quellen. «Dioxine können entstehen, wenn chlorhaltiges Material und organische Substanzen zusammen stark erhitzt werden. Also auch in der Abfallverbrennung», hiess es. Die Experten forderten bessere Analysen.

Lausanne: Böden durch Dioxin verseucht

Die im Frühjahr in Lausanne entdeckte Belastung des Bodens durch Dioxin und Furan betrifft einen grossen Teil des Stadtareals. Der Kanton rät zum Verzicht auf den Verzehr von Eiern und Kürbisgewächsen aus den am stärksten verseuchten Gebieten.

Die Behörden informierten im Frühling zum ersten Mal über die erhöhte Dioxinbelastung. Als Sofortmassnahme schränkten sie den Zugang zu neun besonders sensiblen Standorten ein. Mitte Oktober legte Staatsrätin Béatrice Métraux (Grüne) einen Lagebericht zur Dioxin- und Furankontaminierung in den betroffenen Gebieten vor.

Es handle sich um eine Hochrechnung auf der Grundlage der 126 untersuchten Standorte, sagte die Umwelt- und Sicherheitsdirektorin vor den Medien. Die belastete Zone erstrecke sich über einen grossen Teil des oberen Lausanner Stadtgebiets sowie den südlichen Teil der Gemeinden Mont-sur-Lausanne und Epalinges. Die Gemeinden Pully und Prilly seien nur geringfügig betroffen. Die noch laufenden Untersuchungen scheinen zu bestätigen, dass die Kontaminierung mit der ehemaligen Kehrichtverbrennungsanlage Vallon zusammenhängt, die 2005 ihren Betrieb eingestellt hat.

Die Einschränkungen – bei denen es sich um Empfehlungen handelt – betreffen den Verzehr von Lebensmitteln von kontaminierten Flächen, einschliesslich Kleingärten.
Kanton Waadt

«Kreise nicht unnötig sensibilisieren»

Die Bauern vor den Gefahren warnen wollten sie indes nicht. Eine breite Information der Veterinäre «oder gar der Landwirte» lehnte die Expertengruppe laut Protokoll ab, «da die betroffenen Kreise nur unnötig sensibilisiert würden».

Für die Familie Maurer war dies verheerend. Zwar stellte der Kantonstierarzt eine schleichende Vergiftung der Tiere fest. Die Kehrichtverbrennungsanlage sei aber nicht die Ursache, lauteten die Resultate von mehreren Analysen. Die Belastung sei nicht alarmierend, entspreche «ländlichen Verhältnissen», so das Fazit. Und der schwarze Schnee stamme aus anderen Quellen wie beispielsweise dem Verkehr. 

Im Februar 1977 wurde eine Milchsperre verhängt. Die Landwirtschaftliche Genossenschaft Suhr teilt ihm per Brief mit: «Nachdem Sie öffentlich erklärt haben, die Breitenloohof-Milch sei ungeniessbar und stinke, sehen wir uns gezwungen, Ihre Milch zurückzuweisen.»

«Verseuchte Meeresalgen»

Die Aargauer Zentralstelle für den milchwirtschaftlichen Kontrolldienst führte die schlechte Qualität «eindeutig auf mangelnde Sauberkeit im Betrieb zurück». In der Folge machten Gerüchte die Runde, die Familie dünge mit verseuchten Meeresalgen. Für die Familie Maurer hat diese Kampagnen gravierende Folgen.

1978 mussten sie den Betrieb aufgeben. Sämtliche Tiere bis auf 3 Kühe wurden notgeschlachtet. Die Milch kippten sie ins Gülleloch. Nach 54 Jahren kündigten sie den Vertrag für den Hof. Fritz Maurer war fortan ein gebrochener Mann. Er zog in die Innerschweiz und arbeitete als Knecht und am Fliessband. «Er war manchmal wirklich am Boden zerstört», sagte Tochter Vreni Maurer im August zu den «Tamedia-Zeitungen».

1986 Entschädigung ausbezahlt

1983 brachte der neugewählte Baudirektor und spätere Nationalrat Ulrich Siegrist neuen Wind in den Fall. Er räumte im Kantonsparlament «eine erhebliche Überschreitung der zulässigen Auswurflimiten» ein. Ein Schiedsgericht kam zum Schluss, dass die Schäden auf den beiden Bauernbetrieben «mindestens teilweise, jedoch in recht erheblichem Ausmass» durch die Emissionen der KVA verursacht worden waren. 

Unter dem Druck der Politik und der Öffentlichkeit stimmte 1986 der aus mehr als 50 Gemeinden bestehende Zweckverband einer finanziellen Entschädigung zu. Fritz Maurer, der seinen Betrieb 1978 aufgeben musste, bekam 250’000 Franken und ein Landwirt in Hunzenschwil AG 25’000 Franken. Eine Entschuldigung blieb aber aus.

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One Response

  1. Für die Vernichtung einer Existenz einen Betrag von 250.000 CHF zu erhalten ist angesichts der Beschähmungen, Druck und Verachtungen nicht angemessen.

    Die Verantwortlichen haben sich hier aus der Affäre gezogen. Damalige Firmenchefs und Angehörige der Gemeinden gehören öffentlich als Kriminelle gekennzeichnet. Es sollte kein gutes Andenken von den Verantwortlichen übrig bleiben. Denn die Opfer konnten sich auch nicht wehren.

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