Montag, 28. November 2022
05.09.2021 06:00
Glarus

Älplerin wird Bilder von Wolfsangriff im Kopf nicht los

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Von: Barbara Bäuerle

Margreth Reichenbach und Hans Rhyner haben ihre Schafe auf der Alp eingezäunt. Kein Hindernis für den Wolf.

Für die Elmerin Margreth Reichenbach ist es ein Morgen wie jeder andere. Sie steigt am Samstag, 21. August 2021, vor Tagesanbruch über die Bischofalp hinauf in das nächste Seitental, genannt «im Bach». Es sind keine 15 Stunden her, dass sie dort bei den 121 Schafen war.

Schon bei der ersten Sicht auf die Weidefläche des total 21 ha umfassenden Gebietes bemerkt die Schafhirtin, dass die Tiere extrem unruhig sind. Schritte weiter wird sie Zeugin eines Wolfsangriffs oder wie sie es nennt «eines Massakers». Trotz hohem Zaun, der den neuesten Anforderungen nach Herdenschutzverordnung entspricht, ist der Wolf in das Gehege eingedrungen.

Grosser Schaden

Tage später sitzt der Schock bei Margreth Reichenbach noch tief. Sie kann das Gesehene nicht vergessen, immer wieder hat sie das Bild, wie der Wolf am Hinterteil eines ihrer Schafe «hängt», vor Augen.

Reichenbach vermutet, dass der gesichtete Wolf nicht alleine war, sondern zusammen mit Artgenossen in nur wenigen Stunden beträchtlichen Schaden angerichtet hat. Damit sind nicht nur die sechs Risse, zwei Verletzungen und fünf als vermisst geltende Schafe gemeint, so der damals aktuelle Stand am Tag des Angriffs.

Die Überreste zweier Schafe nach dem Wolfsangriff. 
zvg


Die sorgenvollen und traurigen Gesichtsausdrücke der Familie, denn Margreth Reichenbach betreut die Schafe zusammen mit ihrem Partner Hans Rhyner und ihren Töchtern, zeugen von einem viel grösseren, tieferen Schaden, als mit Zahlen beziffert werden kann. Sie widerspiegeln Ohnmacht und Hilflosigkeit. Jeden Namen der qualvoll verendeten Tiere können sie nennen, sie erinnern sich an deren Geburten, an das Aufziehen, teilweise mit der Flasche, an den ersten Weidegang, erzählt Reichenbach.

Wildnis oder Berglandwirtschaft

Einige Tage nach dem Wolfsangriff ist klar: «Total sind elf Tiere tot, ihre Überreste und Kadaver sind geborgen. Es zählen aber nur die sechs, deren Ohrmarken noch sichergestellt wurden», erzählt Hans Rhyner. «Auf der kantonalen Übersichtskarte für Grossraubtiere wird gar nur die Sichtung und zahlenlos Übergriff auf Nutztier angegeben. Das finde ich sehr bedenklich, es verletzt aus meiner Sicht die Informationspflicht der zuständigen Behörden», sagt er.

Bei der Wolfsfrage gehe es nicht darum, ob man dieses Tier möge oder nicht, betont Hans Rhyner. Die Grundsatzfrage sei anders und sollte auf politischer Ebene auch so behandelt werden. «Wollen wir Wildnis oder eine funktionierende Berglandwirtschaft?», das sei die entscheidende Frage.

Weniger Tiere

Nächstes Jahr hätte Hans Rhyner «im Bach», wo er seit 2002 (Startphase mit 99 Aren) mit Schafen wirtschaftete bei weiteren Flächen den Biodiversitätsgrad Q II erreicht.

Eine dicke Mappe mit Akten und Schreiben von diversen Ämtern – darunter Umweltschutz und Bund – liegt vor ihm auf dem Tisch; die Dokumente plädieren an die Wichtigkeit ja gar Notwendigkeit der Bewirtschaftung. Die Widersprüche zeigen sich in der Vorschrift des Kantons aus dem Jahr 2010; diese untersagte damals das Aufstellen sämtlicher Zaunnetze aufgrund des Wildwechsels im Freiberg strengstens.

Das Behandlungsjournal ist lang: In den Folgetagen wurden immer wie mehr Verletzungen bei de Schafen entdeckt.
zvg


Wegen des Wolfsangriffs wird sich der Tierbestand dieser Alpenschafherde mindestens um einen Drittel verkleinern, denn weder Sommerweiden noch als Folge daraus genügende Einbringung von Winterfutter können weiter gewährleistet werden.

«Der Selbstversorgungsgrad mit einheimischem Schaffleisch beträgt bereits heute nur noch 39,3 Prozent», sagt Rhyner. Es seien Fakten und Tatsachen, die sein Leben bisher geprägt hätten, die er nun gegen seinen Willen gezwungen werde zu ignorieren.

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