Freitag, 23. Juli 2021
12.06.2021 06:00
Wallis

Abbrennen: Alte Praxis zur Weidepflege zeigt Erfolg

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: Christian Zufferey

Ältere Bauern erinnern sich, wie die Verbreitung von Büschen auf Alpen einst mit gezielten Bränden bekämpft wurde. Dann kam ein Verbot. Mittels eines Forschungsprojekts wurden nun gezielt Feuer gelegt. 

Arbeiten direkt vor der berühmten Nordwand des Matterhorns, dazu noch bei garantiert schönem Hochdruckwetter – wegen diesem Job dürfte manch ein Arbeits- oder Studienkollege neidisch auf Helen Willems werden.

Unterbestossene Alpen

Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Büro Alpe. Für ihr Forschungsprojekt musste sie jedoch die Anwohner von Zermatt vorwarnen – damit nicht alle die Feuerwehr alarmieren. «Einige Notrufe sind trotzdem eingegangen, als Helen Willems auf den Alpen über dem Matterhorn-Dorf gezielt Brände gelegt hat», sagt Paul Kronig, zuständiger Burgerrat der Burgergemeinde Zermatt, der Eigentümerin der Alpen.

Die überhandnehmende Verbuschung beschäftigt viele Alpen, um Zermatt ist es für Kronig jedoch dramatisch geworden. «Die Alpen wurden jahrelang unterbestossen, sodass Weideflächen in grossem Ausmass verloren gingen, was nun auch das Landschaftsbild beeinträchtigt», sagt er. «Uns allen war klar, dass wir das Problem nicht in den Griff bekommen, wenn wir nichts unternehmen», ergänzt Kronig.

Gesetz verbietet alte Praxis

Heute werden wieder mehr Kühe und Schafe gesömmert. Ziegen, die dafür bekannt sind, dass sie Büschen sehr effizient zu Leibe rücken, gibt es aber in Zermatt ja sogar schweizweit zu wenige, zumal diese auch auf anderen Alpen zunehmend gefragt sind. Der Burgerrat war sich bewusst, dass das Gesetz eine Bewilligung zum kontrollierten Abbrennen vergandeter Weideflächen verunmöglicht.

Diese früher gängige Praxis zur Weidepflege, an die sich ältere Schäfer in Zermatt noch erinnern, ist heute verboten. «Die einzige Chance, eine Sonderbewilligung zu bekommen, bestand darin, die Idee in ein Forschungsprojekt zu verpacken», erklärt Helen Willems. In der wissenschaftlichen Studie sollen dabei nicht nur die Entwicklung der Vegetation untersucht werden, sondern auch Auswirkungen auf Brutvögel und auf die Luftqualität.

Grenzwerte nicht überschritten

Die Vogelwarte Sempach untersuchte alle in der Nähe brütenden Vögel, zum Beispiel Bodenbrüter wie das Braunkehlchen. «Nach dem Abbrennen wurden auf manchen Flächen eher mehr Individuen beobachtet», erzählt Willems. Das Messen der Feinstaub-Belastung in der Luft erwies sich als sehr aufwendig. Denn um Luft einzusaugen, um die Partikel darin zu messen, werden Pumpen benötigt, die Strom brauchen – den es an diesen Lagen nicht gibt.

Es mussten Akkus hochgeschafft werden, damit die Pumpen während 24 Stunden Luft einsaugen konnten – vor, während und nach dem Abbrennen. Die Werte waren zwar erhöht, überraschenderweise wurden zu keiner Zeit, weder auf den Alpen noch unten im Dorf, überschrittene Grenzwerte gemessen (die Werte sind auch gestiegen, wenn ein Helikopter vorbeiflog).

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts sind vielversprechend. Burgerrat Paul Kronig (l.), Projektleiterin Helen Willems und Landwirt Christoph Lauber vor dem in Wolken gehüllten Matterhorn.
Christian Zufferey

Fünf Hektaren

Im Rahmen des Forschungsprojekts wurden im mit rund 200 Hektaren riesigen Alpgebiet neun Zonen von insgesamt fünf Hektaren bewilligt. Ein erstes Abbrennen wäre schon 2018 geplant gewesen, aufgrund der Trockenheit konnte man erst im Herbst 2019 und im Herbst 2020 Feuer legen. Um zu verhindern, dass Flammen auf Gebiete ausserhalb der exakt definierten und bewilligten Zonen überspringen, mussten Schneisen geschlagen werden.

Dazu erhielt Willems Unterstützung von Zermatter Bauern, unter ihnen Christoph Lauber, der als Alpbestösser Interesse zu zeigen begann. «Unterstützt wurden wir auch von einem österreichischen Spezialisten, der von Bauern in Kärnten das vergessen gegangene Handwerk des gezielten Feuerlegens gelernt hat», erzählt Willems.

Wacholder brannte gut

Beim Projekt hat sich gezeigt, dass die Feuer vor allem an den nach Süden exponierten Hängen eine gute Wirkung zeigten, wo es viel Zwergwacholder hat. Aufgrund der ätherischen Öle brannte der Wacholder sehr gut, deutlich besser als etwa Alpenrosen oder Heidelbeersträucher, die allerdings überwiegend an den feuchten Nordhängen wachsen, wo die Sonne im Herbst nicht mehr lange genug scheint. Ausserdem gibt es im Schatten der hohen Berge kaum noch Thermik. Auf diese sind die Brandspezialisten aber angewiesen.

«Das kontrollierte Abbrennen der Alpweiden durfte nur bei stabilem Hochdruckwetter durchgeführt werden, wenn keine Seitenwinde wehen und nur die hangaufwärtsgerichtete Thermik die warme Luft und damit auch das Feuer nach oben trägt», erklärt Willems.

Die Auswirkungen

Zu den für die Burgergemeinde bedeutendsten Ergebnissen des Forschungsprojekts zählt die Auswirkung auf die Vegetation. Um diese zu untersuchen, wurden vor dem Abbrennen detaillierte Aufnahmen gemacht, und weitere Aufnahmen ein Jahr danach. Fünf Jahre nach dem Abbrennen sollen weitere Aufnahmen gemacht und in einem Schlussbericht ausgewertet werden. Einen ersten Zwischenbericht hat Helen Willems in diesen Tagen den zuständigen Behörden zukommen lassen. Darin kommt sie zum Schluss, dass die Artenvielfalt sowohl von Pflanzen als auch von Tieren insgesamt sogar früher als erwartet profitiert hat.

«Wir hätten erwartet, dass erst mal gewisse Arten von Pflanzen verloren gehen, aber es war das Gegenteil der Fall», erzählt Willems. Offenbar haben unter dem wuchernden Wacholder manche Samen überlebt, die nach dem Abbrennen sofort wieder spriessen konnten. Selbst Christoph Laubers Simmentaler Kühe weideten schon im ersten Sommer nach dem Brand wieder in Gebieten, wo sie vorher nichts Fressbares mehr gefunden hatten.

Er erzählt: «Das frische, grüne Gras kam sehr schnell wieder, wobei unsere Kühe auch die verkohlten und spröde werdenden Äste zertreten und gutes Weideland zurückgewinnen.» 

Beim Projekt hat sich gezeigt, dass die Feuer vor allem an den nach Süden exponierten Hängen eine gute Wirkung zeigten, wo es viel Zwergwacholder hat.
Christian Zufferey
Mehr zum Thema
Regionen

Das Auto durchschlug einen Weidezaun, fuhr über das Wiesland und stürzte ungefähr 30 Meter den Hang hinunter. - Kapo SG Ein 76-jähriger Mann ist am Donnerstag auf dem Weg von…

Regionen

Wölfe sind soziale Tiere mit starken Bindungen. Sie leben in einer Art Familienverband, dem Rudel. Jedes Wolfsrudel lebt in seinem eignen Territorium. Die Grösse des Territoriums umfasst rund 150-200 Quadratkilometer.…

Regionen

Der Glarner Alpchäs- und Schabziger-Märt findet dieses Jahr neu im Dorfzentrum statt - Tenzin RawogIst der Höhepunkt des Käse-Events: Der Alpabzug. - Tenzin Rawog Der 26. Glarner Alpchäs- und Schabziger-Märt…

Regionen

Sandro Michael leitet ab Dezember den Bündner Bauernverband. - zvg Sandro Michael übernimmt per 1. Dezember 2021 die Geschäftsleitung des Bündner Bauernverbands (BBV). Der abtretende Geschäftsführer Martin Renner wird zukünftig…

5 Responses

  1. Wunderbar…. beim Abfackeln im Freien werden viele höchstgiftige Dioxine freigesetzt… ein normal sterblicher Bürger wird dafür hart bestraft!

  2. Das haben wir Älper schon lange gewusst.
    Es braucht Wissenschaftler um dies zu verstehen. Ist mathemaisch auch nicht zu berechnen. Ohne Studium heute nicht mehr möglich. Unser guter Verstand nähert sich am Ende…

  3. Pflanzen und eine Verbuschung sind ein natürlicher Vorgang. Pflanzen schützen den Boden vor Erosion, Hangrutschungen und UV Strahlen. Auch die Alpwirtschaft und Weide ist etwas ganz natürliches. Um eine Alpweide offen zu halten ist Feuer die natürlichste art und sollte möglich sein. Augenmass ist wichtig und das gebe ich jetzt jedem Alpwirt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE