Sonntag, 18. April 2021
02.03.2021 12:15
Graubünden

«Wölfe werden zu massiven Einschränkungen führen»

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Von: blu

In der Surselva gibt es mehrere Wolfsrudel. Die Raubtiere sind auch immer mehr tagsüber zu sehen. Landwirte und «Pro Alpine Kulturlandschaft» sind besorgt. Sie wenden sich mit einem offenen Brief an die Gemeindepräsidenten der Surselva. Die Landwirte fordern ein koordiniertes Vorgehen der Gemeinden.

Der Wolfsbestand im Kanton Graubünden nimmt stetig zu. Derzeit gehen die Behörden davon aus, dass 50 Raubtiere umherstreifen, die Hälfte davon Jungtiere.

Höhere Wolfsdichte als  im Yellowstone-Nationalpark

In der Surselva gibt es mehrere Wolfsrudel. Gemäss Angaben des kantonalen Amts halten sich die meisten Wölfe im Nordwesten des Kantons auf. Dort sei die Wolfsdichte doppelt so hoch wie im Yellowstone-Nationalpark in den USA, sagte Hannes Jenny, stellvertretender Leiter des Amtes für Jagd und Fischerei, am 1. März 2021 gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Am vergangenen Samstag trotteten zwei Wölfe über die Skipisten bei Obersaxen.

Aufgrund der hohen Wolfsdichte kommt es immer wieder zu Rissen von Nutztieren. Bereits im Februar 2020 wandten sich Mutterkuhhalter aus Obersaxen GR an Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Sie forderten die unverzügliche Entnahme des Wolfsrudels Obersaxen aus der Wildbahn. Die Bundesrätin versprach den Bauern, dass der Bund und der Kanton nach Lösungen suchen werden.

Mehr Angriffe auf Nutztiere befürchtet

Weil sich die Lage seither nicht verbesserte, machen sich die Landwirte Sorgen um die bevorstehende Weidesaison. In einem offenen Brief an die Gemeindepräsidenten fordern sie die Behörden auf, ein gemeinsames, regionales Vorgehen zu definieren. Die Landwirte gehen davon aus, dass die Angriffe auf Mutterkühe weiter zunehmen werden. Dadurch würden die Nutztiere aggressiver und zu einer Gefahr für den Wanderer.

Die zunehmende Anzahl Herdenschutzhunde erachtet die Briefverfasser als kritisch. «Bei 600 Bauernbetrieben in der Surselva ergäbe dies eine furchterregende Anzahl Schutzhunde», warnen sie. «Aggressives Grossvieh, wachsame Herdenschutzhunde und massive Einzäunungen sind nicht nur ein Problem der Tierhalter. Es wird alle (be-)treffen», heisst es weiter.

Das mehrheitlich von der nicht ländlichen Bevölkerung gewünschte Zusammenleben mit den Grossraubtieren werde in der Surselva früher oder später zu massiven Einschränkungen für alle führen, warnen die Verfasser.

Offener Brief

«Die zunehmende Bildung von Wolfsrudeln in der Surselva ist der Anlass für diesen Brief.  Vor rund einem Jahr haben wir uns als unmittelbar betroffene Landwirtinnen und Landwirte zusammengefunden und ad hoc organisiert, uns mit Exponenten von Bund und Kanton ausgetauscht und eine Situationsanalyse erstellt. Aus dieser Beurteilung resultiert der Hauptgrund für dieses Schreiben: Die unkontrollierte Zunahme an Wolfsrudeln in der Surselva betrifft nicht mehr nur die Landwirtschaft, sondern wird auch für die Dorfbewohner, unsere Gäste und den Tourismus zu einer grossen Herausforderung.

Grossvieh/Mutterkuhherden

Viele Wanderwege führen durch Weiden, auf denen im Sommer Tiere grasen. Das Wandern ist eine sehr beliebte Freizeitbeschäftigung, der immer mehr Leute nachgehen. Dies kommt zusehends in Konflikt mit der Weidewirtschaft, wo die meisten Wanderwege sind. Weidende Mutterkühe beschützen ihre Kälber und nehmen unbekannte Menschen als eine Gefahr wahr, insbesondere wenn sie Hunde mit sich führen.

Sie können Wanderer angreifen, weil sie diese als Eindringlinge und Gefahr für ihre Kälber ansehen. Es ist schon zu tödlichen Kuhattacken auf Wanderer gekommen. Mit der zunehmenden Präsenz von Wolfsrudeln werden nicht nur Kleinvieh, sondern auch immer mehr Kühe und Kälber angegriffen. Damit steigt die Wachsamkeit der Kühe, was zu einem erhöhten Abwehrverhalten zum Schutz der Kälber führt.

Herdenschutzhunde

In Ermangelung eines griffigen Raubtier-Managements zur Verhinderung solcher Attacken wird den Landwirten der Herdenschutz aufgezwungen. Gegen Rudel von Wölfen, müssen Rudel von Hunden gehalten werden. Bei 600 Bauernbetrieben in der Surselva ergäbe dies eine furchterregende Anzahl Schutzhunde.

Wir sprechen hier nicht von Haushunden, sondern von autonom agierenden Arbeitshunden, die sich dem Kampf mit einem Raubtier stellen können. Herdenschutzhunde sind im Winter auf dem Hof und können bei Wolfspräsenz nächtelang bellen. In den Siedlungen und Dörfern führt dies zu Ruhestörungen.

Folgen für den Tourismus

Aggressives Grossvieh, wachsame Herdenschutzhunde und massive Einzäunungen sind nicht nur ein Problem der Tierhalter. Es wird alle (be-)treffen. Wir sind es unseren Gästen schuldig, sie über solche Gefahren aufzuklären. Wir müssen sie nicht nur auf Verhaltensregeln aufmerksam machen, sondern auch auf Risiken und tödliche Gefahren hinweisen.

Um unserer Sorgfaltspflicht als Tierhalter gerecht werden zu können, muss uns die Möglichkeit eingeräumt werden, ein «Begleithundeverbot» oder eine temporäre Sperrung von Wanderwegen für den Zeitraum der Beweidung zu erlassen.

Massive Einschränkungen sind die Folge

Das mehrheitlich von der nicht ländlichen Bevölkerung gewünschte Zusammenleben mit den Grossraubtieren wird in der Surselva früher oder später zu massiven Einschränkungen für alle führen, eine Gefahr für den Tourismus sein und das friedliche Zusammenleben derer, die in der Natur arbeiten und jener, die die Natur bei Freizeitaktivitäten und zur Erholung nutzen wollen, massiv stören. Wir denken, es ist an der Zeit, dass sich die ganze Region um Lösungen bemüht und die Verantwortung nicht hauptsächlich auf tierhaltende Betriebe abgeschoben wird.

Wir fordern unsere Gemeindevertreter dazu auf, ein gemeinsames, regionales Vorgehen zu definieren und auf Gemeindeebene im Dialog mit uns Betroffenen diese Probleme umgehend anzugehen.»

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3 Responses

  1. Danke für den Artikel mit weitergedachten Folgen der Präsenz von Wolfsrudeln.
    Haben die Raumplaner in ihren geschützten Amtsstuben auch schon realisiert, was das für die Entwicklung der Bergregionen bedeutet? Warum ist im Unterengadin, im Schweizer Nationalpark noch kein Wolfsrudel bekannt?

  2. Der Konflikt zwischen Herdenschutz und Tourismus und Stadt und Landbevoelkerung wird zwangsläufig zunehmen und alle Tierbesitzer kommen unter Druck sich den Angriffen von Wölfen und Touristen gleichzeitig zu stellen.
    Ich als Hirt mit HSH befürworte die Schliessung von Wanderwegen auf Alpen in Wolfsgebiet.

  3. Ich dänke äs wäre an der Zeit die jetz bestehenden Wolfsrudel zu regulieren. Wir befinden uns mitlerweile mitten in den wolfsrevieren oder die Wölfe in unserem Lebensraum! Die Schweiz ist einfach zu klein für nochmehr Wolfsrudel! Kommen dann noch all die Herdenschutzhunde dazu,haben wier den reinsten Zirkus! Zur Freude von uns Bauern kommt dann noch all dieser Hundekot dazu,was bei den Kühen Aborte verursachen kann! Wenn wir jetzt die Wolfsbestände nicht regulieren ,artet die Situation aus!

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