Montag, 15. August 2022
17.07.2021 07:11
Luzern

Knatsch um Alpzufahrt durchs Moor

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Von: rup

Die Älpler Urs Renggli aus Entlebuch LU und Hanspeter Renggli aus Ruswil LU bewirtschaften die Lauenberger Alpen in Finsterwald LU. Gegen deren Erschliessung legte Pro Natura eine Beschwerde ein.

Es ist eine verfahrene Situation bei den drei Lauenberger Alpen in Finsterwald LU. Seit Jahrzehnten werden sie von den beiden Bauernfamilien Renggli bewirtschaftet, die nicht miteinander verwandt sind. Urs Renggli (50) den Unteren Lauenberg, Hanspeter Renggli (28) den Mittleren und Oberen Lauenberg. Doch seit einiger Zeit trübt ein Streit um die Alpzufahrt die Stimmung der beiden.

Pro Natura dagegen

Die Alpbetriebe liegen im Gebiet der Unesco-Biosphäre Entlebuch, das eine wertvolle Moorlandschaft beherbergt. Seit 1880, wie Hanspeter Renggli herausgefunden hat, führt die Zufahrt über die heutige Route zu den Alpbetrieben. Erst über einen äusserst steilen Schotterweg, dann durch ein Flachmoorbiotop. Letztlich trennen sich die Wege zu den Alpen über einen befestigten (zu Urs Renggli) und einen unbefestigten Weg (zu Hanspeter Renggli).

Im Rahmen des üblichen Wegunterhalts hatte Urs Renggli 2015 einen Holzrost über das Flachmoor gebaut. Für diese Instandstellung des Weges hatte Renggli kein Baugesuch eingereicht, was der Kanton jedoch nachträglich von ihm verlangte, als er ein Alpgebäude neu bauen wollte. Da wurde plötzlich Pro Natura aufmerksam und legte sowohl Einspruch gegen die Karrwege als auch gegen den Hüttenneubau ein.

Bewilligtes Baugesuch

«Uns war es wichtig, dem Kanton und Pro Natura die Situation zu erläutern und zu zeigen, weshalb es die Erschliessung braucht», erklärt Hanspeter Renggli. In der Einspracheverhandlung sei er von der Überheblichkeit und der schlechten Vorbereitung vonseiten Pro Natura irritiert gewesen. «Der Vertreter kannte weder die genaue Situation noch die Details unseres Baugesuchs.»

Renggli sagt, ihm sei schliesslich mündlich zugesichert worden, dass Pro Natura ihre Einsprache zurückziehe, sollten der Kanton und die Gemeinde das Projekt bewilligen. Der positive Bescheid traf schliesslich im März 2020 ein. Der Holzrost wird demzufolge geduldet. Für dessen Beurteilung liess die Gemeinde Entlebuch LU ein unabhängiges Gutachten beim Ökoberater Marcel Züger erstellen, der an der Medienorientierung ebenfalls anwesend war.

Urs und Hanspeter Renggli liegen im Streit mit Pro Natura um ihre Alpzufahrt.
Olivier Ruprecht

Gutachten stützt Rengglis

Züger erinnert daran, dass Flachmoore überhaupt erst durch die Rodung der Wälder entstanden. Also durch eine Bewirtschaftungsform. Der kantonale Richtplan Moorlandschaften spricht der extensiven Beweidung sogar eine «besondere Bedeutung» für den Erhalt der Moore zu. «Die Bewirtschaftung ist unverzichtbar, um den Charakter der Alpen hier oben zu erhalten», fasst Züger zusammen. Und gleichzeitig könne eben die Alperschliessung bewilligt werden, wenn es nötig sei, die Lebensräume weiterhin zu bewirtschaften.

Für diese Erschliessung sei der Holzsteg der richtige Weg: «Das Wasser kann zirkulieren, Tiere können hin und her wandern, und die Vegetation ist durchgehend.» Das sieht auch Theo Schnider, Direktor von Biosphäre Entlebuch, so. «Das ist doch eine grossartige Idee, die hier realisiert worden ist», meinte er zum Holzrost und konnte sich eine Spitze gegen Pro Natura nicht verkneifen: «Wenn die Idee in der Amtsstube realisiert worden wäre, gäbe es heute keine Diskussion. Mir fehlt die Nähe zur Natur bei solchen Entscheiden.»

Strafanzeige abgewiesen

Doch damit war das rechtliche Wirrwarr für die beiden Älpler noch nicht ausgestanden. Denn Pro Natura hat gegen die Baubewilligung eine Verwaltungsgerichtsbeschwerde eingereicht – dazu eine Strafanzeige gegen Urs und Hanspeter Renggli wegen illegalen Bauens. Die Beschwerde ist zurzeit noch beim Kantonsgericht Luzern hängig. Bezüglich Strafanzeige wurden die beiden jedoch vollumfänglich freigesprochen.

Trotzdem hat sie das Verhalten von Pro Natura verletzt: «Sie haben uns vor einem Jahr in ihrem Magazin als Straftäter hingestellt.» Darin ist die Rede von «Illegal durchs Moor», «Zerstörung eines Teils des Flachmoors» oder «Verstoss gegen alle Vorschriften». Dennoch wollen Rengglis die Türe nicht schliessen und möglichst aussergerichtlich eine Lösung finden, was Pro Natura aber ablehnt.

«Stört mich extrem»

In einer Medienmitteilung schreibt der Naturschutzverband, dass es sinnvoller sei, wenn die strittigen Fragen durch das Gericht geklärt würden. Eine «konstruktive Auflösung der sich widersprechenden Interessen und Vorstellungen ist derzeit weder möglich noch absehbar», so Pro Natura.

Genau das stösst dem Luzerner Mitte-Nationalrat Leo Müller sauer auf: «Mich stört es manchmal extrem, wenn etwas aus ideologischen Gründen beurteilt wird und man sich nicht die Mühe nimmt, eine Güterabwägung zu machen», so der Anwalt, der Rengglis jedoch nicht rechtlich betreut. «Wenn wir nichts machen und mit dem Traktor durchfahren würden – das ist ja nicht verboten – wäre das ein viel grösserer Eingriff in die Natur.»

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9 Responses

  1. Art. 78 BV

    5 Moore und Moorlandschaften von besonderer Schönheit und gesamtschweizeri­scher Bedeutung sind geschützt. Es dürfen darin weder Anlagen gebaut noch Bodenveränderungen vorgenommen werden. Ausgenommen sind Einrichtungen, die dem Schutz oder der bisherigen landwirtschaftlichen Nutzung der Moore und Moor­landschaften dienen.

    1. So fanatische pro natura Verbände sollten Verboten werden. Das pure dumheit von pro natura. Das können nur Leute sein die nie gearbeitet haben und von uns Steuerzahler leben

    1. Jö! Eine Alp bewirtschaften gibt wahnsinnig viel Profit! Anständigen Leute sprechen hier eher von Arbeitsentschädigung. Du scheinst auch an der allgemeinen Volksverblödung zu leiden.

  2. Ich bin auch für die Natur, denn auch ich lebe von ihr und arbeite mit ihr zusammen. Pro Natura hingegen finde ich meistens einfach nur noch unglaubwürdig und auch oft überheblich. Pro Natura befürworten z. B. Golfplätze, sagen diese seien ökologisch sinnvoller als prod. Landwirtschaft…. Das zeigt doch deutlich die Geisteshaltung dieses Verbandes…

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