Dienstag, 9. August 2022
25.06.2022 06:09
Wolf

«Ihr Tod hat mit dem Wolfsangriff zu tun»

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Von: ats

Philipp Jacobi bewirtschaftet gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin die Stutzalp in Splügen GR. Infolge eines Wolfsangriffs kam einer seiner vier Herdenschutzhunde ums Leben. Er erzählt, wieso er die Rasse Kangal einsetzt.

«Schweizer Bauer»: Können Sie uns sagen, was auf der Alp passiert ist?
Philipp Jacobi: Wir haben mit unseren 750 Schafen die Alp Stutz in Splügen GR am Samstag, den 10. Juni, bestossen. In der Nacht von Sonntag auf den Montag gab es zwei Risse, ein Mutterschaf und ein Lamm wurden in der Nähe des Herdenschutzzauns gerissen. Ich habe die Risse einem befreundeten Jäger aus Splügen gemeldet. Dieser hat die Schafherde in der Nacht mit einer Wärmebildkamera beobachtet und konnte um halb eins sehen, wie drei Wölfe sich in die Schafherde begaben und Schafe angriffen. Die Wölfe werden von Herdenschutzhunden abgewehrt. Am nächsten Morgen haben wir unterhalb eines Plateaus unsere Kangalhündin Jnsa tot aufgefunden.

Was ist mit der Hündin passiert?
Ich vermute, dass die Wölfe bei ihrer Flucht auf Jnsa gestossen sind und die Hündin beim Kampf abgestürzt ist.

Wurde sie von den Wölfen getötet?
Jnsa wurde zur Untersuchung nach Chur ins Amt für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit (ALT) gebracht. Sie hat Prellungen und Hämatome am Hals und Rücken vom Sturz über die Felsplatte. Vermutlich hat der Sturz zum Tod geführt. Es konnten keine Bissverletzungen gefunden werden. Sie hatte graue Haare im Maul und Blut am Fell. DNA-Untersuchungen sollen nun zeigen, von wem das Blut und die Haare stammen. Es dauert rund drei Wochen, bis die Resultate da sind. Für mich ist ganz klar, dass der Absturz im Zusammenhang mit dem Wolfsangriff steht.

Haben Sie eine Vermutung bezüglich der Wölfe?
Wir befinden uns hier im Einzugsgebiet des Beverin-Rudels. Ich vermute, dass es sich bei den Angreifern um den Leitrüden M92 und um zwei Jungwölfe handelt.

Was bedeutet der Verlust der Herdenschutzhündin für Sie?
Für mich ist das ein herber Verlust. Jnsa war 3,1/2-jährig und die erste Kangalhündin, die ich hatte. Ich habe sie im Herbst 2019 als Welpe aus Deutschland importiert und selber grossgezogen und ausgebildet. Sie war das stärkste und erfahrenste Tier in meinem Kangalrudel.

Wie hat sich der Verlust auf die anderen Hunde ausgewirkt?
Bisher nicht gross. Die Videoaufnahmen haben mir die Gewissheit gegeben und auch bewiesen, dass die Kangals drei Wölfe verjagen können und sehr gut als Team zusammenarbeiten. Es ist jedoch sehr schwierig, einzuschätzen, wie sich die Kangals mit einem Teammitglied weniger in Zukunft verhalten werden. Ich hoffe, dass die Wölfe durch die Abwehr der Hunde eingeschüchtert wurden. Wir hatten jedoch in der Zwischenzeit bereits wieder einen Einzelriss von einem Lamm. Ich sollte jetzt zwei bis drei Hunde mehr haben.

Im Maul der Kangalhündin wurden graue Haare gefunden.
zvg

Dann werden Sie die Hündin ersetzen?
Ja klar, aber das geht nicht einfach so. Der Aufbau eines gut funktionierenden Rudels geht lange. Es geht drei bis fünf Jahre, bis man wirklich mit einem guten Gefühl sagen kann, dass es jetzt funktioniert. Erstens ist es extrem schwierig, ältere Hunde zu finden, und zweitens eine grosse Herausforderung, wenn man neue Hunde während der laufenden Alpsaison in ein bestehendes Rudel integrieren will. Einerseits müssen sich die verschiedenen Hunde akzeptieren, und andererseits müssen die neuen Hunde sich an das Gelände gewöhnen. Hier auf der Alp Stutz haben wir ein schwieriges, steiles und gefährliches Gelände. Ich habe nun vier Welpen gekauft, aber bis diese hundert Prozent einsatzfähig sind, dauert es sicher zwei Jahre.

Werden Sie dabei finanziell unterstützt?
Seit diesem Jahr zahlt der Kanton Graubünden für jeden Herdenschutzhund, der eine Prüfung ablegt, 100 Franken pro Monat, solange er auf Bündner Boden für den Herdenschutz eingesetzt wird. Ausserdem gibt es einen Pauschalbetrag von 2500 Franken für jede Alp, die Herdenschutzhunde einsetzt. Ich gebe pro Jahr rund 20000 Franken für den Herdenschutz während der drei Monate Alpzeit aus. Der Plantahof und der Kanton Graubünden haben sich wahnsinnig für den Herdenschutz eingesetzt. Ich habe nie damit gerechnet, dass sie innerhalb von 3/4 Jahren solche Unterstützungsmassnahmen auf die Beine stellen würden, das ist wirklich lobenswert. Der Verein CHWolf unterstützt mich seit drei Jahren finanziell bei der Ausführung der Herdenschutzmassnahmen und hilft so mit, den Herdenschutz zu unterhalten. Vom Bund erhalte ich keine Unterstützung für die Herdenschutzhunde.

Wieso nicht?
Weil ich mich für die Rasse Kangal entschieden habe und der Bund aktuell nur die beiden Rassen Montagne des Pyrénées und Pastore als offizielle Herdenschutzhunde-Rassen anerkannt hat. Es steht mir zwar frei, nicht offiziell anerkannte Herdenschutzhunde einzusetzen, ich werde aber vom Bund weder in der Haltung noch beim Einsatz dieser Hunde finanziell, durch Beratung oder anderweitig unterstützt. Wenn es um den Herdenschutz geht, dann sollte die Rasse keine Rolle spielen. Hauptsache, die Hunde machen ihren Job gut.

Wieso haben Sie sich für Kangals entschieden?
Es ist ein kurzhaariger Hund, der mir vom Aussehen und Wesen her entspricht und gut gefällt. Ausserdem überzeugt mich seine rassenspezifische Arbeitsweise. Der Kangal arbeitet in einem grösseren Radius und entfernt sich weiter von der Schafherde als beispielsweise ein Pastore. Dadurch ist er in einem grösseren Territorium überall präsent und setzt Markierungen. Dies kann meiner Meinung nach auf einzelne Wölfe bereits abschreckend wirken, sodass sie gar nicht erst angreifen. Das Vorurteil, dass sie gegenüber dem Menschen ein grösseres Aggressionspotenzial haben, kann ich nicht bestätigen, im Gegenteil. Ich kaufe meine Kangals von der Schäferei Benning in Deutschland und habe sicher schon rund 20 Hunde in die Schweiz vermittelt.

Philipp Jacobi gibt im Jahr rund 20’000 Franken für den Herdenschutz aus.
zvg

Wäre es für Sie eine Option, Herdenschutzhunde der offiziellen vom Bund anerkannten Rassen anzuschaffen?
Nein. Wenn man täglich mit den Tieren arbeitet, dann sollte man auch Freude an ihnen haben. Ausserdem will ich meine Hunde selber aufziehen und ausbilden, um von Anfang an eine Beziehung zu ihnen aufzubauen und meine Schafherde an sie zu gewöhnen. Es ist nicht immer einfach, einen zweijährigen, bereits ausgebildeten Hund – wie es bei Herdenschutz Schweiz praktiziert wird – zu übernehmen. Das funktioniert nicht in jedem Fall gut.

Wie hat sich die Wolfsituation auf der Alp Stutz in den letzten Jahren entwickelt?
Ich konnte die Alp Stutz vor vier Jahren pachten. Bereits mein Vorgänger hatte mit Wolfsangriffe zu kämpfen. Im 2018 gab es nach offiziellen Zahlen 66 Risse. Im Jahr 2019 gab es einen Riss. Im 2020 gab es insgesamt 43 Risse, damals hatte ich zwei 15 Monate alte Kangals, also noch nicht fertig ausgebildete Tiere. Während der Alpzeit habe ich zwei zusätzliche Tiere (2/3,5jährig) dazu geholt, deshalb weiss ich auch, wie schwierig sich die Integration während der Alpzeit gestaltet. Letztes Jahr hatten wir 27 Risse. Wobei wir in den letzten sechs Wochen keine Verluste mehr hatten und wirklich sagen konnten, dass das Kangalrudel sich gut eingespielt hatte und funktionierte. Ich habe bisher ohne Ende in neue und andere Herdenschutzmassnahmen investiert. Von Herdenschutzhunden, über Nachtpferch, Wechselrichter, Solaranlage, Zaunmaterial alles ist vorhanden. Wir haben das möglichste errichtet, mehr geht hier auf der Alp Stutz nicht.

Wie sehen Sie dem weiteren Verlauf der Alpzeit entgegen?
Motiviert und zuversichtlich. Auf der Nachbaralp hat es diese Woche ein paar Risse gegeben. Das könnte bedeuten, dass die Wölfe zwar nach wie vor in der Region sind, sich aber von der Abwehr der Kangals beeindrucken lassen haben.

Was würden Sie sich wünschen, was müsste unternommen werden, um den Herdenschutz gewährleisten zu können?
Aus meiner Sicht ist das Machbare erreicht. Das Einzige, was man noch optimieren kann, ist das Hunderudel, indem man eine höhere Anzahl guter Hunde in einem funktionierenden Rudel hat.

Beenden Sie die Sätze …

Herdenschutz ist … schwierig, aber machbar.

Herdenschutzhunde sind … unverzichtbar.

Kangals sind … die tollsten Herdenschutzhunde.

Landwirtschaft … wird leider von der Bevölkerung zu wenig geschätzt und ständig an den Pranger gestellt.

Alp Stutz

Die Alp Stutz umfasst 74,7 Normalstösse. Es werden 750 eigene Schafe und ca. 100 Rinder der Alpgenossenschaft Stutz gesömmert. Die Alp wird in zwei Etappen bewirtschaftet.

In der ersten Etappe ist ein Nachtpferch topografisch nicht möglich. In der zweiten Etappe befindet sich ein Wohncontainer, welcher von der Alpgenossenschaft Stutz für rund 30’000 Franken rein für den Herdenschutz gestellt wurde.

Das ermöglicht, rund um die Uhr bei den Schafen zu sein und sie am Abend möglichst spät im Nachtpferch zusammenzutreiben und am Morgen möglichst früh wieder rauszulassen. ats


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12 Responses

  1. Ohne Polemik und Hetze

    Diese Geschichte hier wird der Problematik Wolf und Mensch, soweit ich dies beurteilen kann, äusserst gerecht: Ein Interview ohne jegliche Polemik und Hetze. Das würde ich mir öfters wünschen von unseren Journalisten, ob sie zu diesem und oder anderen Themen schreiben. Und auch ein „Chapeau“ für Philipp Jacobi und seine Lebenspartnerin für ihre Einstellung.

    Herbert Schweizer, Biel/Bienne

    1. Genau das hab ich auch gedacht. Ein sehr gelungener bericht. Und ein grosses lob an den Schafhirt der sachlich und sehr fachkundig erklärt. Gegen über den Wölfen und wie das so ist mit der nicht richtigen unterstützung.
      So wie auch zum Thema Haltung und Ausbildung der Hunde, das dies nicht so einfach machbar ist.
      Schade finde ich das man keine ausnahme beim Bund macht nur der Hunderase wegen.
      Haubtsache ist doch der Hirte ist motiviert und baut sich ein (funktionierendes Rudel) auf.

  2. Hut ab für Herrn Jacobi und Partnerin,weiss nicht ob ich nicht zur Flinte greifen würde. Finde das ist wieder Tüpflischei……vom Bund der vorschreibt was für Hunde es sein müssen. Hauptsache wäre doch dass sie die Wölfe vertreiben.?(Hätte nichts dagegen wenn die Hunde die Biester töten würden).Schade ist seine Hündin abgestürzt hoffentlich war sie gleich tot und musste nicht noch leiden. Wäre mal an der Zeit ein Video zu zeigen in dem gezeigt wird wie die Wölfe die Schafe reißen.

  3. Was muss denn noch alles passieren, bis auch der grösste grüne Naivling kapiert, dass solche Wölfe abgeschossen werden müssen?
    Warum soll das Leben eines Wolfes mehr wert sein, als das der Schafe, Esel, Lamas und Alpakas die sie reissen?
    Nicht zu vergessen, diese Wölfe töden nicht um zu fressen, sie machen es aus Spass an der Jagd, sonst würden keine Überreste mehr rum liegen.

  4. Warum muss man umbedingt mit schaffen dort leben wo der wolf srin eizugsgebiet hat? Mich wundert so nichts. Soll nan entlich dem wolf sein recht auf pkatz geben !!!!!!!!!!!!

    1. Die welt gehört nicht dem mensch allein der wokf ist so lange auf dieser welt müssen alle tiwre aussterben die dem menschen nuch passen . Gitt spielen. Seit froh um gottes schöpfung egal tier oder pflanze.

  5. Frage, sie sagen, die tote Hündin war die Beste. 3 1/2 Jahe jung. Aber ein neuer Hund braucht eine Ausbildungvon 3 bis 5 Jahren. Wie geht das auf? Oder habe ich was falsch verstanden?

  6. Ganz einfach, die Hündin war die Beste in dem bestehenden Hunde-Rudel, aber noch nicht fertig ausgebildet. Mit etwas mehr Erfahrung wäre ihr vielleicht, dieser Fehler oder Fehltritt nicht passiert.

  7. Aus persönlicher Erfahrung kann ich nur zum Thema Hundehaltung der Kangals von Herrn Jacobi etwas sagen:
    Die Hunde werden, wenn nicht auf der Alp, weder mit Nahrung noch mit Wasser richtig versorgt. Sie verfügen das ganze Jahr hindurch über keinen Unterstand. Sie sind abgemagert und teilweise sind einzelne Tiere tagelang alleine auf der Weide im Gehege gehalten. Sie werden öfters von Privatpersonen gefüttert, welche sich daran stören, dass diese wunderbaren Tiere wie eine Sache behandelt werden

  8. Hallo Berufskollegen wie lange wollen wir uns einer Gehirn Wäsche unterziehen .
    Wir müssen den Kollegen helfen ja Selbstverteidigung ist angesagt. Den der Wolf ist kein Nutztier. In Schweden werden die Wölfe vom Staat dezimiert und haben ca. 100 mal mehr Fläche aus die CH. und wollen nicht mehr als die Schweiz jetzt hat. ca. 200.St.?????

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