Sonntag, 29. Januar 2023
26.11.2022 09:33
Stallsystem

«Kuhtoilette» kommt in die Schweiz

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Von: har

Die Rindlisbacher AG mit Sitz in Obergerlafingen SO stellt auf der diesjährigen Agrama die sogenannte «Kuhtoilette» vor. Eine Erfindung der Firma Hanskamp aus den Niederlanden. Sie macht es möglich den Harn von Kühen zu sammeln und separiert vom Kot weiterzuverwenden. Ammoniakemissionen und damit auch der Stallgeruch können so reduziert werden.

Am Stand der Rindlisbacher AG in Messehalle 2.2 der Agrama war am ersten Messetag viel Gedränge. Die Rindlisbacher AG plant und importiert Stall- und Hofeinrichtungen, so auch demnächst die Kuhtoilette aus den Niederlanden.  Wie diese funktioniert, kann man sich noch bis Montag an der Agrama in Bern ansehen, allerdings ohne echtes Tier.

 Der «Schweizer Bauer» hat J.W. Tolkamp, der Firma Hanskamp interviewt, und Frank Rindlisbacher nach einer Einschätzung gefragt. Er ist Inhaber der Rindlisbacher AG und künftiger Importeur der Kuhtoilette.

«Schweizer Bauer»: Herr Tolkamp, Sie kommen direkt von der Messe Eurotier in Hannover zu uns in die Schweiz. Warum sind Sie heute hier?
J.W. Tolkamp: Die Kuhtoilette ist seit 2021 in den Niederlanden verkaufsbereit und hatte 2021 an der Eurotier die Goldmedaille des Innovationswettbewerbs gewonnen. Die Rindlisbacher AG und Hanskamp präsentieren hier an der Agrama zum ersten Mal die Kuhtoilette in der Schweiz. Wir merken, dass auch in der Schweiz die Anstrengungen beim Thema Ammoniakreduktion zunehmen. Die Rindlisbacher AG wird das neue Produkt künftig importieren und die Landwirte, die Interesse zeigen, in enger Zusammenarbeit betreuen.

Wie funktioniert die Kuhtoilette genau?
Es ist ein einfach und komplett aufgebautes System. Das Tier läuft freiwillig in den abgegrenzten Bereich, in dem ganz vorne eine Kraftfutterstation integriert ist. Es senkt sich hinter der Kuh ein Bügel, der das Tier über einen natürlichen Nervenreflex stimuliert und so zum Urinieren anregt. Diesen Harn trennen wir dann sofort vom Kot, dadurch beugen wir der Produktion von Ammoniak vor. Der Harn kann als alternativen Dünger eingesetzt werden. Er wird sofort über das System abgesaugt und separat gelagert. Das kann ein Grubenfach sein oder ein separates Silo. Ein Stall muss stallbaulich nicht verändert werden, um das System nutzen zu können.

Wie lange dauert es, bis sich die Tiere an das System gewöhnt haben?
Das geht sehr schnell. Im Rahmen einer Studie haben wir uns das angesehen und durften feststellen, dass die Kühe innerhalb einer Woche das System kennen. Ähnlich wie bei einem Melkroboter. Innerhalb von zwei bis drei Wochen sammelt das System dann bereits die Harnmenge, die durchschnittlich auch auf Betrieben gesammelt wird, welche das System schon länger nutzen.

Bietet sich die Kuhtoilette auch für Höfe mit Weidehaltung an?
Ja, bei der Weidehaltung steht zwar weniger Harn als Düngerersatz zur Verfügung, weil je nach Weidedauer schon einige Mengen auf der Weide ausgeschieden wurden. Bei uns in den Niederlanden erfüllen Betriebe mit Weidehaltung die Ammoniakemissionsvorgaben schon um einiges leichter. Natürlich gibt es trotzdem noch den Vorteil des reduzierten Geruchs und Ammoniak im Stall. Man riecht dann statt dem typischen Stallgeruch viel eher das Futter, das verfüttert wird.

Gibt es noch andere Vorteile der Kuhtoilette?
Bei all unseren Nutzern gibt es auffällig wenig Mortellaro, weil die Spalten sauberer beziehungsweise trockener sind. Also mit der Kuhtoilette haben wir ganz diverse Herausforderungen positive Effekte.

Für wie viele Tiere ist eine Kuhtoilette angedacht?
Pro 25 Tiere braucht es eine Box. Man sammelt pro Kuh etwa 12 Liter Harn pro Tag. Das summiert sich auf 300 Liter Harn, die täglich separiert werden. Eine Kuh uriniert normalerweise zwischen 25 und 30 Liter pro Tag.

Und wie nutze ich die Nährstoffe im Harn auf dem eigenen Betrieb?
Mit einem regulären Schleppschlauch kann man den Harn auf den Feldern ausbringen, dieser enthält Stickstoff und Kalium. Kot hingegen enthält viel Phosphat und organische Stoffe. Milchviehhalter und Ackerbauern können so spezifische Düngungsentscheidungen treffen je nach Bedarf der Kultur. Wenn ich beispielsweise Pflanzkartoffeln anbaue, möchte ich am Anfang Phosphat geben und keinen Stickstoff. Denn sonst wächst die Pflanze gegenüber der Knolle zu stark. Später im Wachstum möchte ich mehr Stickstoff haben und weniger Phosphat. Bei Speisekartoffeln ist das andersherum. Mit Gülle kann ich diese zeit- und kulturspezifische Düngung nicht erreichen. Gülle ist sozusagen ein Cocktail.

Wie wird das System bisher auf Betrieben genutzt?
In den Niederlanden sind wir auf sechs Betrieben, in Deutschland auf einem Hof präsent. Seit der Stickstoffkrise, die 2019 begann, ist die Politik leider reaktiv. Hanskamp und andere Firmen, die Alternativen zur Reduktion von Ammoniak anbieten, sind in Warteposition. Im Moment baut oder investiert kein Landwirt. Alle warten ab, was die nächsten Regelungen der Politik vorgeben. In den Niederlanden steht zur Frage, wo die Reise hin geht bei der Anzahl der Milchkühe. Bei Hanskamp interessiert uns aber vorrangig, was unser System dem Landwirt bringt. Kann er kosten sparen oder gibt es einen Mehrwert?

Gibt es diesen?
Wir sind überzeugt, dass hier mehrere Lösungen zusammenkommen, nämlich die individuelle Fütterung, die Düngereinsparung, eventuell die Vermarktung des Harns, und natürlich die Ammoniakreduktion. Im Moment erwarten wir die Veröffentlichung einer Studie der niederländischen Universität Wageningen, die genau aufzeigt, wie hoch die Ammoniakreduktion von Betrieben mit der Kuhtoilette ist.

Box kostet 25’000 Franken

Frank Rindlisbacher der Rindlisbacher AG aus dem Kanton Solothurn meint: «Wir beginnen im Rahmen der Agrama die Kuhtoilette in der Schweiz zu bewerben und suchen nach innovativen Betrieben die Interesse haben. Wir haben allerdings den Anspruch sie gut und zeitnah betreuen können, falls Fragen sind oder Wartungen anstehen. Wir sehen riesiges Potenzial bei der Kuhtoilette, was die Ammoniakproblematik angeht. Sie ist eine Lösung, mit der wir das Problem bei seiner Entstehung anpacken und so 40 bis 50 Prozent der täglichen Harnmenge eines Tieres direkt separieren können.»

Damit sei die Lösung effektiver als andere Ansätze um Ammoniakemissionen zu reduzieren, wie ein Bodengefälle oder optimierte Laufflächen. Für den Landwirt ergibt sich ein neues Geschäftsfeld. Er hat die Chance ein zusätzliches Produkt zu vermarkten, den Harn. Dieser findet Einsatz als Dünger für Blumen oder in der Industrie. «So teilen sich die Kosten für die Kuhtoilette auf. Besonders, weil in der Schweiz die Regelungen für Stallneubauten strenger werden bezüglich der Ammoniakemissionen. Die Kosten für eine Box belaufen sich auf ungefähr 25’000 Franken. Dazu kommt noch die Installation. Die entsprechenden Bewilligungen sind eingeholt. Wir hoffen, dass die erwähnte Studie aus den Niederlanden in der Schweiz anerkannt wird und als Ammoniakreduktions-Massnahme gilt», sagt Rindlisbacher.

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