Samstag, 4. Dezember 2021
23.06.2021 11:52
Trainblog (16/25)

Militärpferde: Endlich Patrouillenreiter

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: ats

Mit dem eigenen Freibergerpferd als Trainsoldatin in der Schweizer Armee: Anja Tschannen erzählt im Trainblog von ihren Erlebnissen während der Sommer-Rekrutenschule 2020. Wenn sie nicht gerade mit dem Trainpferd über Stock und Stein stampft, ist sie als Redaktorin beim «Schweizer Bauer» und als Landwirtin tätig. In diesem Teil geht es um die langersehnte Ankunft der Militärpferde.

«Uff schwerer als gedacht», meine Halswirbel werden gefühlt fünf Zentimeter zusammengestaucht. Schwankend versuche ich das Gleichgewicht zu behalten. Und ich dachte, die Bastsättel seien schwer. Die Patrouillenreitsättel sind noch einmal ein anderes Kaliber.

Die Sättel ohne Bodenkontakt von den Sattelhaltern runter zu bekommen ist das Eine, sie nach dem Training wieder stallordnungsgerecht an ihrem Platz zu versorgen das Andere. Bei den Bastsätteln klappt dies mittlerweile durch die richtige Technik und Strecksprung ganz gut.

Bei den anderen braucht es wohl noch Übung. Keine Ahnung übrigens, wieso die Sattelhalter auf zwei Metern höhe angebracht sind?

Endlich Patrouillenreiter

Unsere Silhouette spiegelt sich in den Fensterscheiben. Ich strecke den Rücken durch, richte mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht kerzengerade auf, Brustbein raus, Schultern zurück. Mit Feldstecher, Kompass und Karte ausgestattet sitze ich zum ersten Mal in Patrouillenreiter-Vollmontur auf Haydo. Ich finde das steht uns gut.

Ich finde das steht uns gut. Viel Zeit für Eigenbewunderung bleibt nicht. Gemeinsam mit zwei Kammeraden und einem Wachtmeister machen wir uns auf den Weg. Training ist angesagt, aber nicht für den eigentlichen Fachdienst, sondern für unser Schauprogram.

Besuchstag abgesagt

Eigentlich wäre jetzt wohl der Zeitpunkt, um für unseren Besuchstag zu üben. Weil aber die ganze Welt im Corona-Wahn steckt und am Rad dreht, wurde er abgesagt. Mega schade, so gerne hätte ich meinen Liebsten, Freunden und Bekannten einen Einblick in meine Ausbildung gegeben und sie an der Faszination Train teilhaben lassen.

Schliesslich ist es mir nur dank der Unterstützung vieler toller Menschen, die mir den Rücken freihalten, möglich das alles zu lernen und die 18 Wochen absolvieren zu können.

Präsentation für Politiker

Trotz Annullierung des Besuchstages bekommen wir die Gelegenheit unsere Schule vor einer kleinen Delegation von Politiker präsentieren zu dürfen. Ein neuer Groove kommt ins Team. Wir wollen einen guten Eindruck hinterlassen, tun wir auch.

Stolz schreitet Haydo mit den anderen Traintieren aus dem Wald heraus. Das Schlussbild mit den verschiedenen Aufgaben des Trains scheint zu beeindrucken. Gedanklich stehen hinter der Absperrung nicht die Hochgradierten und Politiker, sondern unsere Familien.

Funkausbildung für Patrouillenreiter

Neben der Vorführung steht die Grundausbildung Patrouillenreiter diese Woche im Fokus. Dazu gehört unter anderem die Handhabung des Funkgerätes. Schliesslich müssen wir unsere Beobachtungen irgendwie weiterleiten können. Alpha, November, Juliette. Alpha.

Feldpost für Militärpferd Haydo.
Anja Tschannen

Das Buchstabieren mit dem Funk-Alphabet wird zeitgleich wie das korrekte Melden übermittelt. Die erste Übung draussen im Gelände klappt hervorragend.

Sozial sein ist anstrengend

Von der Theorie gleich in die Praxis, das mag ich bei unserer Armeeausbildung. Kein endloses Bla-bla, sondern Erklärung und Ausführung quasi in einem. Natürlich herrscht bei uns nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen. Wo gibt es das schon, wenn viele Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen, wild zusammengewürfelt werden?

Sozial sein ist manchmal echt anstrengend. Vor allem dann, wenn Probleme anderer zu deinen eigenen werden, was in der Armee immer und spätestens dann der Fall ist, wenn du am Wochenende nach Hause willst, oder unter der Woche ein Ausgang ansteht. Geduld ist angesagt, vor allem, wenn man vor der Armee eher so der Typ: «Bitte behalte deine Probleme für dich, sonst habe ich auch welche», war.

Popcorn-Strategie 

Manchmal weiss ich nicht, ob ich lachen, weinen oder mich aufregen soll. Weil alle drei schlechten Optionen sind, setzte ich mich gedanklich nun meistens auf einen Schaukelstuhl mit einer grossen Papiertüte frischem Popcorn, stecke mir schaukelnd die weissen Maiswölkchen in den Mund und beobachte das Geschehen ruhig. Dann kann in der Realität einigermassen gelassen bei der Problemlösung mitwirken.

Das soll dann mal ein perfektes Material-Depot geben, irgendwann. 
Anja Tschannen

Die Popcorn-Strategie funktioniert relativ gut, hilft mir aber nicht aus meinem Kommunikationsschlammassel. Einer der grössten Knackpunkte. Alles muss immer über den Dienstweg laufen.

Konkret heisst das, wenn man etwas will, egal was, muss ein schriftliches Formular, in der Regel ein «6,5er», das gibt man dann dem Gruppenführer ab, dieser reicht es im besten Fall weiter an den Zugsführer, der geht dann zu nächsthöhere Instanz und so weiter. Von unten nach oben und umgekehrt.

Hierarchieketten beachten

Logisch, aber schwerfällig. Vor allem aber schwierig, wenn man erstens am liebsten direkt und persönlich kommuniziert. Zweitens im zivilen sein Geld damit verdient, den richtigen Leuten zur richtigen Zeit, die richtigen Fragen zu stellen.

Und es drittens gewohnt ist, sofort und auf Eigeninitiative an nötige Infos und schnellstmöglich vorwärts zu kommen. Das einte oder andere Fettnäpfchen inklusive Zusammenschiss sind vorprogrammiert, denn wehe irgendjemand in der Hierarchiekette unserer Hengste und Leittuten, Alpharüden und Hündinnen, Ambosschläger und Chefvetos auf Platz fühlt sich auf den Schlips getreten. Ai ai ai, dann nichts wie weg.

Bisherige Einträge:

Teil 15: «Meine grösste Angst: Nicht auf  das Pferd zu kommen»
Teil 14: Endlich, die Militärpferde kommen
Teil 13: Vier Wochen ohne Militärpferde
Teil 12: Das eigene Pferd auf den Militärdienst vorbereiten
Teil 11: Ich kaufe Haydo zurück
Teil 10: Armeepferde: Start ins Militärleben
Teil 9: Schlusstest für künftige Militärpferde
Teil 8: Militärpferde auf Inspektion vorbereiten
Teil 7: Trainpferde: Karren ohne Kutscher ziehen
Teil 6: Militärpferde auf das Podest stellen
Teil 5: Trainpferde müssen auch Holz ziehen
Teil 4: Die Königsdisziplin der Trainpferde
Teil 3: NPZ bildet die jungen Militärpferde aus
Teil 2: Sein eigenes Pferd der Armee verkaufen
Teil 1: Mit dem eigenen Pferd in die Armee

Mehr zum Thema
Pferde

Trainsoldatin Anja Tschannen und ihr Trainpferd Haydo. - atsAnja Tschannen hat mit ihrem Freibergerpferd Haydo die Rekrutenschule im Sommer 2020 absolviert. - atsAls Trainsoldat ist man mit seinem Pferd im…

Pferde

Bein Ankauf müssen die Tiere einen Fahrtest absolvieren. (Symbolbild) - NPZ Die Armee hat laut einer Mitteilung 23 Freibergerpferde und 2 Maultiere gekauft. Diese werden im Nationalen Pferdezentrum in Bern…

Pferde

Die Pferde werden Abgeschatzt und kehren zu ihren Besitzern zurück. - Anja TschannenDie Pferde sind weg, nun beginnt das grosse Putzen des Materials. - Anja TschannenNur noch die Zugshühner sind…

Pferde

Ob die Osterpferderennen hier wieder statt finden können ist ungewiss. - Pferderennen Fehraltorf Nachdem am Wochenende ein ortsansässiger Bauer einen Teil der Rennbahn mit dem Pflug bearbeitet hat, können die…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE