Montag, 6. Dezember 2021
27.10.2021 13:02
Trainblog (23/25)

«Trainsoldaten dürfen nicht mehr nach Hause»

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Von: ats

Mit dem eigenen Freibergerpferd als Trainsoldatin in der Schweizer Armee: Anja Tschannen erzählt im Trainblog von ihren Erlebnissen während der Sommer-Rekrutenschule 2020. Wenn sie nicht gerade mit dem Trainpferd über Stock und Stein stampft, ist sie als Redaktorin beim «Schweizer Bauer» und als Landwirtin tätig. In diesem Teil geht es um die Streichung des Ausgangs.

Für uns geht es nicht wie geplant in die dritte und letzte Verschiebung. Diese wurde nämlich wegen Schneefall im Berner Oberland abgesagt. Ziemlich enttäuschend, denn früher hatte der Train fünf Wochen Verschiebung, wir Corona sei Dank nur drei. Und jetzt wegen dem Schnee bleibt es bei zwei Wochen. Wie sollen wir den so Routine bekommen und das Gelernte richtig anwenden?

Ziemlich unmotiviert rücke ich am Dienstagmorgen ein. Montags war ich «krank», beziehungsweise musste unbedingt noch etwas für die Zeit nach der Rekrutenschule fertig stellen.

Kreative  Notlüge gebraucht

Kreative Notlügen haben mich um einen Coronatest und Aufenthalt im Militärkrankenhaus herumgebracht und mir einen zusätzlichen Arbeitstag für meine Zukunft beschert, ist aber sicher nicht weiterzuempfehlen. Aber das Motto lautete «no risk, no fun». Und ich wusste mir nicht anders zu helfen, denn nach der RS wartet das Reallife und dafür muss vorgesorgt sein.

Dienstagabend, Mini-Hiobsbotschaft unseres Schulkommandanten: Berufsmilitaristen bekommt man als Soldat meist nur dann zu sehen, wenn Unterschriften gesetzt werden müssen, ein ernstes Wort ansteht oder schlechte Nachrichten übermittelt werden. Eigentlich schade, man könnte sicher noch viel von ihnen lernen. 

«Wir bleiben in der Kaserne»

Mit gedrückter Stimme macht uns unser Schulkommandant klar, dass wir bis RS-Ende, also die nächsten drei Wochen, nicht mehr nach Hause können. Zu gross die Angst, dass irgendjemand Corona  in die Kaserne einschleppt und im schlimmsten Fall die RS verlängert werden muss, falls wir daraufhin in Quarantäne müssten. Wir erhalten Zeit, um unsere Liebsten darüber zu informieren. Überall Soldaten an ihren Handys. Damit habe ich bereits gerechnet, deshalb stresst mich die Situation nicht besonders.

Für mich persönlich ist es sowieso schwieriger, nach einer Woche Militäralltag nach Hause zu gehen und aus dieser Blase auszubrechen. Für 36 Stunden Zuhause zu sein und dann jedes Mal erneut «Auf Wiedersehen» zu sagen, dem traurigsten aller traurigen Hundeblicke von Appenzeller Sennenhund Maximus ausgesetzt zu sein, statt das «Ding» durchzuziehen.

Sinnlosigkeit stresst mich

Was mich mehr stresst, ist die aufgekommene Sinnlosigkeit. Vor den Verschiebungen machte es für mich Sinn, mit Pferd und Ladung durch den Wald zu streifen, als Vorbereitung und Training auf unsere Einsätze halt. Jetzt «quarkt» es einfach nur an die schweren Ladungen aus dem Trainzelt zu schleppen, sie aufs Pferd zu hieven, damit durch den Wald zu stampfen, sie wieder abzuladen und zu versorgen.

Es ist eine Zeit totschlagen, weil das eigentliche Ziel fehlt und der Begriff «Ubooten» erreicht neue Dimensionen.


Einzige Abwechslung sind ein paar Übungen mit Laser-Guns, beziehungsweise Laseraufsätzen, die auf unsere neutralisierten Sturmgewehre geschnallt werden. Wir bekommen Westen übergezogen mit Lasersensoren und gehen in den Wald «kriegerlen». Ziel ist es: Taktisches Angreifen zu üben. Eine lustige Angelegenheit so als Spiel gesehen.

Da wir nicht mehr nach Hause gehen dürfen, ist am Sonntag chillen in Kaserne und auf dem Waffenplatz angesagt. Wir werden mit einem perfekten Sonntagsbruch verwöhnt und sind frei, auf dem Waffenplatzareal zu joggen oder spazieren zu gehen. Einzige Bedingung: Keinen Kontakt zu Zivilisten.

Bisherige Einträge:
Teil 22: «Überlebenswoche hoch zu Pferd»
Teil 21: Holz rücken interessanter als Stuten
Teil 20: Unfall am Berg: Militärpferd stürzt
Teil 19: «Stimmung bei Trainrekruten ist gereizt»
Teil 18: «Diese Erfahrung kann mir niemand mehr nehmen»
Teil 17: Militärpferde: Arbeiten für Landwirte
Teil 16: Militärpferde: Endlich Patrouillenreiter – Schweizer Bauer
Teil 15: «Meine grösste Angst: Nicht auf  das Pferd zu kommen»
Teil 14: Endlich, die Militärpferde kommen
Teil 13: Vier Wochen ohne Militärpferde
Teil 12: Das eigene Pferd auf den Militärdienst vorbereiten
Teil 11: Ich kaufe Haydo zurück
Teil 10: Armeepferde: Start ins Militärleben
Teil 9: Schlusstest für künftige Militärpferde
Teil 8: Militärpferde auf Inspektion vorbereiten
Teil 7: Trainpferde: Karren ohne Kutscher ziehen
Teil 6: Militärpferde auf das Podest stellen
Teil 5: Trainpferde müssen auch Holz ziehen
Teil 4: Die Königsdisziplin der Trainpferde
Teil 3: NPZ bildet die jungen Militärpferde aus
Teil 2: Sein eigenes Pferd der Armee verkaufen
Teil 1: Mit dem eigenen Pferd in die Armee

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