Montag, 28. November 2022
20.09.2022 07:58
Bern

Zwei Pferde in den Tod gehetzt

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Von: ats

In der Region Hasliberg im Berner Oberland kam es letzte Woche zu einer Tragödie. Zwei Pferde stürzten über eine Fluh 200 Meter in den Tod. Die Pferdebesitzer sind überzeugt, dass die sechsköpfige Pferdeherde in der Nacht von dem kürzlich in der Region gesichteten Wolf in Panik versetzt wurden. Eine Meldung über den Vorfall ist bei der Wirtschafts-, Energie- und Umweltdirektion des Kantons Bern eingegangen. «schweizerbauer.ch» hat mit einer der betroffenen Pferdebesitzerinnen gesprochen.

Letzte Woche war eine Wanderreitgruppe aus dem Kanton Luzern mit sechs Pferden in der Region Hasliberg im Berner Oberland auf einem Wanderritt unterwegs. In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag konnte die Gruppe in einer Jagdhütte eines befreundeten Landwirtes unterkommen.

Die Pferde waren direkt angrenzend an die Hütte auf einer Weide eingezäunt. Damit sie den Zaun gut sehen, wurde ein Flatterband gespannt und es war Strom auf dem Zaun. Als die Reiterinnen am Morgen die Pferde bereit machen wollten, waren die sechs Tiere nirgends zu sehen und

«Wir haben uns schon gefreut»

«Der Zaun war durchbrochen, was uns sehr erstaunte, wir haben uns sofort auf die Suche nach unseren Pferden gemacht», sagt Sarah Anderhub, Landwirtin aus Eschenbach LU und Besitzerin eines der verunglückten Pferde. Hinter einem Felsen konnte eines der Tiere gefunden werden.

«Es stand wie angewurzelt da und hat am ganzen Körper gezittert. Wir haben uns schon gefreut und gedacht, dass die anderen Pferde nicht weit sein werden, da sie ja Herdentiere sind», erzählt Anderhub.

Zehn Kilometer weiter

Doch von den übrigen fünf Pferden fehlte jede Spur. Gut, nicht ganz: «Die Hufabdrücke am Boden waren wild durcheinander», schildert die Landwirtin. Was die Suche umso schwieriger gestaltete. Bei einem Felsvorsprung machten die Suchenden kehrt. «Hier geht es nicht weiter, unmöglich, dass die Pferde hier hingekommen sind», haben sie gedacht.

Drei der fünf vermissten Pferde konnten zerstreut zehn Kilometer weiter im Dorf eingefangen werden. Zwei Tiere waren nach wie vor unauffindbar.

Wolf in Verdacht

«Wir haben in der Zwischenzeit, sprich zwischen 7 und 8 Uhr morgens, alle möglichen Hilfen angefordert, aber niemand hat sich verantwortlich dafür gefühlt und niemand hat uns ernst genommen», schildert die Wanderreiterin ihre Erlebnisse vom Freitagmorgen.

Der Verdacht, dass der Wolf Auslöser für das Verschwinden der Pferde war, stand schnell im Raum.  «Der Wolf war drei Tage zuvor nur 50 Meter von der Hütte entfernt gesichtet worden. Aber davon wussten wir erst, als wir am Freitagmorgen», begründet Anderhub.

«Niemand fühlte sich zuständig»

Weil sich niemand für die Hilfe bei der Suche zuständig gefühlt hatte, sei es extrem schwierig gewesen, Unterstützung zu erhalten. Einige Jäger und Landwirte aus der Region haben sich freiwillig dazu bereit erklärt, mit der Wanderreitergruppe zu suchen.

«Die Polizei hat Patrouillenfahrten gemacht – aber nur weil sie gerade nichts zu tun hatten, ansonsten sei das nicht ihr Zuständigkeitsgebiet haben sie betont. Schweisshunde und weitere Jägerstanden standen laut Wildhüter nicht zur Verfügung, weil gerade die Jagdsaison angefangen hat. Die Rega flog nicht, weil es sich nicht um eine Rettung von Menschen oder Bergung von toten Tieren handelte. Die Armee wollte das Gebiet auch nicht überfliegen, weil es sich bei Pferden um Fluchttiere handelt und sie das Risiko nicht eingehen wollten, sie zu verscheuchen. Der Verantwortliche war aber sehr hilfsbereit und hat sich die ganze Zeit über wieder gemeldet und gefragt, wie es bei der Suche läuft», schildert Anderhub die Bemühungen, um an Hilfe zu gelangen.

«Stand plötzlich vor toten Pferden»

Um 15 Uhr habe ihnen eine Jägerin, die bei der Rehkitzrettung mithilft, mit einer Drohne weitergeholfen und das Gebiet abgeflogen. Aber eigentlich kam diese Hilfe zu spät. «In der Zwischenzeit sind mein Mann und die Besitzerin des zweiten Pferdes in ihrer Verzweiflung über einen Gemsweg durch die Felsen den Abhang hinuntergeklettert und mein Mann stand plötzlich vor den toten Pferden», sagt Anderhub.

Sie lagen am Fusse des Felsvorsprungs, bei dem die Suchenden am Morgenfrüh kehrt gemacht haben. «Mein Mann war zuerst bei den Pferden und hat dann der Besitzerin des zweiten Pferdes gesagt, dass sie nicht weiter gehen und sich hinsetzten, soll.  Der Anblick der Tiere nach dem Sturz in die Tiefe sei schrecklich gewesen», so Anderhub.

Nervenstarke Freiberger und Andalusier

Doch was ist in der Nacht vom Donnerstag auf Freitag passiert? «Die Pferde müssen in der Nacht auf der Weide vom Wolf aufgescheucht worden sein und haben in ihrer Panik den Zaun durchbrochen. Die Gruppe wurde auseinandergesprengt und die Tiere sind in verschiedene Richtungen davongerannt. Zwei davon über den Felsvorsprung.  Sie sind 200 Meter in die Tiefe gestürzt und waren vermutlich sofort Tod», sagt Anderhub und spricht eine These laut aus, von der alle Direktbetroffenen und Involvierten aus der Region überzeugt sind.

«Bei den beiden tödlich verunglückten Pferden handelt es sich um einen 15-jährigen Andalusier und meinen 13-jährigen Freibergerwallach», so Anderhub. Beides Pferde, die laut den Besitzerinnen sehr wesensstark waren. «Wir waren viel mit ihnen unterwegs – unter anderem auf Wanderritten. Die Pferde haben bereits viel erlebt, hatten gute Nerven und liessen sich nicht durch Kleinigkeiten aus der Ruhe bringen», erklärt Anderhub unter Tränen.

Beweislage schwierig

Ihr Mann habe auf Anraten der Jägerin mit der Drohne noch einmal den Wildhüter verständigt, damit er sich die Tiere anschaut und ein Gutachten macht. Als der Wildhüter sich die Tiere mit ihren Verletzungen angeschaut hat, sei er überzeugt gewesen, dass der Wolf hinter der Tragödie steht, erklärt sie. Doch solange keine eindeutigen Pfoten-Abdrücke, Fell- oder Blutproben des Wolfes vorhanden sind, ist es quasi unmöglich die Vermutung zu beweisen.

Die Wirtschafts-, Energie- und Umweltdirektion des Kantons Bern bestätigt auf Anfrage, dass dem Jagdinspektorat des Kantons Bern am Hasliberg der Absturz zweier Pferde gemeldet worden sei.  «Der aufgebotene Wildhüter konnte vor Ort nur noch den Tod der Tiere feststellen. Was die weidenden Pferde erschreckt hat, ist unbekannt», heisst es in der Stellungnahme. Die toten Pferde wurden von der Rega ausgeflogen.  

«Pferde waren völlig verstört»

Auf Anfrage, wie es den überlebenden Tieren gehe, sagt Anderhub: «Jeder weiss, dass Pferde Fluchttiere sind, aber erst jetzt begreife ich richtig, was ein Fluchttier wirklich ist. Die Pferde waren völlig verstört, als wir sie nach langer Suche gefunden haben. Eines blieb unverletzt, zwei haben Schürfwunden und eines ist zurzeit mit einer Fraktur und einer grossen Wunde im Tierspital.»

Die beiden Pferde, welche Landwirtin Sarah Anderhub mit auf den Wanderritt im Hasliberg BE genommen hat. Das linke Pferd, Lyswood du Coinat, starb beim Sturz über die Felsen.
zvg

Im Gespräch betonte Anderhub mehrmals, dass es extrem schwierig gewesen sei, Hilfe zu bekommen und sich die Betroffenen sehr im Stich gelassen gefühlt haben. Nur durch sehr viel Eigeninitiative sei es möglich gewesen, die Tiere ausfindig zu machen. «Mein Mann hat an diesem Tag 53 Telefonate geführt, um Hilfe zu bekommen», erzählt die Landwirtin. Sie seien sich vorgekommen, als ob alle dachten:  «Ja ja, ein paar Wendy’s haben ihre Einhörner im Wald verloren».

Keiner weiss, wie reagieren»

Dies obwohl die Pferde auch nach stundenlanger Suche nicht gefunden haben und von Anfang an den Verdacht mit dem Wolfsangriff geäussert wurde. «Wir kamen uns nicht ernst genommen und völlig hilflos vor. Und ich denke so geht es vielen Leuten, die durch einen Wolfskontakt betroffen sind», sagt Anderhub.

«Es kann nicht sein, dass die betroffenen Landwirte nicht ernst genommen werden und sich niemand getraut,  Meldungen zu machen. Ich meine in diesem Fall wurde der Wolf direkt neben einem Kinderwanderweg gesichtet und ich bin mir nicht sicher, ob der Wolf nicht auf einmal doch mit einem Kind spielen möchte. Es ist schwierig an Informationen zu kommen, die verantwortlichen Personen ausfindig zu machen. Keiner weiss, wie er reagieren soll, wenn er dem Wolf begegnet oder in irgendeiner Form Opfer einer Wolfsbegegnung wurde», sagt sie im Gespräch.

«Wir müssen Druck aufbauen»

«Wenn der Staat will, dass wir mit dem Wolf leben, dann muss ein System her, das «verhebt»: Mit einer schweizweiten Übersicht über gesichtete und vorkommende Wölfe. Verantwortliche Personen und Einsatzgruppen, die wie in unserem Fall eingesetzt werden und zu Hilfe kommen», beharrt die zweifache Mutter. 

«Wir betroffenen müssen jetzt einfach Druck aufbauen, wenn von Seiten des Bundes nichts kommt», sagt Anderhub. «Wir wollen unsere Tiere und uns selber schützen, das können wir nur, wenn uns die nötigen Informationen und Hilfen zur Verfügung stehen.»

Ein Bild von dem Ritt, bevor die Tragödie geschah.
zvg
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One Response

  1. In Namibia werden Geparde, welche den Ziegenherden der Bauern zu nahe kommen gefangen, mit Senderhalsbändern versehen und so ist es möglich den Standort den jeweiligen Bauern zu übermitteln. So weiss man, wo sich das Raubtier aufhält. Vielleicht auch eine Lösung?

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