Freitag, 7. Oktober 2022
21.09.2022 13:10
Agropreis

Abgeschiedenheit wird zum Betriebszweig

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Von: Reto Blunier

Die Abgeschiedenheit nützt die Familie Bracher für einen Betriebszweig. In viel Eigenregie haben sie ein Ofenhaus und ein Weideschürli stilvoll umgebaut. Das aussergewöhnliche Angebot wird rege genutzt

Das Emmental mit seinen unzähligen Hügeln und Tälern schreibt viele Geschichten, eine davon auch in Oberburg bei Burgdorf. Vom Ortszentrum führt eine Strasse nach Krauchthal. Nach nur rund 1,5 Kilometern zweigt eine Strasse ins Lauterbachtal ab. Von Hektik ist hier nichts mehr zu spüren.

Wenig später, leicht erhöht über dem Talboden, liegt der Weiler Hof. Die Abgeschiedenheit hat die Familie Bracher zu einem Betriebszweig genutzt. «Dass hier Tourismus funktionieren würde, hätten wir nicht für möglich gehalten», erzählen Rahel und Andreas Bracher mit einem Lächeln.

Anfang mit Zimmer

Lange deutete auch nichts auf diese Ausrichtung hin. Seit 2001 führt das Ehepaar den Landwirtschaftsbetrieb von Andreas’ Eltern. Der Hof war auf Milchwirtschaft ausgerichtet. Mit dem Umbau des Bauernhauses im Jahre 2008 beschäftigte sich Rahel Bracher erstmals mit dem Konzept Bed&Breakfast. Das Prinzip ist einfach: Die Gäste buchen ein Bett oder ein Zimmer mit Frühstück. «Nebst dem Umbau der Stube und der Küche im Erdgeschoss haben wir im ersten Stock drei Zimmer erneuert», führt die ausgebildete Bäuerin aus. «Für mich war wichtig, dass die Zimmer über ein eigenes Bad und einen separaten Eingang verfügen», hält Andreas Bracher fest.

Da 2008 das erste Kind auf die Welt kam, wurde die Idee eines Bed&Breakfast verschoben. Zwei Jahre später war es so weit. Rahel Bracher richtete eines der Zimmer, das «Gade», her. Anfang Juli 2010 kamen die ersten Gäste auf den Hof. «Als Ziel habe ich mir einige Übernachtungen gesetzt», schmunzelt sie. Schliesslich verbuchte die Familie 122 Übernachtungen, also deutlich über den Erwartungen. Das hatte auch damit zu tun, dass sich die Brachers um die Vermarktung kümmerten. «Da wir hier doch ziemlich abgelegen sind, setzten wir von Beginn an auf das Internet. Denn ohne einen Onlineauftritt mit guten Fotos wären keine Gäste zu uns gekommen», stellt Andreas Bracher klar. Deshalb wurden sie Mitglied bei Bed&Breakfast Switzerland, und das sind sie bis heute.

Andreas Bracher hat den Betrieb auf die Haltung von Weiderindern umgestellt. Bis 2018 wurde Milch produziert.
Rahel Bracher

Sie ist der Treiber

Rahel Bracher, die früher einmal in der Hotellerie und Gastronomie arbeitete, gefiel die Arbeit mit Gästen. «Wir haben gemerkt, dass der Betriebszweig mit den Übernachtungen funktioniert. Eine Erweiterung machte deshalb Sinn», hält sie fest. «Rahel ist der Treiber und bringt neue Ideen ein. Ich analysiere die Risiken und kümmere mich um die Finanzen», erklärt Andreas Bracher. Das führe öfters zu Diskussionen, man treffe sich aber oft in der Mitte. 

So wie im Jahr 2011. Das war der Startpunkt ihres Projekts. Rahel Bracher hatte die Idee, das eigene Ofenhaus zu einem Gästehaus umzubauen. «Die Idee Übernachtungen in alten Gemäuern sagte mir sofort zu. Denn wir wollten etwas machen, was andere noch nicht anbieten», sagt sie. Doch der Kanton Bern durchkreuzte die Pläne. Eine Voranfrage zum Umbau wurde abgelehnt. Das Gebäude sei zu zerfallen. Eine Renovation käme einem Neubau gleich. Der Behördenvertreter verwies aber auf das ungenutzte Ofenhaus des Nachbarn. Dieses könne man umbauen. Rahel Bracher war begeistert, ihr Mann sah die Risiken. Schliesslich einigten sie sich mit dem Nachbarn und kauften das Ofenhaus und das dazugehörende Land.

Zwei Jahre Bauzeit

Im Frühling 2014 lag die Baubewilligung vor, der Umbau startete. Doch dieser gestaltete sich schwieriger als angenommen. «Das Gebäude war eine Ruine. Insgesamt erstreckten sich die Bauarbeiten, die wir in Eigenregie ausübten, über zwei Jahre. Der Vorteil: Wir verteilten die Kosten. Beim Bau unterstützten uns befreundete Handwerker», sagt Andreas Bracher. Sie hätten schon schlaflose Nächte gehabt. Schliesslich investierten sie über 150’000 Franken. Doch es hat sich gelohnt, herausgekommen ist ein 70 Quadratmeter grosses Bijou.

Im Erdgeschoss befinden sich das Bad, das Wohnzimmer und ein Kühlschrank, im Obergeschoss sind die Betten angeordnet. Mit viel Liebe zum Detail hat Rahel Bracher das «Ofehüsli» eingerichtet und dekoriert. Die Möbel und Accessoires kaufte sie im Internet, im Brockenhaus oder auf Flohmärkten. «Wir wollen etwas Spezielles anbieten. Wir verbinden Traditionelles mit Modernem», so die 44-Jährige. Im Frühling 2016 zogen die ersten Gäste in das Ofenhaus ein.

Ruhe herrschte nur kurz

Während der Umbauphase konnte die Familie den Betrieb von Rahels Eltern dazupachten. So bewirtschaften sie heute 46ha Land, davon 25ha Eigenland, in der voralpinen Hügelzone. Der grösste Teil davon ist Grünland, auf rund 6,5 ha wird Ackerbau betrieben. Zum Betrieb gehören auch 13 ha Wald. 2018 haben Brachers entschieden, die Milchproduktion aufzugeben. Der nach IP-Suisse-Richtlinien produzierende Betrieb setzte fortan auf die Haltung von Weiderindern. Rund 80 Tiere grasen auf den Weiden. Jährlich werden 40 Rinder der Schlachtung zugeführt. «Die graslandbasierte Ausrichtung passt zu unserem Betrieb», sagt der Landwirt.

Eigentlich sollte ein wenig Ruhe einkehren. «Ich hatte genug vom Umbauen», erklärt er. Seit der Aufgabe der Milchproduktion verfügte er aber über mehr Zeit. Und seine Frau hatte als weiteres Angebot ein kleineres Häuschen im Hinterkopf. Dieses entdeckte er vor gut zwei Jahren in der Region. «Der Landwirt wollte das Weidehäuschen eigentlich abbrechen. Wir kauften es ab. Das Risiko war eher gering. Das Altholz hätte ich sonst verkauft», so der 53-Jährige. Im Februar 2020 wurde das Weidehaus abgebaut. Kurze Zeit später erhielten sie die Baubewilligung.

Dunkle Nächte

40 Meter neben dem Ofenhaus wurde das 15 Quadratmeter grosse Weidehaus aufgebaut. Insgesamt investierten sie rund 60’000 Franken. 2021 bezogen die ersten Gäste das «Weideschürli». Es ist bewusst einfacher ausgestattet. «So können wir unterschiedliche Zielgruppen ansprechen», erklärt Rahel Bracher.  Das Angebot nutzen vor allem Gäste, die Ruhe vor dem hektischen Alltag suchen oder die Region mit dem E-Bike erkunden wollen.

«Ferien auf dem Bauernhof kam für uns nicht infrage», stellen die beiden klar. Die Gäste schwärmten von der Ruhe, die hier herrsche. «Und sie sind überrascht, wie dunkel es hier in der Nacht wird», schmunzeln sie. Beim Frühstück gebe es aber Gespräche mit den Gästen. «Ich beantworte dann auch gerne Fragen zur Landwirtschaft», sagt Rahel Bracher.

Unterschiedliches Preismodell

Zu Beginn kamen auch öfters Gäste aus dem Ausland. Das hatte auch mit den Preisen zu tun. Das Zimmer, das bis 2018 in Betrieb war, kostete 50 Franken pro Person und Nacht. Beim komfortablen Ofehüsli liegt der Preis, je nach Länge des Aufenthalts, um die 100 Franken. Das Weidehüsli gibt es für 60 Franken. 2021 verbuchten Brachers, auch dank der Pandemie, über 200 Übernachtungen. «2022 sind wir auch auf Kurs. Wir dürften den Vorjahreswert wieder erreichen», führt Rahel Bracher aus.

Ein weiterer Ausbau sei nicht mehr geplant, auch aus Platzgründen. «Ausser es ist etwas Spezielles», lacht die Gastgeberin. Sollten sie den Agropreis gewinnen, würden sie mit einem Teil des Preisgeldes ein Richtfest für die Handwerker und Helfer nachholen.

-> Hier gehts zur Website der Familie Bracher

Agropreis 2022

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