Sonntag, 24. Oktober 2021
23.10.2021 11:55
Agropreis

Weniger Aufwand, mehr Wertschöpfung

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Von: Reto Blunier

Zahlreiche Bauern setzen auf das Standbein Direktvermarktung. Hier setzt die Software von Matthias Ruoss und Markus Bernhardsgrütter an. Diese minimiert den administrativen Aufwand und erhöht die Wertschöpfung.

Ein wenig abseits der Ortschaft Gossau SG, auf einer Anhöhe situiert, liegt der Betrieb von Markus Bernhardsgrütter. Der seit 2021 nach Bio-Suisse-Richtlinien produzierende Hof verfügt über die Standbeine Ausmastkühe, Pouletmast und Gemüse. Das Letztere wird hauptsächlich über die Direktvermarktung abgesetzt.

Aufwand minimieren

Und hier setzt die Saisonbox-App an. «Kunden können über die App bequem ein Gemüseabo abschliessen und dieses flexibel verwalten. Für mich als Gemüseproduzenten minimiert sie den administrativen Aufwand und erhöht so die Wertschöpfung», führt der 34-Jährige aus. Das System übernimmt den Bestellvorgang, das Kommissionieren und das Rechnungswesen. Bis jedoch so eine komplexe Software ins «Rollen» kommt, braucht es viel Zeit, Geduld und Durchhaltewillen.

Ihren Anfang nahm die Saisonbox 2010. Markus Bernhardsgrütter absolvierte am Strickhof die Ausbildung zum Agrotechniker. Bereits damals tüftelte er an einem Online-Shop für die Direktvermarktung. Und er registrierte die Marke Saisonbox. Er weckte dabei das Interesse bei Matthias Ruoss.

2015 Wendepunkt

Die beiden Junglandwirte spannten in der Folge zusammen und entwickelten einen ersten Webshop auf Basis von Modulen selber. Ein Gemüsebetrieb in der Innerschweiz übernahm als erster das Konzept. Der Shop lief zuverlässig, doch die beiden Landwirte entwickelten weitere Ideen.

Ende 2015 war jedoch ein Wendepunkt. «Entweder hören wir auf, oder wir professionalisieren», führt Matthias Ruoss aus. 2016 gründeten sie die Saisonbox GmbH und setzten den Shop mit einem Ostschweizer Unternehmen neu auf. Weitere vier Direktvermarkter, sogenannte Standorte, übernahmen die Software von Saisonbox.

2019 neu konzipiert

Ruoss und Bernhardsgrütter hatten den Anspruch, ihr Produkt weiterzuentwickeln und zu optimieren. Ausschlaggebend sei, den Aufwand für die Betriebsleiter so gering wie möglich zu halten. Und der Shop habe auch die Erwartungen bezüglich Einfachheit und Funktionalität der Kunden zu erfüllen. «Weil immer mehr über das Smartphone bestellt wird, war für uns klar, dass das System über eine App laufen muss», fährt Bernhardsgrütter fort.

Deshalb haben die beiden Landwirte 2019 entschlossen, die Saisonbox neu zu konzipieren. «Das war herausfordernd und sehr zeitintensiv. Einerseits haben wir unsere Erfahrungen der vergangenen zehn Jahre einfliessen lassen. Andererseits haben wir die Bedürfnisse unserer Landwirte und ihrer Endkunden eingebracht», erklärt Matthias Ruoss.

Matthias Ruoss (l.) und Markus Bernhardgrütter haben in den vergangenen Jahren die Software stetig weiterentwickelt.
Reto Blunier

Nach rund einem Jahr Entwicklung war die erste App für den Start bereit und wurde bei den Standorten ausgerollt. Das System umfasst eine Kunden-App. Hier bestellen die Kunden über das Smartphone oder den PC Gemüse- oder Obstboxen. Diese gibt es in drei verschiedenen Grössen – klein, mittel und gross. «Die Betriebe haben auch die Möglichkeit, ihr Sortiment mit Fleisch-, Milch- und eigenen Hofprodukten zu erweitern», führt Markus Bernhardsgrütter aus. Mit einem Wisch können die Kunden das Abo auch unterbrechen.

Kernstück Applikationen

Kernstück für die Direktvermarkter sind drei weitere Applikationen. Hierüber erfolgt die Abwicklung der Bestellungen. Es werden automatisch Rüst- und Lieferscheine generiert und eine Auslieferroute erstellt. Über die Produzenten-App hat der Landwirt den Überblick über die Kunden sowie deren Bestellungen. Hier erstellt und bearbeitet er das Sortiment und legt die Preise fest. Seit wenigen Wochen ist auch die Packer-App in Betrieb, über die das Kommissionieren der Bestellungen erfolgt. Der Landwirt verbindet dafür das Tablet mit der Waage. Auf dem Display erscheint anschliessend die Bestellung. Durch das Wägen erfolgt die exakte Verrechnung des Gewichts. Danach gibt die App die Lade-Reihenfolge der Boxen im Fahrzeug vor.

Und nun kommt die Driver-App zum Tragen. Das Tool generiert automatisch eine optimale Auslieferroute für den Fahrer. Zudem ermöglicht die App eine Verwaltung der Gebinde. Der Landwirt weiss also immer, wo sich wie viele der Styropor-Boxen befinden.

Auf Kerngeschäft konzentrieren

Weshalb sollen sich Direktvermarkter für diese Lösung entscheiden? «Mit der App können sich die Bauern auf ihr Kerngeschäft, die Produktion von Lebensmitteln, konzentrieren. Die Saisonbox GmbH übernimmt die anfallenden administrativen Aufgaben sowie die Weiterentwicklung des Onlineshops und die Abrechnung mit dem Endkunden», sagt Matthias Ruoss, derbei Saisonbox unter anderem für das Finanzwesen zuständig ist.

Die Kosten für den Landwirt sind abhängig vom Systemumfang und betragen zwischen 3 bis 8,5 Prozent vom Umsatz. Den Kunden wird immer am Ende des Monats Rechnung gestellt. «Wir haben bis jetzt sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Zahlungsausfälle sind gering», hält der 33-Jährige fest.

https://youtu.be/xh2QrlkjJfw

Nur Schweizer Produkte

Die Betriebe haben über die Marke Saisonbox ein einheitliches Marketingkonzept und können auch Werbeträger wie Flyer beziehen. «Die Bauern agieren aber am Markt ganz unabhängig. Sie legen die Produktpreise und den Sortimentsmix selbst fest», stellt Ruoss klar. Über die Saisonbox sollen regionale und saisonale Produkte verkauft werden. «Deshalb dürfen über die Plattform auch nur schweizerische Erzeugnisse verkauft werden», fährt er fort. Mindestens 60 Prozent stammen vom eigenen Betrieb und bis zu 40 Prozent können von Bauern aus der Region zugekauft werden. «Die Saisonbox ist für Landwirte konzipiert. Reine Händler suchen wir nicht», so Ruoss weiter.

Die Kunden bestellen bequem über die App. Dis Auslieferung erfolgt über Mehrweg-Boxen.
Reto Blunier

Wöchentlich werden Gemüseboxen im vierstelligen Bereich ausgeliefert. Momentan nutzen neun Betriebe die Saisonbox-App. Im Fokus stehen vor allem Gemüse- und Obstproduzenten mit breitem Sortiment. «Unser Ziel ist es, dass 2022 rund 20 Landwirte unser System einsetzen», erklärt Markus Bernhardsgrütter. Das langfristige Ziel sieht eine schweizweite Abdeckung vor. Das wären 50 bis 100 Standorte.

Das Preisgeld würden die beiden findigen Landwirte einerseits in die Weiterentwicklung der Saisonbox-App investieren. «Andererseits würden wir unsere Standorte mit weiteren Marketingmassnahmen unterstützen», führen sie aus.

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