Montag, 27. Juni 2022
24.10.2021 11:55
Agropreis

Bauern realisieren Milchpreis von 1 Franken

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Von: Reto Blunier

60 Milchbauern und -bäuerinnen aus der gesamten Schweiz sind Mitglieder der Genossenschaft «Faireswiss». Diese garantiert den Milchproduzenten einen kostendeckenden Milchpreis von einem Franken pro Kilo.

Der Schweizer Milchmarkt ist seit Jahren einem steten Strukturwandel ausgesetzt. Dieser hat sich in den vergangenen Jahren gar beschleunigt. Die tiefen Preise, insbesondere für Molkereimilch, führen im Sektor seit Jahren dazu, dass jedes Jahr Hunderte Betriebe ihre Kühe verkaufen und die Produktion einstellen.

Produzentenpreise nicht kostendeckend

2020 gab es in der Schweiz noch 18’396 Höfe, die Milch ablieferten. Das waren 652 oder 3,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Seit 2007 haben fast 10’000 Betriebe aufgegeben. Das könne so nicht weitergehen, sagte sich Anne Chenevard, die einen Milchviehbetrieb in Corcelles-le-Jorat VD führt. Sie produziert rund 280’000 Kilo pro Jahr. «Gemäss einer Studie von Agridea aus dem Jahr 2016 liegt der Produktionspreis für einen Kilo Milch bei98 Rappen. Der ausbezahlte Milchpreis war damals für meinen Betrieb bei Weitem nicht kostendeckend», sagt die engagierte Romande rückblickend auf das Jahr 2018.

Für sie gab es nur noch eine Möglichkeit. Die Milchbauern müssen das Schicksal selbst in die Hand nehmen, um auf dem Markt kostendeckende Preise zu realisieren. Zusammen mit anderen Produzenten gründete sie im Juni 2018 die Genossenschaft «Faireswiss». Ziel ist es, den Milchproduzenten einen Milchpreis von einem Franken zu garantieren.

Keine Aktionen

Dies wird wie folgt realisiert. Der Verarbeiter kauft die Milch beispielsweise zum Preis von 65 Rappen pro Kilo ein. Die Genossenschaft überweist anschliessend ihren Mitgliedern zusätzlich 35 Rappen pro Liter, um den angestrebten Preis von 1 Franken zu erreichen. «Damit wollen wir Familienbetriebe stärken sowie die Milchproduktion in der Schweiz erhalten. Denn eines unserer Ziele ist auch die Ernährungssicherheit», hebt Anne Chenevard.

Wichtig sei es, dass sich die Bauern zusammenschliessen und die Milch gemeinsam vermarkten. «Wir verhandeln direkt mit den Detailhändlern und vereinbaren den Preis. Über die Höhe von einem Franken wird aber nicht verhandelt. Die Verarbeitung und die Verpackung werden über Dritte abgewickelt», fährt sie fort. Anders als bei anderen Produkten gibt es «Faire Milch»-Artikel nie zu Aktionspreisen zu kaufen.

Maximal 50% der Jahresproduktion

Um am Modell zu partizipieren, muss ein Landwirt Genossenschafter bei «Faireswiss» werden. Das Minimum ist 1’000 Franken (davon 500 Franken Startkapital), dafür erhält er das Recht, 20’000 Kilo zu liefern. Maximal kann ein Landwirt Anteile von 5’000 Franken kaufen, das sind 180’000 Kilo. Er darf jedoch nicht mehr als 50 Prozent seiner Jahresproduktion liefern. Das Projekt ist langfristig ausgerichtet. Deshalb binden sich die Milchbauern während zehn Jahren an die Genossenschaft.

Mitglied bei «Faireswiss» können Milchproduzenten aus der ganzen Schweiz werden. Um liefern zu können, müssen sie mindestens zwei von drei Bundesprogrammen erfüllen. Es handelt sich um GMF (graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion), Raus (regemässiger Auslauf ins Freie) oder BTS (besonders tierfreundliches Stallhaltungssystem). Die Milchbauern erbringen zudem den ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN). Daneben verpflichten sich die Mitglieder, bei Verkaufsaktivitäten in Läden teilzunehmen und so die Marke aktiv zu fördern.

Berthe Darras (l.) und Anne Chenevard wollen mit Faireswiss die Familienbetriebe erhalten.
zvg

Start im Herbst 2019

Die Höhe der Vergütung eines Mitglieds hängt von der gesamthaft verkauften Menge an fairer Milch pro Jahr ab sowie der an die Genossenschaft zugesagten Menge. Doch bis die ersten Beiträge an die Bauern geflossen sind, galt es, Detailhändler, Ladenbesitzer und die Konsumenten zu überzeugen. Anne Chenevard und ihre Kollegen mussten Absatzkanäle suchen. Diese Aufgabe war anspruchsvoll.

Support erhielten sie von Konsumenten. «Diese sagten, dass sie schon lange auf ein solches Produkt warteten, um die Bauern unterstützen zu können. Doch sie wüssten nicht, wo sie es kaufen könnten», erklärt die Milchproduzentin. Im Herbst 2019 schliesslich war es so weit. 14 Produzenten aus den Kantonen Waadt, Freiburg, Jura, Neuenburg und Baselland waren beim Start dabei. 31 Läden von Manor, zahlreiche kleinere Lebensmittelläden und auch öffentliche Anstalten wie Spitäler kauften die Produkte von «Faireswiss». 2019 konnten in drei Monaten immerhin 180’000 Liter abgesetzt werden.

Der Milchproduzent erhält einen Franken pro Kilo Milch, die über die Genossenschaft gehandelt wird.
Pixabay

2021: 2 Millionen Kilo

2020 ging es weiter vorwärts. Der fairen Milch gelang es, in der Deutschschweiz Fuss zu fassen. Mehrere Bauern aus der dem Kanton St. Gallen beteiligten sich an der Genossenschaft. Die Detailhändlerin Spar nahm eine UHT-Voll- und teilentrahmte Milch ins Sortiment auf. Die verkaufte Milchmenge kletterte auf 1,07 Millionen Kilo, die Anzahl Produzenten stieg auf über 60 an. Das Interesse war so gross, dass Wartelisten eingeführt wurden.

Auch 2021 hat die Genossenschaft neue Absatzkanäle erschlossen. So gibt es die Produkte in 74 Migros-Filialen in der Romandie zu kaufen. Anne Chenevard geht davon aus, dass die verkaufte Milchmenge 2021 auf 2 Millionen Kilo gesteigert werden kann. Das Sortiment umfasst derzeit zwei Milchen, sieben Käsesorten, Kaffeerahm sowie eine Fonduemischung. Erhältlich sind die Produkte mittlerweile an 400 Verkaufspunkten.  Aus Kostengründen wird die «Faireswiss»-Milch nicht von anderer Milch getrennt abgeführt. «Doch wer unsere Produkte kauft, weiss, dass ein Landwirt einen Franken pro Kilo erhalten hat», sagt die Landwirtin.

Ein Kilo pro Einwohner

Welche Menge strebt die Genossenschaft an? «Unser mittelfristiges Ziel ist ein Liter pro Einwohner der Schweiz, also rund 8,7 Millionen Kilo», sagt die 40-Jährige. In der Schweiz werden jährlich 3,4 Mrd. Kilo produziert, «Faireswiss» ist ein kleiner Akteur. «Es geht nicht nur um die Menge, sondern auch um die Botschaft. Für die Bauern ist das ein grosser Schritt», führt sie aus. Das System liesse sich auch auf andere Produkte adaptieren. «Gemüse, Obst, Fleisch unter dem Dach der Marke ‹Faireswiss›, das ist unsere Vision», sinniert Chenevard.

Das Preisgeld würde in die Weiterentwicklung des Projekts investiert. Im Fokus stehen das Marketing und die Kommunikation. «Wir wollen die Marke bekannter machen», hält die Vaudoise fest.

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2 Responses

  1. Habe mit der Milchproduktion aufgehört.
    Uns wurde Jahrelang gesagt, ihr produziert zuviel, darum ist der Milchpreis schlecht.
    Doch jetzt wo die Milch gesucht wäre, bewilligt der Bund Milchimporte damit der Milchpreis ja nicht steigt.
    Dasheisst, es ist politisch nicht gewollt, das ein anständier Milchpreis bezahlt wird.

  2. Ich hoffe, dass ich die Bauern unterstützen kann, indem ich die Milch mit Milchkessel am Automaten direkt ab Hof einkaufe. Weiter so! Ist eine Supersache!

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