Samstag, 23. Oktober 2021
23.10.2021 18:42
Agropreis

Mit Beeren Perspektiven fürs Tal schaffen

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Von: Reto Blunier

Im Puschlav haben sich Nicolo Paganini und Marco Triacca in den letzten 20 Jahren als Beerenproduzenten etabliert. Wegen der Abgeschiedenheit des Tals wird die Zusammenarbeit mit anderen Betrieben vorangetrieben.

Langsam, aber stetig winden sich Strasse und Bahn hinab ins Puschlav. Das Bündner Südtal ist durch das Alpenmassiv rund um den Bernina vom Rest des Kantons abgetrennt. Die Fahrt von der Kantonshauptstadt Chur mit dem Auto dauert rund 2½ Stunden. Das Tal mit einem Flair Italianità überrascht durch seine Vielseitigkeit. Das ist auch seiner Abgeschiedenheit geschuldet. Um Märkte zu schaffen, muss sich das Tal laufend wandeln.

Zusammenarbeit zentral

Das Tal mit knapp 5000 Einwohnern verfügt über die stattliche Anzahl von 120 Landwirtschaftsbetrieben. Dazu gehören auch Nicolò Paganini und Marco Triacca. Im Campascio, nur wenige Kilometer von der italienischen Grenze entfernt, haben sie sich auf die Produktion und Verarbeitung von Beeren spezialisiert.

Der Start zum Projekt erfolgte vor über 20 Jahren. Nach dem Gymnasium arbeitete Nicolò Paganini in Zürich in einem Handelsbetrieb für Beeren. Doch er merkte rasch, dass er kein geborener Händler ist. Was er aber wusste: Beeren sind im Trend. Im Jahr 2000 kehrte er in den südlichsten Zipfel des Bergtals zurück. «Ich wollte selbst Beeren anbauen», erzählt der 49-Jährige. Seine Eltern besassen einen Handelsbetrieb. So verfügte er über eine Infrastruktur. Was ihm fehlte, war Land.

Insgesamt bewirtschaften Paganini und Triacca 70 Parzellen auf 10 Hektaren.
Reto Blunier

Im rund 200 Einwohner zählenden Dorf wurden viele Hausgärten nicht mehr bewirtschaftet. Paganini klopfte bei den Nachbarn an und fragte, ob er ihre Parzellen nutzen dürfe. Die Zusammenarbeit unter der Bevölkerung ist ein zentraler Aspekt. «Nur wenn es dem Nachbar gut geht, profitiere auch ich», sagt Paganini. Man treffe sich mehrmals jährlich. Und hier entstünden immer wieder neue Ideen für Produkte und Dienstleistungen.

Gärten und Terrassen

So startete er vor 21 Jahren mit rund 1000 Quadratmetern. Er baute Himbeeren und Brombeeren an. Zwei Jahre später erweiterte er das Sortiment mit Heidelbeeren und Erdbeeren. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Parzellen hinzu. 2010 kehrte Marco Triacca nach seinem Agronomie-Studium an der ETH Zürich zurück ins Tal und half mit, den Betrieb zu vergrössern und zu optimieren. Neben den Hausgärten begannen die beiden auch, verwaldete Terrassen zu rekultivieren. «Bis in die 1970er-Jahre wurden dort noch Gemüse und Tabak angebaut», weiss Paganini.

Das Zurückgewinnen ist harte Arbeit. Doch es lohne sich. Denn die Böden seien für den Beerenanbau prädestiniert. Diese seien leicht und sauer. Das milde und trockene Klima komme den Kulturen zudem entgegen, erklärt Paganini. Weil sich wenige Kilometer oberhalb von Campascio ein Stausee befindet, ist immer genügend Wasser zum Bewässern vorhanden. Die Flächen liegen in der Bergzone III auf einer Meereshöhe zwischen 500 bis 800 Meter. Das hat weitere Vorteile. «So können wir gestaffelt ernten und das Risiko verteilen», führt Marco Triacca aus. Das Wiederherstellen der Trockenmauern fördere ausserdem die Biodiversität, hält der 41-Jährige fest.

60 Tonnen Beeren

Die Fläche ist auf rund 10 Hektaren angewachsen, diese verteilen sich auf 70 Parzellen. Die kleinste weist lediglich eine Fläche von 50 Quadratmeter auf, die grösste misst immerhin 5000 Quadratmeter. Zum Betrieb gehören auch 1 ha Zwetschgen und Kirschen. Daneben werden die Walnüsse von insgesamt 300 Bäumen verarbeitet.

Marco Triacca bewirtschaftet in Tresenda in Italien, nur 10 Kilometer von Campascio entfernt, einen 3,5 ha grossen Rebberg. Er baut dort die Sorten Nebbiolo und Pignola valtellinese an. «Das Puschlav und das Veltlin sind wirtschaftlich sehr eng verbunden. Das ist auch historisch bedingt», erzählt der Agronom.

Um die Produkte zu vermarkten, haben die beiden die Piccoli Frutti Valposchiavo GmbH gegründet. Diese kauft und vermarktet die Beeren. Das sind pro Jahr rund 30 t Himbeeren, 15 t Erdbeeren, 10 t Brombeeren und 10 t Heidelbeeren. 60 Prozent davon gehen als frische Beeren in den Handel. Hauptabnehmer ist Coop, dort werden diese unter dem Label Pro Montagna vermarktet.

Grösster Abnehmer der Beeren ist Coop.
Reto Blunier

«Montagsbeeren»

Eine Lösung musste für die sogenannten «Montagsbeeren» gefunden werden. «Von Donnerstag bis Samstag lassen sich die Beeren problemlos verkaufen. Anfang Woche ist das nicht so», so Paganini. Die Beeren werden frisch tiefgekühlt und können so je nach Bedarf zu Säften, Konfitüren oder Sirup verarbeitet werden.

Ein Fruchtkonzentrat findet zudem Anwendung in Joghurts der Pro-Montagna-Linie von Coop. Zum Angebot gehören auch getrocknete Früchte, eine Kastanien-Creme oder eingelegte Zucchetti.

Um die Produkte zu den Kunden ins Unterland zu bringen, arbeiten Paganini und Traccia mit Leuten aus dem Dorf zusammen. «Ein Spediteur bringt unsere Beeren und andere Produkte nach Chur und ins Verteilzentrum», führen sie aus.

Zimmer und Führungen

Die Zusammenarbeit der Bevölkerung im Puschlav ist intensiv. Unter der Dachmarke «100% Valposchiavo» werden Produkte vermarktet, deren Rohstoffe und Bestandteile aus dem Bergtal stammen. Für eine Pizzeria produzieren Paganini und Triacca eine geeignete Tomatensorte an. «Die Pflanzen gedeihen prächtig», sagt Nicolo Paganini nicht ohne Stolz. Jene Tomaten, die nicht für die Sauce verwendet wird, werden zu Ketchup verarbeitet.

Seit 2016 verfügen die beiden Bündner über ein agrotouristisches Angebot.
Reto Blunier

Zur Piccoli Frutti Valposchiavo GmbH gehört seit 2016 auch ein agrotouristisches Angebot. In den vier Zimmern des «Coltiviamo Sogni» gibt es insgesamt 12 Betten. «Jährlich verbuchen wir gegen 1000 Übernachtungen», erklärt Marco Triacca. 90 Prozent der Gäste stammen aus der Deutschschweiz. Das Angebot sei eine Visitenkarte für ihren Betrieb. Führungen in den Beerenfeldern und Rebbergen runden das Angebot ab.

Weiter wachsen wollen die Unternehmer, die zehn Personen beschäftigen, nicht mehr. «Die Fläche reicht aus, um wirtschaftlich zu arbeiten», erklärt Paganini. Das Preisgeld würde in ein spezielles Projekt fliessen. «Ein Kollege von uns baut in den Terrassen Olivenbäume an. Ziel ist ein Bergolivenöl. Hier würden wir helfen. Denn das Tal hat uns auf unserem Weg ebenfalls unterstützt», hält er zufrieden fest.

Agropreis 2021

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