Freitag, 7. Oktober 2022
24.09.2022 06:00
Agropreis

Mit einzigartigem Produkt Markt geschaffen

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Von: Reto Blunier

Die Verarbeitung von Schweizer Wolle ist wegen ihrer Beschaffenheit herausfordernd. Die Familie Brog hat ein in der Schweiz einzigartiges Produkt entwickelt. Sie haben mit dem hiesigen Rohstoff einen neuen Markt geschaffen.

Mächtige Berge umgeben das Haslital. Der Aaregletscher hat vor Tausenden Jahren diese liebliche Region geschaffen. Lang gezogene Sonnenterrassen wechseln sich ab mit schroffen Elementen wie der Aareschlucht. Im Herzen des Haslitals liegen die Gemeinden Meiringen und Schattenhalb. In der Region, in welcher die Kunstfigur Sherlock Holmes den Tod fand, ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Für den Fremdenverkehr ist die Landwirtschaft von grosser Bedeutung. «Denn nur durch Landwirtschaft wird Land zur Kulturlandschaft», heisst auf der Website von Meringen BE. Die beiden Gemeinden zählen rund 85 Landwirtschaftsbetriebe. Einer dieser Höfe wird von der Familie Brog bewirtschaftet.

Wolle Wert verleihen

Auf dem rund 37 Hektaren grossen Betrieb leben 300 Schafe der Rassen Schwarznasen, Suffolk, Charollais, Schwarzbraunes Bergschaf und Spiegelschaf. Die Tiere verbringen den Sommer auf mehreren Alpen und tragen dazu bei, dass die Landschaft nicht verbuscht. Nebst dem Fleisch fällt im Herbst und Frühling ein weiterer Rohstoff an: die Wolle. Doch deren Nutzung wurde schwieriger, als der Bund 2009 die Bedingungen für die Inlandverwertung änderte. Die Inlandwollzentrale (IWZ) gab in der Folge den Betrieb auf. Ein Teil der Wolle landete deshalb in der Kehrichtverbrennung.

«Wir müssen einen Weg finden, die Wolle zu veredeln und ihr wieder einen Wert zu verleihen», blickt Ruth Brog zurück. Das Problem: Schweizer Wolle ist so rau, dass man sie nicht direkt auf der Haut tragen kann. «Es würde sich sehr kratzig anfühlen», erklärt sie. «Wir müssen also ein Produkt herstellen, bei dem kein direkter Hautkontakt entsteht», fährt sie fort.

Die Wollkugeln werden aus der Wollen des Weissen Alpenschafes produziert.
Reto Blunier

Kein Verfilzen

Der Startschuss für die Wollkugeli erfolgte vor 12 Jahren. Und das war auch ein wenig dem Zufall geschuldet. Von einem Heim für beeinträchtigte Menschen konnte die Bauernfamilie eine Kardmaschine abkaufen. Beim Karden wird Wolle zu Vlies gekämmt. Und das Heim produzierte auch bereits Wollkugeln. «Doch die Qualität entsprach nicht dem, was wir uns vorstellten», führt Heinz Brog aus. In der Folge tüftelte die Familie am Produktionsprozess. Insgesamt haben sie mehrere Zehntausend Franken in die «Kugeli-Maschine» investiert. Finanzielle Unterstützung erhielten sie von den Kraftwerken Oberhasli.

Entstanden ist ein Produkt, das es in der Schweiz und im grenznahen Ausland nicht gibt. Brogs haben sich mit den Kugeln, die auch nach langem Gebrauch nicht verfilzen, ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen. Sie haben so das bestehende Sortiment – Kleider, Schuhe, Seifen und Cremes – ihres Betriebs «Wollreich», der Wolle verarbeitet, entscheidend erweitern können.

In Kita getestet

«Vor fünf Jahren haben wir uns aber nicht vorstellen können, dass wir jemals grössere Mengen Wollkugeli verkaufen würden», sagt Ruth Brog. Zwar stiegen die Verkaufsmengen, sie bewegten sich aber noch im Kilobereich. Es fehlte noch die zündende Idee. Tochter Jasmin, die in einer Kita arbeitet, brachte diese ein: die Kugeli als Füllmaterial. Denn Jasmin Brog störte sich daran, dass in Stillringen Styropor eingesetzt wird. Gesagt, getan. Sie ersetzten das Plastik durch Wollkugeli und probierten das Produkt in der Kita aus. «Die Mütter waren begeistert. Wir sagten uns: Das ist der Weg, den wir gehen möchten», erklärt Ruth Brog.

In der Folge stellten sie nebst Stillringen auch Kopfkissen mit Kugeli als Füllmaterial her. Was macht das Produkt speziell? «Die Wollfaser isoliert bei Kälte und gibt Wärme bei Hitze ab. Und sie nimmt deutlich mehr Feuchtigkeit auf als synthetische Fasern. Zudem trocknet Wollfaser rascher und ist geruchsneutralisierend», führt die 56-Jährige aus. Werden die Kugeli nicht mehr gebraucht, können sie als Dünger im Garten eingearbeitet werden. So schliesst sich der Kreislauf.

Kunden dürfen testen

Noch fehlte aber der Markt. Deshalb wurde die Familie im Aussendienst tätig. Sie überzeugten Babygeschäfte, mittlerweile sind es deutlich über 20. Auch Geschäfte von Bettwaren gehören zu ihren Kunden. Zudem ist die Familie Brog an Messen wie der BEA in Bern vertreten. «In Gesprächen merkten wir, dass Regionalität und Nachhaltigkeit immer wichtiger werden», hält Ruth Brog fest. Zum Erfolg beigetragen hat auch, dass Kunden die Produkte zuerst zu Hause testen können.

Immer wichtiger werden die sozialen Medien. «Als wir mit unseren Schafen auf Facebook geworben haben, sind die Absatzmengen deutlich gestiegen», führt sie aus. So verwundert es nicht, dass heute bereits 50 Prozent des Umsatzes über den Onlineshop erzielt werden.

Arbeit in Randregion

Durch die grössere Bekanntheit sind die Absatzmengen gestiegen. Um die Nachfrage zu befriedigen, investiert die Familie in eine neue Kugelimaschine. Für die Investition von über 250’000 Franken erhalten sie einen Beitrag vom Bund. Er unterstützt Projekte zur Verwertung der Wolle im Inland. Auch die Coop-Patenschaft unterstützt die Familie Brog mit einem substanziellen Betrag. Durch den Ausbau schafft die Familie Brog neue Arbeitsplätze in einer Randregion. Und sie nimmt Bauern aus der Region Wolle ab.

«Wir schaffen so eine nachhaltige, regionale Wertschöpfungskette», sagt Heinz Brog. 2022 werden in Meiringen rund 10 Tonnen verarbeitet. 2023 dürfte die Menge auf 15 Tonnen ansteigen, rund die Hälfte entfällt auf die Kugeli. Die Wolle stammt vom Weissen Alpenschaf. Lieferanten sind Bauern aus dem Berner Oberland. Aus der Wolle von den Schafen der Familie Brog werden Bettauflagen und Duvetvlies hergestellt.

Hälfte der Kosten gedeckt

100 Gramm Wollkugeli werden für 7 Franken verkauft. Seinen Lieferanten zahlt Heinz Brog für gute Qualität 1.50 Fr. pro Kilo Wolle. Weil hierzulande keine Wollwäscherei existiert, wird der Rohstoff in Belgien gereinigt.  Zum Vergleich: Ausländische Wolle wird zwar auch für 1.50 Fr./kg angeboten, diese Ware ist aber bereits gewaschen. Pro Schaf fallen rund 2 Kilo Wolle an, der Bauer kann rund 4 Franken lösen. Die Kosten sind damit rund zur Hälfte gedeckt.

«Die Schur schlägt mit 8 Franken zu Buche», führt der 56-Jährige aus. Die Entsorgung über die Verbrennung wäre aber deutlich teurer, fährt er fort. «Wir versuchen aber, unsere Kunden zum Thema zu sensibilisieren. Vielleicht gelingt es uns, die Produzentenpreise zu erhöhen», sagt Ruth Brog.

Bringen Wertschöpfung ins Tal (v.l.): Jasmin, Heinz, Ruth und Patrick Brog.
zvg

Noch ungewiss

Ob Sohn Patrick den Landwirtschaftsbetrieb, der in der Gemeinde Schattenhalb liegt, übernimmt, ist ungewiss. Die Familie hat nach einem jahrelangen Hin und Her ein grösseres Schafstall-Neubauprojekt begraben. Sie wollten Landwirtschaft und Tourismus zusammenführen. «Die kantonale Kommission zur Pflege der Ortsund Landschaftsbilder hat uns immer wieder neue Bedingungen gestellt», schüttelt Heinz Brog ungläubig den Kopf.

Gesichert ist die Zukunft des Wollreichs. Tochter Jasmin wird die Fabrikation und den Laden übernehmen. Sollte die Familie den Agropreis gewinnen, würde das Geld dorthin fliessen. «Wir würden in ein spezielles Schaufenster investieren», sagt Ruth Brog.

-> Da gehts zur Website vom Wollreich

Agropreis 2022

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