Freitag, 7. Oktober 2022
22.09.2022 17:40
Agropreis

Mit Umstellung zu neuen Ertragsquellen

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Von: Reto Blunier

Ein Junglandwirt und eine Gruppe für solidarische Landwirtschaft arbeiten zusammen, um die Agrobiodiversität zu erhöhen und um der Trockenheit entgegenzuwirken. Dazu stellen sie den Landwirtschaftsbetrieb auf Agroforst um.

Wallenbuch liegt zwar nur rund 18 Kilometer westlich von Bern entfernt, doch die ländliche Idylle ist ungetrübt. Viehwirtschaft und Ackerbau prägen die 136 Hektaren grosse Enklave im Bernbiet. Zu schaffen macht dem Gebiet an der Grenze zum Seeland der Regenmangel. Die Wiesen und Weiden zeigen sich Ende August in einem matten Braun statt einem satten Grün.

Seit Jahrhunderten

Das ist einer der Gründe, weshalb ein Junglandwirt seinen Betrieb neu ausrichtet. Valentin Birbaum liess sich zuerst zum Zimmermann ausbilden. Anschliessend schloss er eine vierjährige Ausbildung zur Fachperson in biodynamischer Landwirtschaft ab. «Damals kam ich erstmals in den Kontakt mit den Ideen des Agroforsts. Die Integration von Bäumen und verschiedenen landwirtschaftlichen Flächen interessierte mich bald», führt er aus.

Bei Agroforstsystemen wird unterschieden zwischen der Unternutzung mit Wiesen und Weidehaltung oder mit Feldkulturen. Die Agroforstsysteme, in welchen Bäume mit Tierhaltung kombiniert werden, heissen «sylvopastoral», Baum-Feld-Kulturen werden als «sylvoarabel» bezeichnet. Agrofrost wird in der Schweiz bereits seit Jahrhunderten – in Form der Waldweiden im Jura oder der Hochstammobstgärten – angewendet. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hatte das System einen schweren Stand. Durch die Intensivierung wurden solche Flächen zurückgedrängt.

Solidarische Landwirtschaft

Auf dem Hof der Familie Birbaum ist die Produktionsform nie ganz verschwunden. Auf dem 11,5 Hektaren grossen Betrieb ist eine Hostet mit Hochstammbäumen Zeuge davon. «Mein Vater hatte die Bäume gepflanzt. Und er stellte den Hof auf Demeter um», sagt Valentin Birbaum. Derzeit fokussiert der Betrieb auf Acker-, Gemüse- und Obstbau sowie 25 Weiderinder. 2018 ging der Verein TaPatate! auf die Bauernfamilie zu. «Die Mitglieder fragten damals meinen Vater, ob er Interesse an einer Zusammenarbeit hätte. Heute ist die solidarische Landwirtschaft ein wichtiger Betriebszweig geworden», führt der 25-Jährige aus.

Über 100 Haushalte, vor allem in der Stadt Bern, werden mit frischem und saisonalem Gemüse und Obst vom Hof versorgt. Die Mitglieder des Vereins helfen auf dem Betrieb mit und teilen die Produktionskosten. «Wir schaffen Transparenz und zeigen auf, was es bedeutet, Nahrung zu produzieren», sagt der Junglandwirt, der den Betrieb 2023 übernehmen wird. 

Weiterhin Lebensmittel

Für die Planung und Umsetzung des Agroforsts haben sich Armin Komposch, Evelyne Vonwyl und die Brüder Valentin und Alexej Birbaum zu einer Projektgruppe zusammengeschlossen. Biologe Armin Komposch ist beim Verein TaPatate! für die Pflege der Hostet zuständig. «Literatur zu Agroforstsystemen ist zwar vorhanden, doch die grosse Herausforderung liegt in der Anpassung der Theorie an die wirtschaftlichen Gegebenheiten des Betriebs. Das liegt an uns», führt der 32-Jährige aus. Die Projektgruppe besuchte deshalb mehrere Agroforstbetriebe und nahm an Tagungen und Workshops teil.

Ihre Vision kristallisierte sich rasch heraus. Die vier Parzellen des Betriebs sollen innerhalb von fünf Jahren Schritt um Schritt umstrukturiert werden. Es soll ein vielfältiges System mit Bäumen, Sträuchern und einer diversen Fruchtfolge entstehen. Das soll die Fruchtbarkeit der Böden langfristig sichern. «Wir wollen mit der Natur arbeiten. Und für mich auch zentral: Ich will weiterhin Lebensmittel produzieren und die klein strukturierte Landwirtschaft fördern», erklärt Valentin Birbaum. 

3 Hektaren

Zentral beim Agroforst ist eine sorgfältige Planung. «Denn die Pflege ist arbeitsaufwendig. Zudem müssen die Bäume und Sträucher so angelegt werden, dass die Ernte des Obsts, der Früchte und des Getreides gestaffelt vorgenommen werden kann», so der Junglandwirt. Das Mitwirken von Alexej Birbaum, der als Architekt arbeitet, war für die exakte Erstellung der Pflanzpläne von grossem Nutzen. 

Als erste Parzelle wurde die bisher als Weide genutzte Parzelle Längeneiche umgestaltet. Im November 2021 wurden auf den rund 3 Hektaren 8 Reihen mit insgesamt 93 Hochstammbäumen (hauptsächlich Äpfel, Zwetschgen und Birnen), 142 Spindelbäumen (Zwetschen, Äpfel, Birnen) und 130 Beerensträuchern (Johannisbeeren, Stachelbeeren, Maibeeren) gepflanzt. Die Kosten von etwas mehr als 20’000 Franken für die Bäume, das Material und die Maschinen wurden von Gönnern wie dem Fonds Landschaft Schweiz, MyClimate und VisioPermaCultura mitfinanziert.

Möglichst rasch Ertrag

Die Pflanzarbeit wurde von Freiwilligen in Handarbeit geleistet. «Das ist viel aufwendiger. Jedoch schonen wir den Boden vor Verdichtung, was den jungen Bäumen zugutekommt», führt der Demeter-Bauer aus. Die Agroforstanlage wurde so geplant, dass sich möglichst schnell eine Ernte einstellt. Bis die Hochstammbäume in den Vollertrag kommen, dauert es 10 bis 20 Jahre. «Deshalb haben wir zwischen den Hochstammbäumen Beerenstauden und Spindelbäume gepflanzt, die bereits ab dem zweiten Standjahr grössere Mengen an Früchten tragen sollen», führt Armin Komposch aus.

Die Agroforstanlage wurde so geplant, dass sich möglichst schnell eine Ernte einstellt. Die Sträucher werden bereits 2023 Ertrag abliefern.
Reto Blunier

Sobald die Hochstammbäume grösser werden, ist geplant, die Spindeln zu entfernen, denn diese werden von den Hochstämmern überschattet. Und die Beeren? «Wie gross der Ertragsverlust sein wird und ob wir die Sträucher stehen lassen, werden wir auf unserer Anlage testen», sagt Valentin Birbaum. Hier würde der Betrieb Pionierarbeit leisten. Der Abstand zwischen den Reihen ist so gross, dass die Flächen maschinell bearbeitet werden können. Es hat zudem den Vorteil, dass die Wurzeln der Bäume abgeschnitten werden. Das Wachstum in die Tiefe wird angeregt und die Konkurrenz zum Ackerbau minimiert. Zwischen den Bäumen wird ab 2023 schrittweise Brotgetreide angebaut. «Mein Ziel ist es, das Getreide selber zu verarbeiten, beispielsweise zu Brot», führt Valentin Birbaum aus.

Drei Gründe

Hier trägt die vierte Person beim Projekt, Evelyne Vonwyl, viel Wissen bei. Die Umweltnaturwissenschaftlerin arbeitet für einen Verein, der Kulturpflanzen züchtet.  Das Team will aufzeigen, dass sich eine Umstellung lohnt. Sie führen drei Hauptgründe auf. Erstens ermögliche Agroforst eine Erhöhung der Biodiversität. Diese habe in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund der Intensivierung deutlich abgenommen. «Das beeinträchtigt die Ökosystemleistungen. Lebensraum ging und geht verloren», sagt Armin Komposch.

Zweitens fördere der Agroforst die Vielfalt der Kulturpflanzen. «Die Dominanz von einigen wenigen Obstsorten für den hiesigen Markt führt zu einem riesigen Verlust der Agrobiodiversiät. Eine sorten- und artenreiche Fläche erhöht die genetische Vielfalt eines Systems und wirkt dem Verlust entgegen», erklärt Evelyne Vonwyl.

Die Bäume sollen neue Wasserhorizonte erschliessen und die Trockenheit mindern.
Reto Blunier

Und aufgrund des Klimawandel verändere sich die Wasserverfügbarkeit. Valentin Birbaum zeigt auf die ausgetrockneten Wiesen. «Durch die Bäume wird Wasser in tieferen Bodenhorizonten erschlossen. Ausserdem schützen sie vor Wind und reduzieren so die Verdunstung», erklärt er. 

Sollten sie den Agropreis gewinnen, würden sie das Preisgeld in die Ausrüstung des Betriebs investieren. «Für die Ernte von Hochstammbäumen benötigen wir eine Hebebühne», sagt der Junglandwirt

-> Hier gehts zur Website

Agropreis 2022

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