Sonntag, 24. Oktober 2021
24.10.2021 07:11
Agropreis

Biodiversität wird zum Geschäftsmodell

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: Reto Blunier

Das Thema Biodiversität wird der Bevölkerung immer wichtiger. Die Familie Amrein aus Hildisrieden LU fördert mit Lebenstürmen die Artenvielfalt. Zudem haben sie daraus ein Geschäftsmodell entwickelt.

Ein schmaler Weg führt hoch zum Archehof in Hildisrieden LU. Dem Besucher bietet sich auf 700 Meter über Meer ein atemberaubendes Panorama auf den Sempachersee und die Zentralschweizer Alpen. Doch nicht die umwerfende Fernsicht hat dazu geführt, dass der Betrieb der Familie Amrein sich in den vergangenen Jahren mehrere Standbeine geschaffen hat.

Nischen waren vorgegeben

«Aufgrund der Betriebsgrösse von 10 Hektaren war bereits bei der Betriebsübernahme in den 1990er-Jahren klar, dass wir in Nischen vordringen müssen», sagt Urs Amrein. Zum wichtigsten Standbein hat sich der Agrotourismus mit dem Baumhaus gemausert. Hier werden Seminare, Meetings, Apéros und Feierlichkeiten für Unternehmen und Private angeboten.

Zum Betrieb gehören auch 600 Hochstammbäume mit 350 verschiedenen Sorten, 500 entfallen auf Baumpatenschaften. Über eine Mitgliedschaft beim Pro-Specie-Rara-Archehof hat die Bevölkerung die Möglichkeit, den Erhalt von seltenen Rassen zu unterstützen. So leben auf dem Betrieb unter anderem 26 Rätisch-Grauvieh-Mutterkühe, Bündner Strahlenziegen oder Appenzeller Spitzhaubenhühner. Über den Hofladen werden regionale Spezialitäten, die hofeigenen Spirituosen und Fleisch vom Grauvieh abgesetzt.

Symbol für Vielfalt

Durch den intensiven Kontakt mit der nicht-bäuerlichen Bevölkerung entstand auch das Projekt Lebensturm. «In Gesprächen mit unseren Kunden stellten wir fest, dass das Thema Biodiversität einen hohen Stellenwert hat. Und dieser wird weiter zunehmen», erzählt Barbara Amrein. Das Ehepaar suchte nach einer Dienstleistung, die dem Betrieb während dem ganzen Jahr Aufträge zuführt. Zufällig entdeckte Urs Amrein 2016 auf einer Website eines deutschen Naturschutzvereins einen sogenannten Lebensturm.

«Viele Lebensräume sind in den vergangenen Jahren verloren gegangen. Mit dem Bau eines Lebensturms können wir auf einer kleinen Fläche vielen Nützlingen und Kleintieren Wohnraum bieten», fährt Urs Amrein fort. Der Turm sei ein Symbol zur Erhaltung der biologischen Vielfalt. Einen «Bauplan» für solche Türme gab es jedoch nicht. Das Wissen dazu eignete er sich über das Internet, mittels Fachbüchern sowie in Gesprächen mit Biologen an.

Ein Lebensturm wird bis zu fünf Meter hoch.
zvg

Mindestens 10 Jahre

Anschliessend machte sich der 49-Jährige an die Ausarbeitung eines Konzepts. Der Lebensturm benötigt eine Fläche von 1 Quadratmeter. Das Grundgerüst besteht aus drei bis fünf Meter hohen Rundhölzern aus Kastanienholz. «Diese verfügen über eine lange Lebensdauer. Der Turm ist auf eine Nutzungsdauer von mindestens zehn Jahren ausgerichtet», so der Luzerner.

Geben Sie dem Lebensturm Ihre Stimme!

Danach ging es an die Planung. Auf bis maximal fünf Etagen wird verdichteter Lebensraum geschaffen. In der ersten Etage sorgen Mauern, Steinhaufen und Altholz Unterschlupf für Reptilien, Schlangen und Igel. In der zweiten Etage nisten sich verschiedene Insekten, Wildbienen, Wespen und Spinnen ein. Holzbürdeli, Holzharassen, Heu, Stroh, Laub und Tannzapfen locken in der dritten und vierten Etage beispielsweise Florfliegen, Marienkäfer, Schmetterlinge, Ohrwürmer und viele Käfer an.

In der obersten Etage sorgt ein Dach für Schutz vor Feuchtigkeit. Töpfe, Röhren, Niststeine und Geäst bieten Lebensraum für diverse Kleintiere und Vogelarten wie Rotschwanz, Bachstelze, Zaunkönig oder Grauschnäpper. Das Material für die Türme beziehen Amreins hauptsächlich von lokalen Lieferanten. «Wichtig ist auch, dass die Umgebung rund um den Turm aufgewertet wird, beispielsweise mit einer Hecke oder einer Blumenwiese. So kommen die Insekten zu Nahrung», führt Amrein aus.  Der Turm bietet Kleinstlebewesen ausserdem Unterschlupf, Überwinterungsmöglichkeiten und Nahrung an.

50 Türme in 4 Jahren

2017 wurde auf dem Hof ein erster Lebensturm gebaut. Anschliessend machte sich die Familie an die Kundenakquise. «Im Vordergrund stehen Schulen und Unternehmen», erzählt Barbara Amrein. Da es sich um ein neuartiges Angebot handelte, sei der Markteintritt der schwierigste Schritt gewesen. Nach der Realisierung der ersten drei bis vier Türme nahm die Dienstleistung Fahrt auf. Es zeigt es sich, dass der Bau als Teamevent auf Anklang stösst. Denn jeder Lebensturm ist auch ein Werbeträger.

In den vergangenen vier Jahren wurden 50 Türme errichtet, davon 20 bei Schulen in der Zentralschweiz. «Die Türme haben auch eine pädagogische Funktion. Die Schülerinnen und Schüler helfen tatkräftig mit. Und sie werden für das Thema Biodiversität sensibilisiert», so die 46-Jährige weiter. Die übrigen Lebenstürme wurden bei Unternehmen, Restaurants und Wohnüberbauungen errichtet. Bei Letzteren sieht Urs Amrein weiteres Potenzial, vor allem in urbanen Räumen wie Zürich, Basel oder Bern. Und dort könnten solche Türme auch als Imageträger für die Bauherren dienen.

Den Lebensturm bietet auf kleiner Fläche viel Lebensraum für Kleintiere.
zvg

Kostet 3000 Franken

Ein Turm kostet einen Auftraggeber 3000 Franken. Die Materialkosten betragen rund 1000 Franken. Da Schulen in der Regel nicht über solche Budgets verfügen, hat die Albert-Köchlin-Stiftung einen Grossteil der Kosten übernommen. Der Unterhalt der Türme ist kostengünstig. «Es muss lediglich das Nistmaterial wie Laub und Stroh nachgefüllt werden», so der IP-Suisse-Landwirt. Das Angebot lohnt sich für die Bauernfamilie. «Wir erzielen einen Stundenlohn von rund 50 Franken», führt Urs Amrein aus. Es hat sich zu einem wichtigen Betriebsstandbein entwickelt. Sein Betrieb ist auf den Bau von 20 Türmen pro Jahr ausgelegt.

Dass nun auch andere Bauern solche Türme gebaut haben, stört die Amreins nicht. «Wir freuen uns, wenn unser Angebot Berufskollegen inspiriert», fährt er fort. Die Türme würden zeigen, dass ein Landwirtschaftsbetrieb mit Biodiversitätsleistungen auch ausserhalb der Direktzahlungen Geld verdienen könne. Amrein räumt den Lebenstürmen und anderen ökologischen Dienstleistungen in der gesamten Schweiz hohe Marktchancen ein.

Die Ideen gehen der Bauernfamilie nicht aus. Sollte sie den Agropreis gewinnen, würde sie das Preisgeld in neue Projekte wie «lebendige Fassade» oder die ökologische Aufwertung des Hofrundweges investieren.

Agropreis 2021

  • Welchem Projekt geben Sie Ihre Stimme?

Mehr zum Thema
Agropreise

Claudia und Beat Troxler und Urs Marti (v.l.) bringen den Hafer in die Flasche. - Reto BlunierIn diesem Jahr sind fünf Projekte für den Agropreis nominiert. - Cartoon Max Spring…

Agropreise

Das Team von Barbara und Urs Amrein (Hintere Reihe Mitte) fördert mit den Lebenstürmen die Artenvielfalt. - Reto BlunierIn diesem Jahr sind fünf Projekte für den Agropreis nominiert. - Cartoon…

Agropreise

Marco Triacca (l.) und Nicolo Paganini haben die Produktepalette im Laufe der Jahre erweitert. - Reto BlunierDie Himbeeren sind die wichtigste Kultur. - Reto BlunierIn diesem Jahr sind fünf Projekte…

Agropreise

Das System von Markus Bernhardgrütter (l.) und Matthias Ruoss ist vor allem für Gemüse- und Obstproduzenten konzipiert. - Reto BlunierIn diesem Jahr sind fünf Projekte für den Agropreis nominiert. -…

2 Responses

  1. Gute idee
    Aber kann mann einfach solche türme in die landschaft bauen ? Als was gilt ein solcher turm , baurechlich?brauchts von der gemeinde die zustimmung?wurde das schon abgeklärt ?wenn das alles kein problem darstellt stell ich auch einen auf . Lg

    1. Hallo Thomi, wir haben in 2018 unseren Lebensturm gebaut. In unsere Gemeinde war keine Baubewilligung nötig. Es ist von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. Bei uns steht er im Garten und wird richtig belebt. Igel, Specht, Sängvögel, jede Menge Insekten.
      Wir haben den Turm in der Landschaft nähe zum Wald und Feld in der Gegend Schlossrued/Schmiedrued gesehen, und waren davon sehr begeistert. Rufe doch beim Archehof an 041 460 11 35 dort bekommst Auskunft und Unterstützung.
      Viel Erfolg! Noe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE