Dienstag, 31. Januar 2023
12.01.2020 06:04
Baselland

«Öffnet sich eine Türe, gehe ich durch»

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Von: Therese Krähenbühl

Die 34-jährige Laura Grazioli wurde als politischer Neuling mit einem Glanzresultat zur Baselbieter Landrätin gewählt. Gleichzeitig ist sie Vizepräsidentin der Baselbieter Grünen und Landwirtin in Sissach BL.

Zwei Dinge sind die Tage von Laura Grazioli aus Sissach BL: gut gefüllt und gut organisiert. Sie tanzt auf vielen Hochzeiten, was man sogar wörtlich nehmen kann, da sie auf ihrem Familienbetrieb, dem Fluhberg in Sissach BL, Hochzeiten organisiert. Jetzt im Winter liegt ihr Hauptaugenmerk vor allem auf der Umstrukturierung ihres Landwirtschaftsbetriebes und bei der Politik. «Im Moment kommt bei mir vieles auf einmal», stellt Laura Grazioli lachend fest.

Auf Bio umstellen

Aufs neue Jahr hin wird sie nun definitiv anfangen, gemeinsam mit ihrem Bruder Moritz einen Weg zu finden, um den elterlichen Betrieb zu übernehmen. «Als meine Eltern damals den Betrieb von meinem Grossonkel übernommen haben, wurde er noch sehr traditionell geführt. Aktuell wird er immer noch eher konventionell bewirtschaftet. Wir haben aber das Ziel, dass der Betrieb bis in einigen Jahren komplett auf Bio umgestellt werden kann.» Sie würden sich klar mit der Ökologisierung auseinandersetzen und Wege gehen, die modern seien.

In die gleiche Phase, in der Laura und Moritz entschieden haben, den Betrieb zu übernehmen, fällt auch die Kooperation mit einem Weinproduzenten zwei Dörfer weiter. «Wir werden die Bewirtschaftung unserer Rebberge zusammenlegen und einen Winzer anstellen.» So seien sie aktuell auf verschiedenen Ebenen am Lösungen suchen und finden, wie der Betrieb künftig weitergeführt werden könne, betont Laura Grazioli. «Einen Lösungsansatz haben wir mit dem Eventbusiness gefunden, und einen weiteren sind wir mit dem Weinbau am Aufbauen. Auch im Obstbau plant mein Bruder Moritz, mit robusteren Sorten neue Wege zu gehen.» 

Sind Unternehmner

Das Moderne an ihrem Betrieb sei es, dass sie einen Weg zwischen ökologischer Bewirtschaftung und gutem Wirtschaften suchen und finden würden. «Das Wirtschaften ist mir auch sehr wichtig. Wir sind nicht einfach Landbesitzer, die ein bisschen etwas produzieren, sondern auch Unternehmer.» Äusserlich möge das von einer grünen Politikerin wie ein Widerspruch wirken.

«Ich gehöre vielleicht nicht in die ganz linkste Ecke der Grünen, ich habe mich aber in dieser Partei wiedergefunden, weil dort sehr viel gelebt wird, was mir auch am Herzen liegt. So etwa auch der Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Dass man grundsätzlich allen Menschen ein gutes Leben in einer guten Umwelt ermöglichen möchte. Dazu kommt, dass ich mich hier im Raum Sissach in einem Ökosystem von Grünen befinde. Maya Graf wohnt nur zwei Höfe weiter oben, unser grüner Regierungsrat Isaac Reber ist von hier, und der Präsident der Grünen Sissach wohnt auf dem zweiten Nachbarhof.»

Weiteres Standbein Wein

Als sie vor 3 Jahren nach Sissach zurückgezogen sei, sei es für sie ein logischer Schritt gewesen, den Grünen beizutreten. Doch als was bezeichnet sich Laura Grazioli denn nun selber? «Ich stelle mich in der Regel als Landwirtin und Landrätin und manchmal noch Vizepräsidentin der Grünen Baselland vor. Im Bereich Weinbau bin ich noch keine Spezialistin. Ich habe den Spezialkurs Landwirtschaft gemacht. Dann habe ich am Ebenrain in Sissach noch einen Rebbaukurs absolviert. Den Rest habe ich beim Mitarbeiten bei meiner Mutter gelernt. Ich weiss, ich bringe diese Ausbildung nicht mit, darum bin ich froh, dass wir jetzt einen Winzer einstellen können, der das nötige Fachwissen hat.»

Was ihr viel mehr liege, seien die ganzen strategischen Themen und die Vermarktung. «Wir reden von einer beachtlichen Menge Wein, die auf einem rückläufigen Markt verkauft werden muss. Da sehe ich ganz klar meine Aufgabe.»

Finanzen im Fokus

Während die Landwirtschaft im Alltag von Laura Grazioli sehr präsent ist, hat sie politisch noch nicht so einen hohen Stellenwert, da die Agrarpolitik ja vor allem auf der Bundesebene angesiedelt ist. «Ich bin erst seit dem letzten Sommer im Landrat und wurde erst kürzlich als Präsidentin der Finanzkommission eingesetzt. Das wird jetzt recht viel von meinen politischen Ressourcen in Anspruch nehmen, mich dort so gut einzuschaffen, dass ich dem auch gerecht werde.»

Weniger Ängste

Für das neue Jahr hat Laura Grazioli ganz konkrete Wünsche: «Ich wünsche mir in der Politik ein bisschen mehr Leichtigkeit und mehr Respekt im gegenseitigen Umgang. Ich wünsche unseren Landwirten etwas weniger Angst. Viele haben sehr viel investiert. Gleichzeitig muss man ja auch sehen, dass die hochintensive Landwirtschaft nicht der einzige Weg sein kann. Wir haben ökologische Herausforderungen, und da muss jetzt einfach etwas passieren. Das macht vielen Bauern grosse Angst. Das verstehe ich, aber ich finde es wichtig, dass aufgezeigt wird, dass man gemeinsame Lösungen finden kann.»

Lösungen zu finden, ist für Laura Grazioli auch im Privaten gerade ein grosses Thema: «Bei uns steht aktuell die Betriebsübernahme durch mich und meinen Bruder Moritz an. Wir haben uns ganz lange von Ängsten leiten lassen, weil wir dachten, dass es nicht möglich sei, gemeinsam den Betrieb zu übernehmen. Aber dann ist irgendwie ganz viel passiert, und es hat sich gezeigt, dass es doch irgendwie geht. Wir werden jetzt eine intensive Rechtsberatung in Anspruch nehmen und schauen, wie wir das Ganze am besten regeln und welche konkreten Schritte wir dann unternehmen.» Wenn man alles gut vorbereite und vertraglich regle, schütze das hoffentlich auch vor Streitereien. «Ich hoffe, dass wir es schaffen, dass es für alle involvierten Menschen stimmt.»

Immer in Bewegung

Laura Grazioli ist aber nicht nur Landwirtin und Politikerin, sondern auch noch Mutter. «Seit meine Tochter auf der Welt ist, stehe ich um 5 Uhr auf. Mein Mann trägt im Rahmen seiner Möglichkeiten viel mit und versucht, flexibel auf mein volles Programm zu reagieren. Auch sonst habe ich ein tolles Netzwerk. Es ist einfach sehr viel durchorganisiert», erklärt Laura Grazioli. Sie sei nie jemand gewesen, der gut habe stillsitzen können.

«Ich habe sehr lange nicht gewusst oder geplant, dass das alles so rauskommt. Das mit dem Hof ist irgendwie einfach passiert, und das mit der Politik kam irgendwie damit zusammen. Ich kam nach Sissach zurück und habe gespürt, dass ich hier daheim bin und ein Netzwerk habe. Auch in politischer Hinsicht ging alles sehr schnell. Aber ich bin so ein Typ: Öffnet sich eine Türe, gehe ich hindurch. Auch wenn es im Moment etwas überwältigend ist. Zu merken, dass mir Leute zutrauen, dass ich politisch etwas mitgestalten kann, das ehrt mich extrem. Dieses Vertrauen gibt mir auch die Energie, das alles zu machen.»

Weitere Informationen zum Betrieb der Familie Grazioli hier.

 

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