Montag, 8. August 2022
16.12.2021 11:17
Forschung

Smartphone so wichtig wie Mistgabel

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Von: Harry Rosenbaum

Mit smarter Landwirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit: Kürzlich fand bei der Eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope in Tänikon (TG) das zweite «Innovationsforum Ernährungswirtschaft» statt.

«Nachhaltigkeit, Klima, Ressourcen-Effizienz und der menschliche Gestaltungsspielraum wird in der Öffentlichkeit verstärkt diskutiert», sagt Regierungsrätin Monika Knill, in ihrer Begrüssung zum Innovationsforum. Die Chefin des Departements für Erziehung und Kultur spricht mit einem Gespür für das Anekdotische die Digitalisierung an – ein Mega-Thema an der Tagung.

Sie zitiert aus einer Medienmitteilung des Bundesamtes für Statistik. Dabei ging es um die letztjährige landwirtschaftliche Betriebszählung. Das Bundesamt habe eruiert, sagte die Magistratin, dass mehr als ein Drittel der Betriebe auf dem Hof digitale Technologien gebrauche. Spitzenreiter sei laut dieser Statistik das Smartphone. Es sei bei fast 30 Prozent der Betriebe im Einsatz. Aber nicht zum Telefonieren oder Surfen, sondern zum Erkennen von Krankheiten, zur Steuerung, zur Kontrolle des Stallklimas und zur Bewässerung.

Innovationsforum Ernährungswirtschaft

Organisiert wurde das Innovationsforum vom «Innovationsforum Tänikon». Darin vertreten sind die Agroscope Tänikon, die Swiss Future Farm, die OST Ostschweizer Fachhochschule, das Kompetenznetzwerk Ernährungswirtschaft, der Verband Thurgauer Landwirtschaft, das Gewerbe Thurgau, die Industrie- und Handelskammer Thurgau und der Kanton Thurgau. 

Das Forum will Betrieben in der Ernährungswirtschaft praxisnahe Impulse für die Weiterentwicklung geben und sich als Austauschplattform zwischen Betrieben und Forschenden etablieren. Wegen der Pandemie konnte das Forum im letzten Jahr nur online durchgeführt werden. Dieses Jahr versammelten sich rund 100 Teilnehmende in Präsenzform – unter entsprechenden Auflagen des Kantons. Moderiert wurde das Forum von Nadja El Benni, Standortleiterin Agroscope Tänikon, und von Jürgen Prenzler, Leiter Institut für Entwicklung Mechantronischer Systeme bei der Ostschweizer Fachhochschule.

Umweltmanagement für den ökologischen Fussabdruck

Nahrungsmittelproduktion und Ernährung sind grosse Emittenten von Schadstoffen. Thomas Nemecek, stellvertretender Forschungsgruppenleiter Ökobilanzen bei Agroscope, verweist in seinem Referat auf Treibhausgase und CO2, die sowohl bei der Herstellung von Nahrungsmitteln wie auch bei deren Konsum als negative Umweltwirkungen in rauen Mengen anfallen würden.

Die Stärke der Austragungen hänge im Wesentlichen von der Anbauweise, der Verarbeitung und den Transportwegen ab, die die Produkte bis zu den Verbrauchenden zurücklegten. Das Problem könne man nur durch gezieltes Umweltmanagement und verändertes Konsumverhalten wirklich in den Griff bekommen, meint der Wissenschaftler, der zu diesem Thema an verschiedenen internationalen Studien mitgearbeitet hat.

Nestlé strebt die «Grüne Null» an

Der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern Nestlé will Klima-Auswirkungen bei der Milchproduktion massiv reduzieren. Urs Schenker, Sustainability Expert beim Unternehmen, stellt den Klima-Aktionsplan vor, wonach in den nächsten zehn Jahren – also bis 2030 – die Treibhausgas-Emissionen halbiert werden sollen. Bis 2050 strebt der Nahrungsmittelkonzern weltweit gar die «Grüne Null» bei allen Werken der Marke Nestlé an.

Der Ausstoss von CO2 und anderen Schadstoffen soll entlang der ganzen Lieferkette radikal gesenkt werden. Die milchliefernden Bauern scheinen in dieser Hinsicht bereits jetzt schon auf Linie zu sein. «Sie sind um 40 Prozent umweltfreundlicher als der bäuerliche Durchschnitt», sagt Schenker.

Digitale Sensorik hält in der Milchviehhaltung Einzug: Der «Grasshopper» misst die Grasmenge.
hr

Robotik macht den intelligenten Bauernhof

Trekker fahren über einen Acker. Nur im Vordersten sitzt ein Mensch. Die anderen werden von Kollege Roboter bedient. Selbständig führen sie die Arbeiten aus, für die man sie programmiert hat. Eine geisterhafte Performance aus der Welt des «Smart Farming». So heisst die «intelligente Hofbewirtschaftung» oder anders gesagt, gezielte Technisierung und Digitalisierung in der Landwirtschaft.

Ziel der ganzen Übung ist die Steigerung der Effizienz. Damit könne man zwar aus einem schlechten Bauern keinen guten, aber aus einem guten einen noch besseren machen, sagt Nicolas Helmstetter, Projektleiter bei der Swiss Future Farm und Spezialist für die Digitalisierung der Landwirtschaft.

Mensch bleibt Kapellmeister

Der Mensch bleibt beim «Smart Farming» nach wie vor der Kapellmeister, aber sein Orchester sind hochspezialisierte und in ihren Funktionen unfehlbare Apparate und Maschinen. Zurück zum Beispiel Robotik-Traktor. Der Mensch in der Führerkabine könne aussteigen und nach Bedarf andere Arbeiten erledigen wie das Ausbringen des Saatgutes oder die Pflanzenqualität kontrollieren.

Derweil fahre der Traktor führerlos weiter und mache genau das, wofür er eingesetzt sei, sagt Helmstetter. Beruhigend. Die Robotik in der Landwirtschaft führt also nicht in eine Zukunft, wo es plötzlich heisst: Alle Macht den Maschinen!

Feintuning für digitalisierte Bauchentscheide

Die Verdunova AG in Sennwald SG ist 1997 von Benni Dürr gegründet worden und veredelt heute pro Jahr rund 10’000 Tonnen Gemüse und Früchte zu hochwertigen Tiefkühlprodukten. Ein grosser Teil des Arbeitsprozesses bei Verdunova ist digitalisiert. Dürr nennt es «Feintuning bei der Prozessoprimierung». Er ist ein Mann der Entscheidungen. Meistens, so der Unternehmer aus dem Rheintal in seinem Referat, seien alle seine Entscheidungen Bauchgeburten.

Er habe schon unzählige Entscheidungen in seinem Leben getroffen, einige davon seien total falsch gewesen – die meisten aber völlig richtig, wie sich im Nachhinein herausstellte. Die wichtigsten Entscheidungen im Geschäftsleben, so der Unternehmer weiter, seien immer auch die erfolgreichsten. Nach dem er entschieden habe mache er eine Excel-Tabelle, einen Businessplan und stelle ein Budget auf. «Die effizientesten Entscheidungen resultieren aus der Prozessoptimierung», sagt Dürr zu seinem Verständnis des Feintunings bei den betrieblichen Abläufen in seinem Unternehmen.

Ein Punktesystem für den Klima- und Ressourcenschutz

Schon fast 30 Jahre lang gibt es das Käfer-Gütesiegel auf Landwirtschaftsprodukten aus der Schweiz. Es steht für die «Schweizerische Vereinigung integriert produzierender Bauern und Bäuerinnen» – kurz: IP-Suisse. Rund 18’500 Bäuerinnen und Bauern produzieren kontrolliert unter dem Käfer-Logo auf ihren Familienbetrieben umweltschonend und tiergerecht Lebensmittel für den täglichen Bedarf. Lukas Barth, Leiter Nachhaltigkeit bei IP-Suisse, stellte das «Punktesystem Klima- und Ressourcenschutz» vor, mit dem seine Organisation in den nächsten Jahren ihre ambitionierten Umweltziele erreichen will.

Darunter sind 19 Massnahmen, deren Klimaschutzeffekt durch Agroscope berechnet worden ist. Die Landwirtschaft ist für etwa 14 Prozent der Treibhausgasemissionen in der Schweiz verantwortlich. Laut Barth sollen diese Schadstoffe bis 2025 über alle Labelbetriebe um 10 Prozent gesenkt werden. Im Weiteren sollen im Vergleich zu 2016 auch die Emissionen von klimarelevanten Gasen wie CO2, Methan und Lachgas bis 2025 um 10 Prozent reduziert werden.

Deine Banane ist kein Abfall

102’700 Franken Förderbeitrag von der Migros für eine bananenmässige Idee. Bei der Kampagne «Gemeinsam gegen Foodwaste» belegte der «Verein mehr als zwei» mit seiner Aufrüttler-Aktion «Deine Banane ist kein Abfall» Platz 2. Vereins-Präsidentin Olivia Menzi spricht am Innovationsforum über eine besondere Innovation: Ein zweites Leben für überschüssige Bananen. Jedes Jahr würden in der Schweiz rund 30’000 Tonnen Bananen entsorgt, aufgrund von Schönheitsfehlern oder weil sie als einzelne Früchte niemand kaufe.

«Gemeinsam mit Produzentinnen und Produzenten kreieren wir aus überschüssigen Bananen haltbare Produkte», sagt Menzi. «Unsere Partner produzieren diese mit bestehenden und teilweise ungenutzten Ressourcen. Zu jedem Bananenprodukt stellen wir ein haushaltstaugliches Rezept zur Verfügung. Denn Nachhaltigkeit beginnt daheim, und deine Banane ist kein Abfall.»

Setzen auf Forschungskooperation: Nadja El Benni und Jürgen Prenzler am zweiten Innovationsforum Ernährungswirtschaft. 
hr

Pestizide in landwirtschaftlichen Waschwässern

Beim Reinigen landwirtschaftlicher Geräte – vor allem bei Spritzgeräten – entstünden Abwässer, die hohe Anteile von Pflanzenschutzmitteln (PSM) enthalten würden und eine bis zu 50-prozentige Belastung des Wasserhaushaltes verursachten, sagt Michael Burkhardt, Leiter Institut für Umwelt- und Verfahrenstechnik bei der Ostschweizer Fachhochschule, in seinem Referat. Die Entsorgung der PSM-haltigen landwirtschaftlichen Abwässer erfolge auf dem Feld oder über aktive Güllengruben. Dadurch entstünden grosse Umweltschäden, meint Burkhardt.

Inzwischen gibt es unterschiedliche Lösungen für das Befüllen und Reinigen von Spritzgeräten, die schätzungsweise 30 bis 50 Prozent aller Pestizidemissionen verursachen. Im Gebrauch sind biologische Reiniger mit pflanzlichen Filtern. Dabei verdunsten die Waschwässer und die Schadstoffe bleiben an den Filterpflanzen hängen. Diese werden aber oft auch wieder auf den Feldern entsorgt.

Sehr viel umweltschonender sind hingegen technische Anlagen, von denen bereits einige mit Erfolg getestet worden und auch und auf dem Markt erhältlich sind. Im Rahmen eines Innosuisse-Projektes mit der Ostschweizer Fachhochschule und Spezialisten der Abwassertechnik von Creabeton Matériaux ist ein Pestizid-Abscheider mit modularem Behandlungskonzept für Waschwasser entwickelt worden. Die Methode kann die Pestizid-Emissionen massiv reduzieren.

Shrimps: Früher von weit hergeholt – jetzt ganz nah

Können lokale Aquakulturen nachhaltig sein? Rafael Waber, Geschäftsführer bei SwissShrimp AG, sagt Ja! Shrimps, kleine Krebstiere, die auch als Garnelen oder Scampi bekannt sind, kommen aus den Meeren – also weit weg von der Schweiz. Seit acht Jahren werden sie aber ganz nah, auf einer Shrimp-Farm in Rheinfelden (AG), gezüchtet. Sie sind also regional produzierte Lebensmittel, die erst noch auf kurzen Transportwegen zu den Konsumenten gelangen.

Die Aufzucht erfolgt über Abwärme und Salz aus der nahen Rheinsaline, und das Futter wird aus bio-zertifizierten Rohstoffen gewonnen. Auf Antibiotika wird verzichtet. 2018 gewann die SwissShrimp AG den Swiss Excellence Product Award und 2019 den Sales Excellence Award. Gewissermassen ein für seine Nachhaltigkeit geadeltes Unternehmen.

Manches, das am «Innovationsforum Ernährungswirtschaft» angesprochen worden ist, schien wie von einem anderen Planeten. Aber – und das ist das Beruhigende – es wird sich auf diesem Planeten etablieren, weil es nachhaltig und umweltschonend ausgedacht worden und teils schon in die Praxis umgesetzt ist und mithelfen wird, diesen Planeten weiter zu erhalten. Das nächste «Innovationsforum Ernährungswirtschaft» findet am 8. Dezember 2022 statt.

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