
«Wilhelm Tell» fordert den Bundesrat auf, Verantwortung zu übernehmen und die inländische Produktion zu sichern.
Daniel Salzmann
Ein Feld bei Kehrsatz am Stadtrand zu Bern, Mittwochmorgen kurz nach acht Uhr. Zwei grosse Feuerschalen brennen, ein Mann im Faserpelz wärmt sich die Hände. Hier also hat er campiert, dieser Bauer, der sich «Wilhelm Tell» nennt und immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht.
«Jede Bäuerin und jeder Bauer zählt», ist sein Motto. Er prangert das Bauernsterben an, das die Politik in Kauf nimmt oder sogar aktiv fördert. Und er deutet dabei in Richtung des Bundeshauses, dessen Kuppel man von seinem Standort aus sieht.
Freut sich auf Austausch
Offen gibt er Auskunft über seine Person und wie er in der Ostschweiz bauert. Er nennt sich aber lediglich «Wilhelm Tell». Er bittet aber um Wahrung der Anonymität, weil er eine Familie hat, die er nicht in die Aktion mit hineinziehen will. Und weil er auch öffentliche Aufträge hat. Er hat gehört, wie andere Leute aus der Landwirtschaft, die Aktionen gemacht haben, plötzlich zuhause besucht wurden. Mit den Behörden ist seine Aktion abgesprochen. Er hat die nötigen Bewilligungen und wird dabei unterstützt, die nötigen Absprachen zu treffen. Am Freitag will er die Petition, die 25’000 Personen online unterzeichnet haben werden, übergeben.
Mit den Polizisten, die ihn besucht haben, hat er interessante Gespräche geführt. Auch sonst freut er sich über alle, die ihn kontaktieren. Am Dienstagabend rund um das Feuer habe es einen spannenden Austausch gegeben. Bäuerinnen und Bauern hätten ihn angerufen und gesagt, dass sie leider aus betrieblichen Gründen nicht kommen könnten, dass sie ihn aber an ihn dächten und ihn unterstützen möchten.
Petition
Die Petition «Jede Bäuerin und jeder Bauer zählt» von «Wilhelm Tell» richtet sich an den Bundesrat. Dieser wird aufgefordert, «unverzüglich wirksame Massnahmen zur Stärkung der Schweizer Landwirtschaft zu ergreifen». Die Schweizer Landwirtschaft sei systemrelevant. Zunehmende Regulierungen, hohe administrative Auflagen sowie ein unfairer Wettbewerb durch importierte Produkte gefährdeten jedoch die Wirtschaftlichkeit der Betriebe und die Versorgungssicherheit der Schweiz, heisst es in der Petition weiter. Stand Mittwochabend haben 25’200 Personen die Petition unterschrieben. Ziel sind 30’000 Unterschriften.
Forderungen:
- Bessere Produktionsbedingungen für landwirtschaftliche Betriebe.
- Konsequenter Grenzschutz für inländische Produkte.
- Gerechte Entschädigung für die geleistete Arbeit.
- Abbau von Bürokratie und administrativen Belastungen.
Kämpft um Betrieb
«Wilhelm Tell» hat einen kleinen Betrieb. Er ist demeterzertifiziert und in der Direktvermarktung aktiv. Damit bauert er so, wie es sich sehr viele in der Gesellschaft und auch in der Politik wünschen. Er baut verschiedene Gemüse selbst an, er ist vielseitiger Produzent und nicht vor allem Händler, wie es gewisse Direktvermarkter sind. Er hat eigenes Geld investiert in sein Unternehmen und kämpft leidenschaftlich für dessen Überleben.
Dass die landwirtschaftliche Produktion bei ihm nicht rentiert, muss sehr vielen Menschen in Politik und Gesellschaft zu denken geben. Er könnte die landwirtschaftliche Produktion aufgeben und einer anderen Arbeit nachgehen. Vermeiden möchte er das, weil er mit Leib und Seele Bauer ist und Lebensmittel produzieren will. Er ist ein Sinnbild dafür, dass die landwirtschaftliche Lebensmittelproduktion in ihrer Ganzheit massiv unter Druck steht.
Bio und Demeter stehen für Versprechen
Dass er ein Demeterbauer ist, betont er im Gespräch nicht, sondern erwähnt es nur beiläufig. Er will daraus keine Labelgeschichte machen – obwohl es natürlich eine ist. Denn Bio und erst recht Demeter stehen eigentlich auch für das Versprechen, dass Betriebe mit vielfältiger Produktion in der Direktvermarktung überleben können.

Das Lager der Protestaktion «No Farmers, No Future, No Food» initiert von «Wilhelm Tell».
Rahel Thévoz
«Wilhelm Tell» ist auch überzeugt, dass eine Landwirtschaft resilienter, widerstandsfähiger ist, wenn sie aus zahlreichen kleineren und mittleren und inhabergeführten Betrieben besteht, als wenn nur noch einige grosse Betriebe, womöglich mit Geld von landwirtschaftsfremden Investoren, in der Produktion tätig sind.
Wer ihn besuchen will, ist gebeten, dieses Formular auszufüllen (Link von Whatsapp-Chat). «Wilhelm Tell» ist am Mittwoch und am Donnerstag den ganzen Tag vor Ort, ganz sicher abends, tagsüber hat er vielleicht am Donnerstag noch einen Behördentermin.
-> «No Farmers, No Future»: Bauernprotest bei Bern gestartet Hier findet Ihr eine Zusammenfassung des 18-minütigen Interviews mit «Wilhelm Tell».
genau, wie auch Du, wenn die Krankenkasse um 40.- "Fränkli" steigt.
Wenn wir Direktzahlungen neu denken, dürfen wir nicht den nächsten Fehler machen. Ein Sockelbeitrag pro Betrieb ist richtig – aber nur dann, wenn klar definiert ist, wofür er bezahlt wird. Andernfalls entsteht genau das Bild, das niemand will: der „faule Bauer“, der Geld erhält, und der arbeitsintensive Betrieb, der sich benachteiligt fühlt.
Der landwirtschaftliche Betrieb ist der Träger des Verfassungsauftrags. Doch nicht jeder Betrieb erfüllt diesen Auftrag im gleichen Ausmass. Deshalb darf ein Sockelbeitrag nicht automatisch, sondern nur leistungsbezogen ausbezahlt werden.
Ein fairer Sockelbeitrag setzt voraus: aktive Bewirtschaftung, reale Eigenarbeit auf dem Betrieb, betriebliche Verantwortung und Präsenz. Nicht Fläche allein, nicht Tierzahl, sondern tatsächliche Arbeit und Verlässlichkeit.
Ein Betrieb mit 6 Hektaren ohne Tierhaltung kann diesen Anspruch erfüllen – aber nur, wenn er effektiv produziert, Arbeiten selbst ausführt und dauerhaft präsent ist. Ein Betrieb mit 17 Hektaren, 35 Kühen und 80 Muttersauen übernimmt hingegen täglich Verantwortung, Arbeitsbelastung und Risiko. Das muss sich im System widerspiegeln.
Klare Obergrenze der Direktzahlungen
Die gesamten Direktzahlungen pro Betrieb müssen nach oben klar begrenzt sein, beispielsweise bei rund 70'000 bis 80’000 Franken pro Jahr. Diese Obergrenze soll für jeden Betrieb erreichbar sein – unabhängig von Betriebsgrösse, Fläche oder Tierbestand.
Das verhindert:
-die Konzentration von Fördergeldern,
-systematisches Wachstum aus Subventionslogik,
- strukturelle Verzerrungen zugunsten grosser Betriebe.
Und es stärkt:
- Chancengleichheit zwischen Betrieben,
- Vielfalt der Betriebsstrukturen,
- Stabilität im ländlichen Raum.
Wofür gibt es den Sockelbeitrag?
Der Sockelbeitrag ist kein bedingungsloses Grundeinkommen. Hier liegt die eigentliche Krux – und die politische Verantwortung.
Er wird ausbezahlt für klar definierte Leistungen, unter anderem:
- aktive landwirtschaftliche Bewirtschaftung und Präsenz auf dem Betrieb,
- lokale Lebensmittelproduktion für den Binnenmarkt,
- Erhalt des Betriebs als funktionierende Einheit (Infrastruktur, Wissen, Arbeitskraft),
- Einhaltung arbeits- und sozialverträglicher Rahmenbedingungen,
- Mitwirkung an der dezentralen Besiedelung und regionalen Wertschöpfung.
Nicht Quantität ist entscheidend, sondern Verlässlichkeit und Präsenz.
Ergänzende Beiträge – aber nicht systemdominant
Zusätzliche Direktzahlungen, etwa für Tierhaltung, besondere Produktionsformen oder regionale Anforderungen, können ergänzend wirken. Sie dürfen jedoch nicht mehr das Grundsystem bestimmen. Fläche, Stückzahl oder GVE sollen ergänzen – nicht steuern.
Wachstum ja – aber nicht durch Direktzahlungen
Wichtig ist eine klare Trennung:
Betriebe dürfen wachsen und sich spezialisieren. Dieses Wachstum soll jedoch aus Skaleneffekten, Effizienz und Markterfolg entstehen – nicht aus der Logik der Direktzahlungen. Direktzahlungen sind nicht dafür da, Wachstum zu finanzieren, sondern den Verfassungsauftrag betrieblich abzusichern.
Gerechtigkeit neu definieren
Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass der grösste Betrieb am meisten erhält.
Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder Betrieb für den gleichen gesellschaftlichen Auftrag fair abgegolten wird.
Fazit
Direktzahlungen müssen weg von Flächenl bzw. GVE-Logik und Subventionsoptimierung. Sie müssen den Einzelbetrieb stärken, Verantwortung honorieren und den Verfassungsauftrag ernst nehmen.
Nicht Quantität ist entscheidend.
Sondern Präsenz, Verlässlichkeit und Verantwortung.
Wir müssen uns in der Agrarpolitik von einer grundlegenden Fehlannahme verabschieden:
Die Ideologie des klassischen Unternehmertums gehört nicht in die Urproduktion. Landwirtschaft ist kein normaler Markt, kein freies unternehmerisches Experiment und keine Branche, die sich allein über Wachstum, Effizienz und Skalierung legitimiert.
Die Schweizer Landwirtschaft ist politisch gewollt und in der Bundesverfassung verankert. Damit hat sie klare Aufgaben: lokale Lebensmittelproduktion, dezentrale Besiedelung, Versorgungssicherheit und die Aufrechterhaltung funktionierender Strukturen. Diese Aufgaben gelten für jeden einzelnen Betrieb – nicht nur für grosse, leistungsoptimierte Einheiten.
Für die dezentrale Besiedelung ist jeder Landwirtschaftsbetrieb von zentraler Bedeutung. Wo Betriebe verschwinden, verschwinden Arbeitsplätze, Wissen, Infrastruktur und gesellschaftliche Präsenz. Gemeinden verlieren Substanz. Landwirtschaft ist damit weit mehr als Lebensmittelproduktion – sie ist ein tragendes Element des ländlichen Raums.
Gleichzeitig suggerieren wir in Werbung und Kommunikation ein Heidiland: kleinräumig, vielfältig, lebendig. In der Realität fördern wir jedoch Flächenrationalisierung, Betriebswachstum, steigende Tierzahlen und weitere Spezialisierung. Anspruch und Umsetzung klaffen auseinander.
Wenn wir den Verfassungsauftrag ernst nehmen, brauchen wir kleinstrukturierte, vielfältige Betriebe – nicht wie zu Gotthelfs Zeiten, sondern unter den Bedingungen von 2026: modern, effizient, standortangepasst, aber nicht wachstumsgetrieben. Diese Betriebe müssen klare Aufgaben übernehmen – und diese müssen korrekt und verlässlich honoriert werden.
Dazu gehört auch ein Umdenken in der Arbeit auf den Betrieben. Weniger maximale Mechanisierung, weniger vollständige Auslagerung, mehr Verantwortung und Wertschöpfung wieder auf dem Hof. Nicht aus Nostalgie, sondern zur Stärkung der betrieblichen Autonomie und regionalen Strukturen.
Wenn der Staat von der Landwirtschaft verlangt, alle Verfassungsartikel gleichzeitig zu erfüllen, dann braucht es eine andere Förderlogik. Wir benötigen einen substanziellen hohen Grundbeitrag pro Betrieb, unabhängig von Fläche, Stückzahl, GVE oder SAK. Flächen-, Tier- und Produktionsbeiträge könnten ergänzen – aber sie dürfen nicht das System dominieren.
Wenn diese Leistungen nicht honoriert werden, dann ist die Politik in der Pflicht, ehrlich zu sein. Entweder wir finanzieren den Verfassungsauftrag – oder wir müssen die Verfassung ändern. Alles andere ist widersprüchlich.
Vermutlich bringen Einzel Aktionen nicht sehr viel, das ganze müsste auf einer breiten Ebene organisiert sein, Verbände, Abnehmer, Verarbeiter usw.
Die neu Ausrichtung der AP 2030, lässt nicht viel Gutes erwarten!
Bürokratie und Auflagen werden zunehmen, der Verdienst nochmals deutlich reduziert.
Die Beamten in Bern haben kein Gehör für uns Bauernfamilien, die Politik ist zu schwach um dagegen vorzugehen.
Mit der weiteren Drosselung der Produktion, lassen sich die anstehenden Bilateralen 3, sowie Mercosur besser rechtfertigen.
Es ist tragisch, das Menschen über die Landwirtschaft bestimmen, die davon keine Ahnung haben!