
Durch den Verzehr von Keimlingen, Samen und Blättern des Bergahorns tretten Vergiftungserscheinungen auf - nur wenn Equiden im frühen Stadium behandelt werden, haben sie eine Überlebenschance.
Audrey Steulet-Geiser
Was hat Sie dazu bewogen, diese WhatsApp-Gruppe ins Leben zu rufen?
Mario Gandolfo: Ich selbst war zwar zum Glück nicht direkt betroffen, in meinem Umfeld gab es jedoch mehrere Fälle von atypischer Myopathie. Mir wurde schnell klar, wie gross der Informationsbedarf ist. Deshalb wollte ich eine Plattform schaffen, auf der sich Betroffene sich frühzeitig über Risiken und Präventionsmöglichkeiten informieren können. Eine Art Frühwarnsystem für Pferdehalter – so wie es beim Wolf auch eines gibt.
«Bei allen verstorbenen Pferden wurde festgestellt, dass sie Bergahornsamen aufgenommen hatten. Der Bergahorn spielt deshalb die zentrale Rolle bei den aktuellen Fällen.»
Wie viele Betroffene haben sich bereits gemeldet, und aus welchen Regionen stammen sie?
Mehr als 300 Personen sind, bereits in der der Whatsapp-Gruppe. Darunter sind rund 30 bis 40 Pferdehalter, die aktuell kranke oder verstorbene Pferde zu beklagen haben. Aber auch Betroffene aus früheren Jahren, etwa aus den Jahren 2017 oder 2022, haben sich gemeldet, um ihre Erfahrungen zu teilen.

Die grosse Menge an Ahornsamen in diesem Herbst erhöht auch das Risiko im kommenden Frühling, wenn die giftigen Keimlinge austreiben.
pixabay
Haben Sie den Eindruck, dass die Zahl der Fälle in diesem Jahr aussergewöhnlich hoch ist?
Absolut. Bereits 2017 und 2022 gab es viele Fälle, doch dieses Jahr wurden traurigerweise alle bisherigen Rekorde gebrochen.
Welche Rolle spielen Ahornbäume aus Ihrer Sicht bei den aktuellen Fällen?
Bei allen verstorbenen Pferden wurde festgestellt, dass sie Bergahornsamen aufgenommen hatten. Der Bergahorn spielt deshalb die zentrale Rolle bei den aktuellen Fällen. Auch in Belgien wurde die Pflanze wegen der vielen Todesfälle bereits als «Serienkiller der Pferde» bezeichnet. Eine mögliche Erklärung für die starke Zunahme der Fälle in diesem Jahr ist, dass sich das Toxin in den Früchten des Bergahorns aufgrund der Trockenheit stärker konzentriert hat.

Mario Gandolfo ist ein erfolgreicher Schweizer Pferdesportler aus Fregiécourt im Kanton Jura, der zu den weltbesten Fahrern im Einspännerfahren gehört. Er hat eine WhatsApp-Gruppe gegründet – als Frühwarnsystem für Vergiftungsfälle bei Equiden durch Bergahorn.
Karin Rohrer
Gibt es Gemeinsamkeiten bei den betroffenen Betrieben oder Weiden?
Es gibt nicht den einen gemeinsamen Faktor bei den betroffenen Betrieben. Dieses Jahr ist die Situation besonders speziell, da sehr unterschiedliche Haltungsformen betroffen sind. Sogar Betriebe wo die Pferde, nur tagsüber auf der Weide sind und Heu zur freien Verfügung füttern beklagen Fälle. Besonders stark betroffen ist der Berner Jura und der Jura, wo viele Pferde auf grossen Weiden gehalten werden.
«Jeder fünfte Baum der im Jura vom kantonalen Forstdienst neu gepflanzt wird, ist ein Bergahorn.»
Welche Massnahmen müssten Ihrer Meinung nach ergriffen werden, um die Krankheit künftig besser zu verhindern?
Eine wichtige Massnahme wäre, die Pflanzung von Bergahorn im Kanton Jura zu verbieten.
Wie meinen Sie das?
Jeder fünfte Baum der im Jura vom kantonalen Forstdienst neu gepflanzt wird, ist ein Bergahorn.

Der Berg-Ahorn wächst als sommergrüner Baum, der Wuchshöhen von bis über 30 Metern, selten bis über 35 Metern erreicht.[
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Warum?
Weil sie gut an die Bodenbedingungen des Juras angepasst und trockenheitsresistent sind.
Was möchten Sie mit der öffentlichen Aufmerksamkeit für diese Krankheit erreichen?
Wir möchten vor allem politischen Druck aufbauen und das Problem sichtbar machen. Bereits vor einigen Jahren gab es Vorstösse, um die Pflanzung von Bergahorn im Jura zu verbieten. Damals gab es jedoch nur wenige gemeldete Fälle und drei bekannte Todesfälle. Heute haben wir dank der vielen Rückmeldungen eine deutlich bessere Datengrundlage und können mit konkreten Zahlen und Erfahrungen auf die Behörden zugehen.
«Eine schnelle Behandlung ist entscheidend, denn Pferde, die noch keine Symptome zeigen, haben die besten Chancen. Sobald deutliche Anzeichen auftreten, ist es oft schon zu spät.»
Welche Informationen oder Ratschläge fehlen Pferdehaltern heute noch im Umgang mit der atypischen Myopathie?
Viele Pferdehalter kennen die Krankheit grundsätzlich. Das Problem ist jedoch, dass viele denken: «Das passiert nur anderen, nicht mir.» Wenn über einige Jahre nur wenige Fälle auftreten, gerät die Gefahr schnell in Vergessenheit. Deshalb ist es wichtig, immer wieder zu sensibilisieren. Sobald ein Pferd erkrankt oder stirbt, müssen Halter sofort aufmerksam werden, denn auch weitere Pferde auf derselben Weide können betroffen sein.
Was raten Sie Pferdehaltern jetzt, da offenbar vermehrt Fälle auftreten?
Holt Eure Pferde von der Weide – auch wenn es noch Gras hat, auch wenn ihr bisher nicht betroffen wart und auch wenn bei euch kein Bergahorn steht.
Welche Botschaft möchten Sie anderen Pferdehaltern und Züchtern mit auf den Weg geben?
Bei einem Verdacht auf atypische Myopathie sollte sofort der Tierarzt kontaktiert werden. Lasst alle Pferde einer Gruppe behandeln- auch wenn sie noch keine Symptome zeigen. Eine schnelle Behandlung ist entscheidend, denn Pferde, die noch keine Symptome zeigen, haben die besten Chancen. Sobald deutliche Anzeichen auftreten, ist es oft schon zu spät.
Mehr zur Atypischen Myopathie
Die Atypische Myopathie, auch Weidemyopathie genannt, ist eine gefürchtete Muskelerkrankung die durch eine Vergiftung mit Ahornsamen verursacht wird. Durch das in den Ahornsamen enthaltene Toxin Hypoglycin A kommt es zu einer Schädigung der Muskelzellen. Muskeln des Stammes, die Atemmuskulatur sowie die Herzmuskulatur können betroffen sein.
Die Erkrankung tritt gehäuft im Herbst, und gelegentlich im Frühjahr auf. Pferde aller Rassen und Altersstufen können erkranken, oft sind es jedoch jüngere Pferde oder Pferde, die neu auf einer Weide mit Ahornbäumen stehen.
Die Zerstörung der Muskelfasern führt zu grossen Schmerzen. Die Symptome treten akut auf, schreibt die Tierklinik der Universität Zürich. Betroffene Pferde zeigen:
- starkes Schwitzen
- eine erhöhte Atemfrequenz
- Muskelzittern
- steifer Gang oder plötzliche Bewegungsverweigerung
- Lahmheit oder Koliksymptome (z,B. zum Bauch Schauen) können auftreten
In schweren Fällen kann es zum Festliegen kommen. Selten werden Pferde tot aufgefunden. Durch die Zerstörung von Muskelfasern kommt es zur Freisetzung von Muskelenzymen und dem Muskelfarbstoff Myoglobin. Dieser wird über die Nieren ausgeschieden und kann, bei hochgradiger Schädigung der Muskulatur, den Urin dunkelbraun verfärben.
Trotz intensivster Therapie verläuft die Erkrankung in etwa 70 Prozent der Fälle tödlich. Überlebende Pferde brauchen meistens mehrere Wochen, um sich von der Erkrankung zu erholen. Quelle: Tierspital Universität Züich
«Wenn die Pferde nicht sofort sterben und in einer Klinik behandelt, werden müssen, entstehen sehr hohe Kosten.»
Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Pferdehaltern und Züchtern?
Viele Besitzer und Züchter schildern uns ihre Situation und ihre Erfahrungen. Auffällig ist, dass viele zunächst überzeugt waren, nicht betroffen zu sein, weil sie keine Bergahornbäume auf ihren Weiden haben. Doch durch den Wind können die Früchte bis zu zwei Kilometer weit getragen werden. Viele dachten deshalb, es könne ihnen nicht passieren – trotzdem sind zahlreiche Betriebe betroffen.
Wie gross sind die finanziellen Schäden, von denen Ihnen berichtet wird?
Der Verlust eines Pferdes ist bereits ein grosser emotionaler und finanzieller Schlag. Hinzu kommt, dass es keine Entschädigung über die Tierseuchenversicherung gibt. Wenn die Pferde nicht sofort sterben und in einer Klinik behandelt, werden müssen, entstehen sehr hohe Kosten. Eine Pferdehalterin hat aktuell 19 Pferden in einer Klinik, hier sprechen wir bereits von einer Tierarztrechnung von aktuell rund 100'000 Franken.
«Uns ist bewusst, dass die atypische Myopathie keine klassische Tierseuche ist. Trotzdem sind die Auswirkungen für Pferdehalter und Zuchtbetriebe enorm.»
Welche konkreten Forderungen richten Sie an die Veterinärbehörden?
Die kantonalen Veterinärbehörden, insbesondere der Kantonstierarzt, engagieren sich sehr und versuchen, Lösungen zu finden. Der Kantonstierarzt ist auch in der WhatsApp gruppe. Eine Herausforderung bleibt jedoch die Frage der Entschädigungen.
Warum sollte sich aus Ihrer Sicht auch die Tierseuchenkasse mit dieser Problematik befassen, obwohl die atypische Myopathie keine klassische ansteckende Tierseuche ist?
Uns ist bewusst, dass die atypische Myopathie keine klassische Tierseuche ist. Trotzdem sind die Auswirkungen für Pferdehalter und Zuchtbetriebe enorm. Deshalb sollte geprüft werden, ob es Möglichkeiten für Unterstützung oder eine spezielle Lösung gibt. Es geht nicht nur um einzelne Fälle, sondern um ein zunehmendes Problem, das die gesamte Pferdebranche stark belastet.
Wie realistisch schätzen Sie die Chancen ein, dass betroffene Pferdehalter oder Züchter künftig entschädigt werden?
Es wird schwierig, weil die Zuständigkeiten auf Bundesebene liegen und nicht nur kantonal geregelt werden können. Trotzdem hoffen wir, dass für diese aussergewöhnliche Situation eine Lösung gefunden wird – etwa über einen speziellen Fonds oder eine andere Form der Unterstützung.
Hier geht es zur WhatsApp-Gruppe- > Warnung: Atypische Myopathie
Ihr seid betroffen und habt Pferde mit Vergiftungssymptomen/ tote Pferde -> Erfassung von Fällen atypischer Weidemyopathie bei Equiden