
Ohne Kühe geht es nicht. Um im Sport Spitzenleistungen erbringen zu können ist Janik Riebli auf die Arbeit im Stall angewiesen.
Julia Spahr
Auf seiner Internetseite ist Riebli in einem Käsekeller zu sehen. Mit der linken Hand stemmt er einen Laib Käse etwas in die Höhe und bearbeitet ihn mit einer Käseschmierbürste. In seinem Gesicht ist ein ansteckendes Lächeln auszumachen. Hier muss ein leidenschaftlicher Landwirt am Werk sein, denkt man sich. Riebli ist jedoch nicht nur gelernter Landwirt, sondern auch ein vielfach ausgezeichneter Langlaufprofi.
Der Sprintspezialist gilt bei den kommenden Olympischen Spielen als Medaillenanwärter. Um bei diesem Anlass Höchstleistungen zu erbringen, ist der elterliche Hof für Riebli eine wichtige Stütze. Denn für den gelernten Landwirt ist die Landwirtschaft weit mehr als nur eine Wiege. Sie ist für ihn eine wichtige mentale Kraftquelle. «Der Stall und die Kühe sind für mich das wichtigste mentale Tool», wird Janik Riebli in einem Artikel der «Aargauer Zeitung» zitiert.
Zwischen Mistgabel und Langlaufski
Janik Riebli ist in Giswil OW auf einem Bauernhof aufgewachsen. «Schon früh entdeckte ich meine Leidenschaft für den Sport», schreibt der Spitzensportler auf seiner Internetseite. In Davos verband er dann seine beiden Leidenschaften, die Landwirtschaft und das Langlaufen. Er absolvierte eine Ausbildung auf dem Plantahof und trainierte auf den Bündner Loipen. Es sei eine intensive Zeit gewesen, in der er oft über seine Grenzen hinausging, um seinen Traum einer Sportlerkarriere zu verwirklichen, schreibt der 27-jährige Obwaldner. Und doch zieht es ihn immer wieder auf den elterlichen Hof. «Es bietet mir den perfekten Ausgleich zum Sport», schreibt Riebli.
Janik Riebli hat sich vom Nachwuchsläufer zum etablierten Schweizer Sprint-Spezialisten im Weltcup entwickelt. Nach seinen ersten Weltcuppunkten in der Saison 2020/21 in Davos folgten Top-10-Resultate und 2023 schliesslich der erste Podestplatz im Skating-Sprint. Mit weiteren Podestplätzen im Einzel- und Teamsprint festigte er seinen Platz im A-Kader von Swiss-Ski. Bei den am 6. Februar beginnenden Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo zählt Janik Riebli zum erweiterten Medaillenkreis. Doch diese Erfolge kommen nicht von allein. Hartes Training und ein starker Wille sind unumgänglich, um an der Spitze mitzumischen. Es ist nur menschlich, wenn sich hin und wieder Zweifel einschleichen.
Mentale Tiefs überwinden
«Will ich auf diesem Niveau noch Spitzensport machen?», «Warum habe ich zu wenig Freude daran?» «Wieso muss ich immer wieder aus dieser Sportwelt ausbrechen?». Diese Fragen hat er dem SRF-Sportpanorama offenbart und damit auch seine gelegentlichen Zweifel. «Bauern ist sein Leben, Langlaufen sein Projekt», sagt sein Trainer Erik Guidon und ergänzt: «Wenn es zu lange dauert, bis er seinen Kühen wieder Hallo sagen kann, dann passiert etwas». Für Riebli ist der Kontakt mit den Kühen in solchen Situationen eine Befreiung, wie er dem SRF sagte: «Es zeigt mir auf, wie wichtig diese Gegensätze für mich sind und wie viel Energie sie freisetzen können.»
Auch seine Mentaltrainerin hat Verständnis für diese Sinnfragen. Der 27-Jährige arbeitet seit sechs Jahren mit einer Mentaltrainerin zusammen. Mit ihrer Hilfe will er seine beiden Leidenschaften miteinander verbinden. Entschlossenheit und Vertrauen sollen ihm dabei helfen, in beiden Bereichen die gewünschten Ziele zu erreichen.
Der Stall als Kraftort
Der 27-jährige Langläufer findet im Stall jene Ruhe und Erdung, die ihm sein fordernder Alltag als Profisportler oft nicht bietet. Die Arbeit mit den Kühen hilft ihm, mentale Spannungen abzubauen und wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Gerade in belastenden Phasen oder nach Rückschlägen zieht es Riebli bewusst auf den elterlichen Hof, lässt sich dem Artikel der «Aargauer Zeitung» entnehmen. Beim Misten, Melken oder im stillen Zusammensein mit den Tieren kann er seine Gedanken ordnen und Druck abbauen.
Der Kontakt zu den Kühen wirkt für ihn unmittelbarer und nachhaltiger als klassische mentale Routinen. «Nach einem Rennen gehe ich sehr gern in den Stall. Ich bin dann zwar müde, aber es tut mir gut, etwas Nützliches zu tun und auch mal über etwas anderes nachzudenken als über Sport», verriet er dem «Schweizer Bauer» .
Riebli weiss heute, wann er diesen Ausgleich braucht, und nutzt ihn gezielt. Auch wenn das nicht immer in den strikt geplanten Trainingsalltag passt, ist er überzeugt Die Arbeit in der Landwirtschaft macht ihn mental widerstandsfähiger und letztlich auch leistungsfähiger im Wettkampf. «Bauer zu sein ist für mich mehr als ein Beruf. Es ist meine Berufung, meine Leidenschaft und mein Ausgleich», schreibt Riebli.