Pfas: Landwirte fürchten um ihre Existenz

Ein Antrag eines Ostschweizer Landwirts an die Schweizer Milchproduzenten macht den Handlungsdruck deutlich. Er fordert, dass nicht allein die Betriebe die Folgen tragen, sondern die Verantwortung von der gesamten Gesellschaft übernommen wird.

Jasmin Baumann, lid |

«Die Bauernfamilien sind nicht schuld»: Mit diesem Satz eröffnet ein Landwirt seinen Antrag an die Schweizer Milchproduzenten (SMP), an deren Delegiertenversammlung. Darin warnt er vor den Folgen der PFAS-Belastung für zahlreiche Betriebe im Appenzellerland. Rund ein Drittel aller Milchproben in den beiden Appenzeller Kantonen überschreiten die EU-Richtwerte.

Problem Klärschlamm

Wie viele Betriebe schweizweit betroffen sind, ist nicht bekannt, da die Daten von den Kantonen erhoben werden.  Eine Studie der ETH zeigt aber, dass PFAS in Schweizer Böden flächendeckend nachweisbar sind.   Die sogenannten Ewigkeitschemikalien PFAS seien ein gesamtgesellschaftliches Problem, sagt der Ostschweizer Landwirt. Deshalb müsse die Lösung gemeinsam von Landwirtschaft, Politik, Wirtschaft und den Konsumentinnen und Konsumenten gefunden werden.

Die Quellen für die PFAS-Einträge sind vielfältig. Der Landwirt nennt insbesondere den Klärschlamm. Dieser sei bis in die 1990er-Jahre von den Kantonen sogar empfohlen worden. «Die Bauern wurden beraten und beim Austragen unterstützt, Güllekästen wurden teils mit Klärschlamm gefüllt», sagt er.

Er fordert deshalb gezielte Unterstützung für betroffene Betriebe, klare gesetzliche Grundlagen bei Haftung und Entschädigung sowie praxisnahe Grenzwerte mit Übergangsfristen. Auch die Forschung müsse gestärkt werden, um umsetzbare Lösungen zu entwickeln. Zudem müssten importierte Produkte gleich kontrolliert werden wie einheimische.

Grosser Beratungsbedarf und politischer Druck

Das Anliegen sei für die SMP nicht neu, sagt Kommunikationsleiterin Christa Brügger. Der Verband befasse sich seit zwei Jahren mit der Thematik: «Der Druck und die Verunsicherung in den betroffenen Regionen sind deutlich gestiegen – das nehmen wir ernst.» Es gehe nun darum, Haftungs- und Entschädigungsfragen politisch zu klären.

PFAS

PFAS sind synthetisch hergestellte Chemikalien, die in zahlreichen industriellen Prozessen eingesetzt werden und in vielen Produkten zu finden sind. Sie sind wasser-, fett- und schmutzabweisend und weisen eine hohe thermische und chemische Stabilität auf. Deshalb bauen sie sich in der Umwelt praktisch nicht ab und werden auch «Ewigkeitschemikalien» genannt. Über Böden und Gewässer gelangen PFAS ins Trinkwasser sowie in Lebensmittel. Im menschlichen Körper können PFAS möglicherweise zu Störungen des Immunsystems, des Fettstoffwechsels und des Wachstums oder zu Krebs führen.

Gleichzeitig zeige sich ein Engpass in der Beratung. «Die betroffenen Produzentinnen und Produzenten brauchen Unterstützung», so Christa Brügger. Wenn viele Analysen vorlägen und der Landwirt nicht wisse, was er damit soll, sei niemandem geholfen. Wichtig sei, dass Betriebe ihre individuelle Situation kennen.

Wirtschaftliche Folgen und psychische Belastung

Auch beim Schweizer Bauernverband (SBV) ist die Problematik ein zentrales Thema. «Neben den wirtschaftlichen Folgen entsteht auch eine erhebliche psychische Belastung – sowohl für betroffene als auch für möglicherweise betroffene Familien», sagt Selina Fischer vom SBV.

Die gesetzlich geregelte Grundlage zur Haftung und Entschädigung bei PFAS sei derzeit ungenügend. Zwar gelte grundsätzlich das Verursacherprinzip, doch lasse sich dieses bei PFAS oft kaum anwenden, da die Belastungen über lange Zeiträume und aus verschiedenen Quellen entstanden seien.

Bessere Koordination gefordert

Der SBV verfolge die Problematik eng und bringe sich aktiv politisch ein. Priorität hätten insbesondere finanzielle Unterstützung für betroffene Betriebe, die Schaffung rechtlicher Grundlagen sowie verhältnismässige Grenzwerte und Übergangsfristen, die mit den Realitäten der Landwirtinnen und Landwirte vereinbar sind.

Der Verband fordert von den entsprechenden Bundesämtern eine klare Führung und somit eine bessere Koordination zwischen Bund, Kantonen und der Landwirtschaft ohne überstürzte Entscheide. Gleichzeitig müsse die parlamentarische Arbeit rasch vorangebracht werden, etwa mit der Motion  25.3907  von Mike Egger, zur Existenzsicherung und der Motion  25.3421  der UREK-S. «Die PFAS-Problematik wird nicht allein durch die Festlegung und Umsetzung von Höchst- und Grenzwerten gelöst», sagt Selina Fischer.

Konsumentenschutz und Grenzwerte im Fokus

Für das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) steht neben der Situation der Betriebe insbesondere der Schutz der Konsumentinnen und Konsumenten im Vordergrund. PFAS können über belastete Böden, Wasser oder Futtermittel in die Lebensmittelkette gelangen und sich in Produkten wie Fleisch, Milch oder Eiern anreichern.

Eine langfristige Aufnahme könne gesundheitliche Risiken erhöhen, etwa eine verminderte Immunantwort bei Kindern oder erhöhte Cholesterinwerte, schreibt das BLV. Deshalb seien für einige Lebensmittel tierischer Herkunft bereits Höchstgehalte festgelegt worden. Weitere, etwa für Milch, könnten folgen.

Die Unterschiede bei den Grenzwerten je nach Lebensmittel erklärt die Behörde mit verschiedenen Faktoren: «Der Gesundheitsschutz ist ein wichtiges Kriterium, es werden aber unter anderem auch Konsumgewohnheiten und die praktische Umsetzbarkeit berücksichtigt.» Ziel sei es, die Belastung schrittweise zu reduzieren, ohne auf einzelne Lebensmittelgruppen verzichten zu müssen.

Auch für Importprodukte gelten grundsätzlich die gleichen Anforderungen. Diese würden sowohl durch die Verantwortung der Importeure als auch durch risikobasierte Kontrollen der Behörden überprüft.

Bund: Erste Massnahmen

Inzwischen kommt Bewegung auf politischer Ebene in die Thematik. Der Bundesrat will betroffene Landwirtschaftsbetriebe in wirtschaftlichen Härtefällen gezielt unterstützen. Als Sofortmassnahme wurde die Umsetzung der Motion 25.3421 in die Vernehmlassung geschickt. Diese sieht vor, dass PFAS-belastete Betriebe mehr Zeit für eine Produktionsumstellung erhalten und während dieser Phase wirtschaftlich abgesichert werden.

Bis März 2027 soll zudem eine gesetzliche Grundlage für finanzielle Unterstützung bei besonders betroffenen Betrieben vorliegen. Parallel dazu werden die Kantone verpflichtet, die bestehenden PFAS-Höchstgehalte einheitlich umzusetzen. Das BLV hat dazu entsprechende Weisungen erlassen.

Klar ist: Die PFAS-Problematik beschränkt sich nicht auf die Ostschweiz. Was sich dort derzeit besonders deutlich zeigt, betrifft die gesamte Schweiz – und darüber hinaus Europa und andere Weltregionen. Die ersten politischen Schritte sind eingeleitet. Für die betroffenen Landwirtinnen und Landwirte bleibt die Situation dennoch angespannt: Für sie geht es nicht nur um Grenzwerte und Übergangsfristen – sondern um die Zukunft ihrer Betriebe.

Kommentare (12)

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  • Kollege | 15.06.2026
    Die Klärschlammlieferanten bzw. Klärwerke haben die Unbedenklichkeit immer bescheingt und haben Laboranalysen vorgelegt. Da sich nun zeigt, dass diese Analysen unvollständig waren, muss dieser Fehler juristisch betrachtet werden, d.h. es ist ein versteckter Mangel für den der Lieferant verantwortlich ist. Die Klärwerke gehören öffentlichen Körperschaften, welche im Auftrag der Gemeinden handeln. Damit ist die Verantwortung was die PFAS Verseuchung durch Klärschlamm betrifft, eindeutig.
    Das Verbot von Klärschlamm geschah zu einem Zeitpunkt, als die Schädlichkeit langsam bekannt wurde. Das Verbot wurde in Kraft gesetzt und über das Ausmass der bisherigen Verseuchung wurde von involvierten Stellen ein Schweigeteppich ausgelegt. Man weiss seit dem Verbot über die Schädlichkeit, nicht erst seit den letzten Bodenanalysen.
  • Johann | 14.06.2026

    Ist lange her, da stand im Münchner Merkur auf der 1. Seite: Der Bauer hat Schuld. Im Verlauf der letzten Jahrzehnte wurde das vehement auch so befürwortet. Genauso schaut die Bauernvertretung hier zu.


    Egal um was es geht, der Bauer hat Schuld.

  • Richner Silvia | 11.06.2026
    Bei Kläranlagen wurde auch Glyphosat festgestellt,stammt übrigens von Waschmitteln.Wo ist da der Aufschrei??? Jetzt PFAS auch da sollen die Landw.die Deppen sein.Es wurde auch in Proben vom Matterhorn PFAS festgestellt,sicher wird da oben Eiswein angebaut.Darum rate ich jetzt jedem nehmt keine Sogenannte Gülle von Biogasanlagen.In 20 Jahren wird wieder was gefunden und die Landw.ist wieder der Depp.
  • Ketzer | 10.06.2026
    Gekauftes Futter kann auch eine Quelle für PFAS sein.

    Nun hat der Bund endlich ein Werkzeug in der Hand um die Landwirtschaft abzuschaffen um die Agend 2030 umzusetzen.
  • Dani | 10.06.2026
    Unwissendheit schützt nicht vor strafe und diese sollte umgewandelt werden auf Unterstützung???gaz no
    • Christine Strahm | 10.06.2026
      Hoffe sie spühlen immer nur sauberes Wasser ins WC oder ins Abwasser! Achtung bei der Einnahme von Medikamenten!
    • Richner Silvia | 11.06.2026
      Auch gewusst dass in der Kläranlage von Waschmittelrückständen Glyphosat gibt.Aber Schuld ist nur die Landw.
      Darum liebe Landwirte,nehmt keine Biogasgülle an.In 20 Jahren sind wir auch da die Deppen.
    • Müller | 11.06.2026
      Wieso hesch vorher nüt gseit?
    • Kollege | 13.06.2026
      Die Lieferanten von Klärschlamm haben immer auf die Unbedenklichkeit von Klärschlamm hingewiesen. Vor ca. 40 Jahren hat ein Berater der Stadtberner Klärwerke regelmässig Artikel in der Fachpresse mit Analysedaten veröffentlicht. Damals war Cadmium als Problem in der Diskussion. PFAS war nie ein Thema, entweder war die Schädlichkeit nicht bekannt oder es gab keine Analysemethoden mit der nötigen Genauigkeit. Damals wurde sogar von Fachstellen die Unbedenklichkeit bestätigt. Den Bauern von damals kann kein Vorwurf gemacht werden, sie wurden von staatlichen Stellen "angelogen".
      Ich selber habe nie Klärschlamm bezogen, ich habe mich damals mit einigen Mitstreitern gegen den Klärschlammeinsatz öffentlich eingesetzten, Flyer verteilt und eine Podiumsdiskussion mit organisiert. Wir wollten nicht als Abfallkübel einer Gesellschaft dienen, welche der Landwirtschaft immer mehr Restriktionen auferlegt.
      Damals wurden komisch angeschaut, stellen heute fest, dass wir richtig lagen.
  • Ketzer | 10.06.2026
    Zum Glück sind alle importierten Lebensmittel frei von PFas.
    • Christine Strahm | 10.06.2026
      Hoffe ich auch, bin aber nicht ganz sichr ob dort mit den gleichen Werten gemessen wird oder ob unsere Landwirtschaft einmal mehr für alles Schuld sein soll. Der Klärschlamm wurde durch uns alle produziert, mit unseren Ausscheidungen inkl der eingenommenen Medis und Chemotherapien usw
    • Gesunder Menschenverstand | 10.06.2026

      An Ketzer


      Beim lmport ist es so, wer nicht sucht findet nichts, bei schweizer Produkten umgekehrt...

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