Brauchen Bauern und Bäuerinnen ein Hobby?

Wenn man Bauern rät, sie bräuchten einfach ein Hobby, klingt das zunächst wie eine einfache Lösung für ein komplexes Leben. Doch hinter diesem Ratschlag steckt oft eine verkürzte Sicht auf Belastungen, Beziehungen und Sinnfragen auf dem Hof. Barbara Eiselen erklärt was es mit dem Hobby auf sich hat und was man tut, wenn man eben keines hat.

Barbara Eiselen |

Was ist überhaupt ein Hobby? Und wie hilft die Antwort auf diese Frage zu klären, ob ein Bauer nun ein Hobby braucht oder nicht – und wenn ja, welches? Hinter der Hobby-Diskussion steckt, wie so oft, weit mehr.

Sie hören es gar nicht gerne, aber manchmal sagt man, Milch-Hochleistungszucht sei ein Hobby. Und ist der schöne neue John Deere wirklich nur nützlich – oder doch ein bisschen Hobby? Der Oldtimer sowieso, ausser er wird noch regelmässig für die Arbeit eingesetzt. Schon hier merkt der aufmerksame Leser: Es ist nicht einfach schwarz-weiss.

Was ist überhaupt ein Hobby?

Kommen wir zur Definition: Hobbys können ganz verschieden sein: handwerklich, gesellig, kreativ, sportlich, musikalisch oder einfach etwas für sich selbst. Wenn ich persönlich an das Wort Hobby denke, dann kommt bei mir automatisch eine Abgrenzung zur Arbeit; oder es bedeutet etwas, das Erholung, Freude und Sinn bringt und mit Leidenschaft zusammenhängt.

Es wäre wunderbar, wenn es funktionieren würde, aber ich halte wenig vom Ratschlag: «Du musst dir einfach ein Hobby anschaffen, dann geht es dir besser.» Denn eigentlich meint er: «Tu etwas für dein Wohlbefinden, damit ich dich nicht mehr so leidend ansehen muss.» Doch so einfach ist es nicht. Ein Hobby ist selten die Lösung tieferliegender Probleme. Ob es jemandem gut geht oder nicht, hängt nicht davon ab, ob diese Person ein Hobby hat – und umgekehrt macht ein Hobby niemanden automatisch glücklich.

Die eigentlichen Probleme liegen tiefer

Eine Analogie: Es macht wenig Sinn, aus der Logik «Viel Geld auf dem Konto» gleich «wenig finanzielle Sorgen» die folgende Empfehlung abzuleiten: «Leg dir doch einfach mehr Geld aufs Konto.»

Braucht ein Bauer also ein Hobby? Meine Antwort in Kürze: Nein – zumindest nicht als einfache Standardempfehlung. Denn meist geht es um ganz andere Themen: um Arbeitsdruck, schwierige Familien- und Betriebssituationen, fehlende Perspektiven. In diesen Fällen ist die tägliche Arbeit tatsächlich zermürbend, belastend und energiezehrend. Dies mit einem Hobby zu kompensieren, bringt nichts. Es kann den Druck sogar noch erhöhen, weil es zusätzliche Verpflichtungen schafft oder zur Flucht vor den eigentlichen Problemen führen kann.

Kolumne mit Barbara Eiselen

Barbara Eiselen ist Agronomin und war viele Jahre in der landwirtschaftlichen Lehre und Forschung in den Bereichen Betriebswirtschaft, Agrarpolitik und -märkte tätig. Sie schreibt einmal im Monat für den «Schweizer Bauer» und greift in ihrer Kolumne Themen auf, die unsere Leser beschäftigen.

In ihrer beruflichen Laufbahn erkannte sie, dass es sich bei Hofstrategien und betriebswirtschaftlichen Fragestellungen meistens um tieferliegende Themen handelt.

Barbara Eiselen bildete sich fort in den Bereichen Coaching, Psychologie und Familiensysteme und ist heute selbstständige Beraterin. Sie hat die Vision, die Hemmschwelle für Tabu-Themen in der Landwirtschaft zu brechen, so dass man sich frühzeitig Hilfe für die wahren Probleme holen darf.

Sie nennt es «den Service für die Seele, die Psyche und die Ehe, genauso wie der Traktor auch seinen jährlichen Service bekommt». Eiselen ist Bauerntochter und Ex-Schwiegertochter einer Bauernfamilie.

Gemeinschaft statt Ablenkung

Was ich auf vielen Betrieben tatsächlich sehe, ist etwas anderes: Es fehlt häufig an Gemeinschaft ausserhalb der Familie. Menschen brauchen Interaktionen mit anderen Menschen, und zwar möglichst positive. Innerhalb der Familie gibt es zwar Nähe, aber wie die Erfahrung zeigt, nicht immer positive. In diesem Sinn kann ein Hobby durchaus wertvoll sein, wenn es neue soziale Kontakte ermöglicht – und ausserhalb der Landwirtschaft stattfindet.

Doch auch das gilt nicht für alle. Manche Menschen sind nicht gerne in Vereinen oder grösseren Gruppen. Ihnen zu empfehlen, in die Dorfmusik einzutreten, ist wenig sinnvoll, solange die eigentlichen Schwierigkeiten, die zum Unwohlsein in Gemeinschaften führen, nicht angeschaut werden.

Der Mensch steht im Zentrum

Am Ende steht immer der Mensch im Zentrum – nicht sein Hobby. Es sollte ihm in all seinen Rollen gut gehen: als Betriebsleiter oder Betriebsleiterin, in der täglichen Arbeit, innerhalb der Familie und mit Nachbarn.

Werden echte Lösungen zu den tatsächlichen tieferliegenden Problemen gefunden – etwa eine klarere Aufgabenaufteilung innerhalb der Familie, die Klärung von jahrelangen Konflikten, eine friedliche Abgrenzung zur anderen Generation, neue Perspektiven für den Hof –, dann kann ein Hobby auf jeden Fall passen – und Freude bringen. Aber nicht umgekehrt.

Wenn der Traktor auch Freude machen darf

Und wie steht es mit den «hofinternen», meist nicht klar deklarierten Hobbys? Ein schöner Traktor, ob neu oder alt, oder eine hervorragende Milchkuh dürfen durchaus Platz haben, wenn sie den Geldbeutel oder die Familie nicht belasten, sondern im Gegenteil zur Wirtschaftlichkeit und Freude beitragen.

Perfekt ist es ausserdem, wenn diese Tätigkeiten zusätzlich sogar Verbindung zu anderen Menschen schaffen – beispielsweise bei einer Viehschau. Wichtig bleibt jedoch: Man muss sich bewusst sein, wie viel davon als Hobby gilt und wie viel tatsächlich der Produktion dient. Man darf ganz ehrlich zugeben, dass einem etwas Freude bereitet, und das darf auch etwas kosten – eine gute Trompete für die Dorfmusik kostet auch etwas.

Wenn Arbeit und Hobby verschwimmen

Es gibt auch Hobbys, die mit der Landwirtschaft wenig zu tun haben, aber ideal auf dem Hof ausgeführt werden können und je nach Situation sogar ein schönes Zusatzeinkommen generieren – etwa Holzschnitzkurse oder Theateraufführungen auf dem Hof. Dann verschwimmt die Grenze zwischen Arbeit und Hobby auch, und das ist gut so. Denn Freude, Sinn und Leidenschaft können grundsätzlich auch in der Arbeit gefunden werden.

Man muss sich dann nicht von der Arbeit trennen, um sich bei einem Hobby davon zu erholen. Der «Hobbyfaktor», d. h. die Freude, der Sinn und die Leidenschaft, können in den täglichen Tätigkeiten bereits integriert sein. Umgekehrt gilt nicht: Wer ein Hobby hat, findet nicht automatisch Sinn und Freude in der Arbeit. Also setzen wir doch bei den grundlegenderen Themen an.

Was Bauern wirklich brauchen

Warum also schlägt man Bauern überhaupt ein Hobby vor? Meist aus dem Wunsch zu helfen. Doch echte Hilfe braucht mehr: Zuhören, Verständnis für die Dynamiken eines Systems und die Bereitschaft, die tieferen Themen anzugehen.

Der Landwirt hat bereits einen abwechslungsreichen Beruf. Damit die Arbeit – und vielleicht auch der schöne Traktor oder die Top-Kuh – Freude bereiten, braucht es vor allem eines: geklärte Beziehungen auf dem Hof, eine klare Richtung, eine Strategie und Sinn in der Tätigkeit. Und eine gesellige, freudige Runde sowie Ferien und Auszeiten können übrigens auch ohne Hobby stattfinden.

Bisher erschienene Kolumnen

April 2026: Administrativer Aufwand ist nicht das Problem

März 2026: «Wenn du nicht arbeitest, bist du ein fauler Sack»  

Februar 2026: Warum ihre Beratungsartikel 100’000 Mal angeklickt werden   

Januar 2026: Wenn das Familienerbe zur Last wird

November 2025: «Also bei uns ist alles gut, wir haben keine Probleme»

Oktober 2025 : «Es ist einfach alles zu viel»      

September 2025: Ist die Schwiegertochter doch das Problem?      

August 2025: Mitarbeitende auf dem Hof: Fluch oder Segen?

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