
Die Agronomin Barbara Eiselen begleitet Betriebsleiter und Betriebsleiterinnen auf ihrem Prozess hin zu einer stimmigen Hofstrategie.
Anja Tschannen
In der ruhigeren Winterzeit ist man oft nicht dazu gekommen, die Hofstrategie aufzupolieren, den Büroberg in den Griff zu bekommen oder die Buchhaltung 2025 abzuschliessen. Wem geht es nicht so?
Der Druck steigt: Die ersten Güllefässer sind bereits ausgebracht, die Maschinen sollten für die Saison parat sein, und es bleibt keine Zeit mehr für Dinge, die eigentlich im Winter hätten erledigt werden müssen.
Das Gefühl, erneut gescheitert zu sein
Der eigentliche Druck entsteht meist aus dem Gedanken: «Schon wieder habe ich es nicht geschafft.» Also stürzt man sich erneut in die Arbeit – oft ohne klaren Plan – und ist überzeugt, dass sich diese Saison nichts grundlegend ändern wird. Am Ende des Jahres bleibt dann vermutlich nicht mehr übrig als im letzten Jahr. Die Folge: der Druck steigt, die Arbeit macht weniger Freude.
Oft erwartet man von sich selbst, dass ruhigere Zeiten effizient und produktiv genutzt werden. Dann sollten blitzgescheite Ideen entstehen, und jede freie Minute sollte genutzt werden. Doch was wäre, wenn man diese Zeiten auch wirklich für Dinge nutzen dürfte, die sonst zu kurz kommen? Familie, Kinder, Freizeit, ein Buch lesen oder einem Hobby nachgehen?
Hier liegt eine weit verbreitete Überzeugung in der Landwirtschaft: «Wenn du nicht ständig arbeitest, bist du ein fauler Sack.»
Kolumne mit Barbara Eiselen
Barbara Eiselen ist Agronomin und war viele Jahre in der landwirtschaftlichen Lehre und Forschung in den Bereichen Betriebswirtschaft, Agrarpolitik und -märkte tätig. Sie schreibt einmal im Monat für den «Schweizer Bauer» und greift in ihrer Kolumne Themen auf, die unsere Leser beschäftigen.
In ihrer beruflichen Laufbahn erkannte sie, dass es sich bei Hofstrategien und betriebswirtschaftlichen Fragestellungen meistens um tieferliegende Themen handelt.
Barbara Eiselen bildete sich fort in den Bereichen Coaching, Psychologie und Familiensysteme und ist heute selbstständige Beraterin. Sie hat die Vision, die Hemmschwelle für Tabu-Themen in der Landwirtschaft zu brechen, so dass man sich frühzeitig Hilfe für die wahren Probleme holen darf.
Sie nennt es «den Service für die Seele, die Psyche und die Ehe, genauso wie der Traktor auch seinen jährlichen Service bekommt». Eiselen ist Bauerntochter und Ex-Schwiegertochter einer Bauernfamilie.
Die Herausforderung, Ruhe zuzulassen
Ich möchte dazu ermutigen, freie Zeit wirklich zu geniessen – und das ist oft gar nicht so einfach. Erstaunt? Ja, denn wenn Ruhe einkehrt, kommen nicht selten zuerst Leere, Langeweile oder Antriebslosigkeit, und man merkt, wie erschöpft man eigentlich ist. Dies auszuhalten ist keine leichte Aufgabe. Viele stürzen sich daher lieber wieder in die Arbeit oder ins Jammern.
Kopfarbeit und Hofstrategie – wann erledigen?
Aber wann sollen strategische Entscheidungen getroffen und das Büro auf Vordermann gebracht werden, wenn nicht in ruhigeren Zeiten? Eigentlich logisch: Weniger dringliche, aber wichtige Arbeiten sollten erledigt werden, wenn Zeit dafür da ist.
Diese Arbeiten erfordern geistige Leistung – also Kopfarbeit. Die meisten Menschen erledigen praktische Arbeiten lieber, weil bei Kopfarbeit oft kein sichtbares Resultat sofort erkennbar ist. Ein bestelltetes Feld liefert im Herbst eine Ernte, und das befriedigt. Kopfarbeit wird deshalb häufig hinausgeschoben und erfordert Disziplin, einen ruhigen Kopf und Zeit – also im Winter.
Umdenken erlaubt
Aber wie wäre es, die Sache einmal umgekehrt zu betrachten?
- Könnte es sein, dass während der Saison, wenn viele praktische Arbeiten anstehen, die wirklich guten Ideen entstehen?
- Könnte es sein, dass man während der Saison, voller Elan, auch das Büro erledigen oder Aufgaben delegieren kann?
- Könnte es sein, dass man während der Saison mehr «Pfupf» hat, wenn man im Winter die ruhigere Zeit wirklich geniessen konnte?
Es besteht absolut kein Grund, sich nicht auch im Frühling oder Sommer wichtigen Themen wie der Hofstrategie zu widmen.
Druck entsteht aus mehr als Zeitmangel
Druck entsteht nicht nur dadurch, dass man meint, die Winterzeit nicht optimal genutzt zu haben. Oft spielt auch die Vielzahl ungeklärter Situationen und belasteter Beziehungen eine Rolle – ein Thema, das in anderen Kolumnen behandelt wird.
Es ist zu linear gedacht, dass man im Winter unbedingt mehr Kopfarbeit leisten muss. Der Mensch ist keine Maschine, sondern ein lebendiges Wesen, das zu bestimmten Zeiten maximale Leistung erbringen und zu anderen Zeiten Ruhe geniessen darf. Gott hat gesagt, am siebten Tag zu ruhen und keine Arbeit zu verrichten – so sollte es auch in ruhigeren Zeiten gelten.
Fazit: Winterpause wertschätzen
Vielleicht war der Winter also gar nicht unproduktiv. Vielleicht war er genau das, was ein Mensch manchmal braucht: Ruhe und Wertschätzung der Arbeit des vergangenen Jahres.
Hofstrategie und Kopfarbeit lassen sich sehr gut auch während der Saison erledigen – manchmal sogar besser. Und für den nächsten Winter gilt: Erlaube dir schon heute, die ruhigere Zeit wirklich zu geniessen.
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