
Die Freiburger Grossrätin Julia Senti (SP) wollte vom Staatsrat wissen, wie weit die Verantwortung der Bauern bei der Rehkitzrettung reicht.
Simon Wyniger
Jedes Jahr im Frühling bringen Rehgeissen ihre Jungen im hohen Gras zur Welt. Die neugeborenen Kitze sind nahezu geruchlos und durch ihr geflecktes Fell perfekt getarnt. Bei Gefahr rennen sie nicht weg, sondern verharren regungslos am Boden. Dies ist ein angeborener Schutzinstinkt, der ihnen zwar gegenüber natürlichen Feinden hilft. Gegen moderne Mähmaschinen ist dieses Verhalten allerdings lebensgefährlich.
Gerade in den Monaten Mai und Juni fallen jedes Jahr zahlreiche Rehkitze der landwirtschaftlichen Mahd zum Opfer. Dank neuer technischer Möglichkeiten wie Wärmebilddrohnen und dank dem grossen Engagement von Freiwilligen gelingt es zwar zunehmend, Tiere zu retten. Doch die Frage nach der Verantwortung bleibt: Ist die Rehkitzrettung ein freiwilliges Hobby oder eine Pflicht der Landbewirtschafter?
Keine explizite Pflicht, aber klare Verantwortung
«Sind die Landwirte im Kanton Freiburg verpflichtet ihre Felder vor dem Einsatz von grossen Mähmaschinen nach Rehkitzen absuchen zu lassen?» Diese Frage stellte Grossrätin Julia Senti (SP) dem Freiburger Staatsrat in einer parlamentarischen Anfrage. In seiner Antwort hält der Staatsrat fest, dass eine ausdrückliche gesetzliche Pflicht, Felder vor dem Mähen systematisch nach Rehkitzen absuchen zu lassen, nicht besteht. Dennoch ergebe sich aus dem Tierschutzrecht eine klare Verantwortung.
«Im Falle der Tötung eines Rehkitzes wäre es Aufgabe der Gerichtsbehörde, zu beurteilen, ob Straftatbestandsmerkmale, insbesondere eine vorsätzliche und qualvolle Tötung vorliegen»
Gemäss dem eidgenössischen Tierschutzgesetz ist es verboten, Tieren ungerechtfertigt Schmerzen oder Leiden zuzufügen oder sie qualvoll zu töten. Ergänzend untersage die kantonale Verordnung zum Schutz wildlebender Tiere deren absichtliche Störung. Landwirtinnen und Landwirte, die mit der Anwesenheit von Rehkitzen rechnen müssen, sind daher verpflichtet, alles Zumutbare zu unternehmen, um die Tiere zu schützen.

«Schweizer Bauer»-Leserin Petra Strasmann mit ihrem ersten gefundenen Rehkitz.
Petra Strasmann
«Im Falle der Tötung eines Rehkitzes wäre es Aufgabe der Gerichtsbehörde, zu beurteilen, ob Straftatbestandsmerkmale, insbesondere eine vorsätzliche und qualvolle Tötung vorliegen», heisst es in der Antwort des Staatsrates.
-> Wenn Hightech Herz zeigt: Rehkitzrettung mit Drohnen
Gut organisierte Freiwilligenarbeit
Senti wollte auch wissen, wie es bezüglich der Rehkitzrettung im Kanton aussieht. Der Antwort ist zu entnehmen, dass die Rehkitzrettung im Kanton Freiburg gut organisiert ist. Zwei spezialisierte Vereine (Rehkitzrettung Freiburg und Rehkitzrettung Sense-See) engagieren sich jedes Jahr unentgeltlich im Feld. Unterstützt werden sie dabei von Jägerinnen und Jägern, Landwirtinnen und Landwirten, Wildhütern sowie weiteren Freiwilligen.

Heutzutage wird das Gelände nicht mehr von Menschenkolonnen abgesucht. Diese Aufgabe erledigen Wärmebilddrohnen heute viel schneller.
zvg
Auf die Frage nach Unterstützung verweist der Kanton Freiburg darauf, dass die Freiwilligenarbeit finanziell gefördert wird. Gemäss einem Leistungsvertrag überweist der Staat jährlich 16’000 Franken an den Freiburger Jagdverband für die Organisation der Rehkitzrettung. Zusätzlich beteiligen sich mehrere Gemeinden direkt oder indirekt an der Finanzierung der Einsätze.
-> «In rund 99 Prozent der Fälle finden wir die Rehkitze»
Schweizweite Organisation, kantonale Verantwortung
Auf nationaler Ebene koordiniert der gemeinnützige Verein Rehkitzrettung Schweiz die Aktivitäten und unterstützt den Erfahrungsaustausch. Die konkrete Umsetzung liegt jedoch in der Verantwortung der einzelnen Kantone. Die Mehrheit setzt auf freiwillige Organisationen und entschädigt diese mit Pauschalbeiträgen. In Grenzregionen arbeiten die Kantone und Vereine eng zusammen.
Das Video unten zeigt, wie Sie Felder für einen Drohneneinsatz anmelden können. -> Rehkitzrettung: Felder anmelden
Der Staatsrat betont, dass die Zahl geretteter Rehkitze in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist – dank besserer Sensibilisierung, technologischem Fortschritt und grossem ehrenamtlichen Einsatz. Landwirtinnen und Landwirte seien durch ihre Ausbildung mit der Problematik vertraut und wüssten, an wen sie sich für Unterstützung wenden können.