
Beat Berchtold weiss, dass viele Kühe aktuell mit Hitzestress zu kämpfen haben. (Symbolbild)
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Die gesundheitliche Situation der Schweizer Milchviehbestände ist grundsätzlich stabil. Dennoch melden sich in den vergangenen zwei Wochen deutlich mehr Landwirtinnen und Landwirte bei ihren Tierärzten. Auffällig sind vermehrte Fälle von Durchfall, Fieberschüben und Fressunlust. Gleichzeitig führen Hitze und ausbleibende Niederschläge auf vielen Betrieben bereits zu Futterknappheit. Teilweise muss schon jetzt auf Winterfutter zurückgegriffen werden.
Im Vordergrund stehen laut Tierärzten aber weiterhin die klassischen Folgen von Hitzestress. «Ganz allgemein sehen wir derzeit vor allem die Auswirkungen von Hitzestress», sagt Beat Berchtold, Tierarzt und Inhaber einer Beratungsfirma für tierärztliche Bestandesbetreuung. Dazu gehören Leistungseinbussen, erhöhte Zellzahlen und Fruchtbarkeitsstörungen.
Hitzestress schwächt den Organismus
Hohe Temperaturen belasten Kühe gleich mehrfach. Um den Körper zu kühlen, wird vermehrt Blut in die Haut umgeleitet. Dadurch wird der Darm schlechter durchblutet, was die Darmbarriere schwächen und Entzündungen begünstigen kann.
Gleichzeitig fressen die Tiere weniger Grundfutter und verlagern die Futteraufnahme in die kühleren Tagesstunden. Bleibt die Kraftfuttermenge unverändert, steigt das Risiko einer Pansenübersäuerung. Zudem wird das Immunsystem geschwächt, wodurch Krankheitserreger leichter klinische Erkrankungen auslösen können.
Virus als Ursache noch nicht ausgeschlossen
Ob hinter den aktuellen Krankheitsfällen zusätzlich ein infektiöses Geschehen steckt, ist derzeit noch offen. Proben werden unter anderem auf Blauzungenkrankheit, Schmallenberg sowie weitere Durchfallerreger untersucht. Bis Ergebnisse vorliegen, lässt sich nicht sagen, ob Viren beteiligt sind. Aus tierärztlicher Sicht passt das zeitliche Auftreten der Erkrankungen jedoch sehr gut zu den lang anhaltenden Hitzeperioden.
Selbst Betriebe, die bereits in Lüftung, Wassernebel oder Nachtweide investiert haben, berichten teilweise von massiven Leistungseinbussen. Entscheidend sei deshalb nicht nur die Temperatur, sondern auch die Luftfeuchtigkeit. Massgebend für die Belastung ist der sogenannte Temperature-Humidity-Index (THI).
Hinzu kommt der sogenannte kumulative Hitzestress. Können sich die Tiere während warmer Nächte nicht ausreichend abkühlen, steigt die Belastung von Tag zu Tag. Die Folge sind sinkende Futteraufnahme, rückläufige Milchleistungen und eine stärkere Beanspruchung von Stoffwechsel und Verdauung.
Stallklima ganzheitlich betrachten
Das grösste Verbesserungspotenzial sieht Berchtold beim Stallklima und beim Fütterungsmanagement. Neben einer hohen Luftgeschwindigkeit seien vor allem Frischluft und das Abführen der Feuchtigkeit entscheidend. «Lüftung ist nicht gleich Lüftung», betont der Experte.
Ebenso wichtig seien eine stabile Ration, ausreichend Struktur im Futter und regelmässig frisch vorgelegtes Futter, um die Futteraufnahme möglichst hoch zu halten.
Warnsignale früh ernst nehmen
Sinken Futteraufnahme und Milchleistung oder verändert sich das Verhalten der Tiere, sollten Betriebsleitende aufmerksam werden. Fieber, Durchfall oder andere Krankheitsanzeichen dürften nicht allein der Hitze zugeschrieben werden, sondern sollten tierärztlich abgeklärt werden.
Mit Blick auf die Zukunft rechnen Tierärzte damit, dass Klimaextreme die Schweizer Milchviehhaltung weiter beschäftigen werden. «Klimaextreme werden die Milchviehbetriebe auch künftig stark fordern», lautet die Einschätzung. Umso wichtiger werde es, Betriebe frühzeitig an die veränderten Bedingungen anzupassen und Hitzestrategien kontinuierlich weiterzuentwickeln.
-> Interview mit Beat Berchtold: «Welcher Erreger dahinter steckt, ist noch unklar»
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Teilnehmer insgesamt 72