Freitag, 30. September 2022
05.08.2022 12:15
Blog

Warum Bettina wie eine alte Dampflok keucht

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: Bettina Kiener

Bettina Kiener (30) ist Landwirtin, Agronomin FH und arbeitet beim «Schweizer Bauer» als Redaktorin. Diesen Sommer verbringt sie auf der Alp Meienberg in Zweisimmen BE und hilft dort im Stall, beim Käsen und bei allem, was es sonst zu tun gibt. Alle zwei Wochen berichtet sie, was sie erlebt. 

Die Tage sind kürzer geworden, die meisten Blumen auf den Weiden verblüht und die langen Grashalme nicht mehr grün, sondern braun: Der Alpsommer neigt sich spürbar dem Ende zu.

Kühe im hintersten Winkel

Doch auch wenn das Gras nicht mehr das saftigste ist und in der Krippe jeden Morgen etwas Heu auf die Kühe wartet, fühlen sich diese nicht bemüssigt, selbst von der Weide zurück in den Stall zu kommen. Im Gegenteil. Sie verstreuen sich über die ganze Alp, bis in den obersten und in den hintersten Winkel. So, wie sie das schon den ganzen Sommer über gemacht haben. Darum ziehen Renate und ich jeden Morgen los, um die Tiere zurück zur Hütte zu treiben.

Die Kuhdamen suchen sich die hintersten Winkel aus.
zvg

Dabei gehts steil die Alpweide rauf. Habe ich die eine Kuh erreicht – keuchend wie eine alte Dampflok – und sie zehn Meter weit nach unten getrieben, kraxle ich abermals hoch zur nächsten, währenddessen die erste bereits wieder stehengeblieben ist und weiter frisst. Also verschenke ich wieder ein paar der hart erkämpften Höhenmeter, um die erste Kuh weiter zu treiben, nur um dann noch weiter zur übernächsten Kuh aufzusteigen.

Stimmung kippt nicht

Noch mühsamer wirds, wenn ich zwischendurch im steilen Gelände und im taunassen Gras ausrutsche. In solchen Momenten kann sich kurzzeitig auch meine beste Laune in eine miese Stimmung verwandeln. Obwohl – bei diesem schönen Wetter komme ich beim morgendlichen Treiben fast immer in den Genuss eines wunderschönen Sonnenaufgangs und letztlich ist das Ganze ja auch meiner Fitness zuträglich. Zumindest versuche ich mir das immer wieder einzureden.

Sobald alle Kühe im Stall sind, ist die schlechte Laune aber immer schnell wieder verflogen. Dann rahme ich die Gebsen ab und erwärme anschliessend die Milch im Kessi. Einen Teil der Kultur schütten wir vor, den Rest geben wir beim Einlaben hinzu. Ist die Milch geronnen, beginne ich mit dem Vorkäsen.

Weniger Milch

Jetzt, zum Ende des Sommers, haben wir etwas weniger Milch, da ein paar der Kühe bereits galt sind. Hat es weniger Milch im Kessi, dann geht auch das Bruchmachen schneller und ich muss aufpassen, dass ich die Körner nicht zu klein schneide.

Die Brühtemperatur beträgt 53 Grad und im ersten Blog-Beitrag habe ich geschrieben, dass ich etwas Bammel davor habe, jeden Tag mit den Armen tief in die heisse Sirte einzutauchen und die Käse mit dem Bögli und dem Käsetuch aus dem Kessi zu fischen.

Bettina hat das Vorkäsen im Griff.
Martina Jufer

Ist 53 Grad warm oder heiss?

Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, doch angenehm ist es halt einfach immer noch nicht. Besonders beim Ausziehen des letzten Käses, denn dann verweile ich am längsten in der heissen Molke. Kürzlich hat uns eine Familie beim Käsen zugeschaut. Es waren sehr interessierte Gäste, die viel gefragt haben. Unter anderem auch, auf wie viel Grad der Bruch am Schluss erhitzt werde.

«53 Grad», staunte das Mädchen und sagte, «das ist heiss». «Nein», korrigierte sie ihr Vater, «das ist nicht heiss, das ist warm». Ich konnte mir nur knapp verkneifen ihm zu sagen, dass er keine Ahnung habe und doch selbst mal seine Arme in die heisse Käsemilch strecken solle.

Das Schöne beim Käsen ist, dass man am Ende des Tages sieht, was man gemacht hat und so ist der Käsekeller mittlerweile fast bis oben hin gefüllt mit den goldgelben Käselaiben. Dieser Anblick erfreut mich immer wieder aufs Neue.

Der selbstgemachte Zieger.
Bettina Kiener

Beim Ziger versucht

Nebst der Alpkäse- und der Ziegenkäseproduktion habe ich mich letzte Woche auch in der Zigerherstellung versucht. Dafür habe ich nach dem Käsen zehn Liter Sirte über dem Feuer auf über 90 Grad erhitzt und anschliessend einen Deziliter Obstessig reingekippt, wodurch das restliche Milcheiweiss ausschied und nach oben trieb. Diese Zigermasse habe ich dann mit der Kelle abgeschöpft und in einem Käsetuch zum Abtropfen aufgehängt.

Das Resultat schmeckte zwar ordentlich, doch wird es wohl bei diesem einen Versuch bleiben. Denn erstens braucht es unglaublich viel Feuerholz fürs Erhitzen der Molke und zweitens hält sich meine Begeisterung fürs Zigeressen schlicht und einfach in Grenzen.

Bettinas Alpblog

Teil 5: Wie Ulinka den Status Lieblingskuh verlor
Teil 4: Warum die Ziegen Bettina auf Trab hielten
Teil 3: Bettina stösst auf der Alp auf zickige Käsekulturen
Teil 2: Das bringt Bettina auf der Alp ins Schwitzen
Teil 1: Von der Redaktion auf die Alp

Mehr zum Thema
Land & Leute

Seit eineinhalb Jahren kocht der 31-jährige Luganeser Joao Antunes in der «Inselvilla» Emden. - zvg Meerfenchel, roter Shiso und Debregasia-Beeren: Von diesen und anderen exotischen Pflanzen lässt sich der Inselkoch…

Land & Leute

Ernesto Rodriguez Weltweit ernähren sich Menschen heute kaum gesünder als vor 30 Jahren. Zwar werden mehr Hülsenfrüchte, Nüsse und vitaminreiches Gemüse gegessen als früher, dafür aber auch mehr ungesunde Lebensmittel…

Land & Leute

Die diesjährige Regio Challenge findet vom 19. bis 25. September 2022 statt. - VKMB Vom 19. – 25. September lanciert die Kleinbauern-Vereinigung die vierte schweizweite Aktionswoche «Regio Challenge». Sie möchte…

Land & Leute

Ausreichender und stabiler Schlaf ist eng mit der Gesundheit verknüpft. - StockSnap Schlafmangel macht Menschen einer neuen Studie zufolge weniger grosszügig und hilfsbereit. Das berichten Forschende der US-Universität Berkeley im…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE