Mittwoch, 30. November 2022
04.08.2021 17:50
Umfrage

Mostobst abliefern oder verfaulen lassen?

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Von: blu/sal

Die Mostobsternte lohnte sich für die Produzenten im vergangenen Jahr überhaupt nicht. Hohe Rückbehalte sorgten für tiefe Preise. In unserer Umfrage wollen wir von Euch wissen, was Produzenten in solchen Marktsituationen machen sollen. Stimmt ab und diskutiert mit.

2020 wurden 11’293 Tonnen Mostbirnen, das entspricht 159 % des jährlichen Bedarfs, und 90’835 Tonnen Mostäpfel (126 % des jährlichen Bedarfs) in die gewerblichen Mostereien geliefert. Die Konzentratlager der Mostobstbranche waren übervoll.

Grosse Ernten und rückläufiger Konsum

Dafür gab es mehrere Gründe: So überstieg die Ernte 2020 den Bedarf. Und in den Lagern befand sich immer noch ein Teil des Ertrags aus der Rekordernte 2018. Ausserdem ist der Konsum von Apfelsaft ist rückläufig.

Um den Markt zu entlasten und Lagerbestände zu abzubauen, hatte das Produktzentrum Mostobst des Schweizer Obstverbandes im August 2020 einen mengenabhängigen Rückbehalt auf konventionelles und Suisse Garantie-Mostobst beschlossen. Mit den Rückbehalten werden Obstsaftkonzentrate verbilligt und ins Ausland exportiert. Ziel der Aktion: den Schweizer Markt stabilisiert werden. 

Hoher Rückbehalt

Die Mittel dazu stammen aus dem Rückbehalt, den die Bauern pro 100 Kilogramm Mostobst entrichten. Diese waren so hoch wie nie und betrugen 2020 für konventionelle und Suisse-Garantie-Mostäpfel 13 Fr. und für Mostbirnen 11 Fr. pro 100 Kilo. Der Produzentenrichtpreis für gewöhnliche Mostäpfel lag bei 26 Fr. pro 100 kg und 33 Fr. für spezielle Mostäpfel. Der Landwirt erhielt also nur noch 13 Franken pro 100 Kilo.

Mostobstrichtpreise 2020 für Suisse Garantie-, konventionelles Mostobst und weitere Abzüge Die Preise sind gültig franko Verarbeitungsbetrieb, welcher Konzentrat herstellt, respektive seine Annahmestelle.
SOV

Diese hohen Rückbehalte sorgten für bei Landwirtinnen und Landwirten für Unmut. Für Ernst Peter, Präsident der IG Hochstammobstbau Schweiz, kann es so nicht weitergehen. Er fordert eine Obergrenze beim Rückbehalt. Und er will mehr Transparenz: Er will wissen, welche Unternehmen mit dem Produzentengeld zu welchen Preisen Obstsaftkonzentrat exportieren.

Verarbeiter sollen sich beteiligen

Und er stellt auch Forderungen. «Die Verarbeiter müssen sich viel stärker als heute an den Kosten der Überschussverwertung beteiligen», sagt Peter gegenüber «Schweizer Bauer».  Auch der Schweizer Bauernverband (SBV) sieht beim System Handlungsbedarf. Dieses sei zu teuer. «Aus Sicht des SBV ist insbesondere zu prüfen, wie die Kosten der Überschussverwertung solidarisch auf die ganze Wertschöpfungskette verteilt werden können, das heisst insbesondere, dass sich die Verarbeiter in einem angemessenen Umfang daran beteiligen», sagt SBV-Direktor Martin Rufer zum «Schweizer Bauer».

Die beiden grossen Verarbeiter, die Fenaco-Tochter Ramseier und das Familienunternehmen Möhl in Arbon TG, hingegen sagen, dass das Exportgeschäft «überhaupt» kein Geschäft sei. Das Schaffen neuer Lagerkapazitäten für die Säfte sei teuer und würde viel Kapital binden. Um den Absatz zu steigern, investieren sie in neue Produkte und Werbung.

Sollen Bauern künftig nicht mehr alles Mostobst ernten?
CAVO-Stiftung

Nicht alles Obst ernten?

Der Schweizer Obstverband will Ende August über die Lagerbestände und Massnahmen für die Ernte 2021 informieren. Der Verband weist darauf hin, dass ein strukturelles Überangebot an Mostobst vorliege. Von verschiedener Seite wurde dies ebenfalls eingebracht. Hochstammbäume wurden zwar gefördert, das Marktpotenzial hingegen wurde vernachlässigt.

Was heisst das für die Bauern? Sollen sie bei so hohen Rückbehalten das Mostobst weiter abliefern? Für Ernst Peter ist klar, dass diese sinken müssen. «Sonst lohnt sich die Ernte von Mostobst wirklich nicht mehr, und wir können das Obst unter den Bäumen verfaulen lassen», fährt er fort.

Einen anderen Vorschlag machte Christoph Bär, Präsident des Produktzentrums Mostobst des Schweizer Obstverbands (SOV), im Herbst 2020 in einem Interview mit dem Fachmagazin des SOV: «Eine Variante wäre, nur jene Mengen zu verarbeiten, die es im Durchschnitt der Jahre braucht; jedoch zum vollen Preis. Der Rest bleibt im ökologischen Kreislauf.»

Was denken Sie? Sollen Bauern die Äpfel trotz hoher Rückbehalte weiter abliefern? Oder sollen sie das Obst verfaulen lassen? Diskutieren Sie mit und stimmen Sie ab

Was tun bei hohem Rückbehalt?
Mostobst verfaulen lassen
59%
298
Mostobst trotzdem liefern
13%
68
Nur einen Teil des Mostobsts ernten
24%
119
Weiss nicht
4%
21

Rückbehaltssystem

Die Mostobsterntemengen schwanken von Jahr zu Jahr stark. Hauptgrund dafür ist gemäss Obstverband die sogenannte Alternanz: Hochstammbäume haben in einem Jahr viele Früchte, im nächsten wenig. Um diese Schwankungen auszugleichen, lagern die Verarbeiter in Jahren mit einer Überproduktion mehr Obstsaftkonzentrat ein, als für den Inlandkonsum benötigt wird. Diese Marktreserven betragen in der Regel 40 Prozent eines Jahresbedarfs.

Fällt mehr Obstsaftkonzentrat an, als für die Marktreserve benötigt wird, muss dieser Überschuss exportiert werden. Damit der Markt weiterhin entlastet werden kann und die Lagerbestände weiter abgebaut werden können, kann das Produktzentrum (PZ) Mostobst einen mengenabhängigen Rückbehalt beschliessen. Das gibt vor, dass jene Mengen, die den Jahresbedarf sowie die Lagerreserve übersteigen, als frisches Mostobst, Konzentrat oder Fertigprodukt exportiert werden können. Die notwendigen Preisstützungen stammen gemäss Verband aus dem Mostobstfond. Mit dieser Branchenmassnahme soll die Übernahme der gesamten Ernte sichergestellt werden. Bis 2009 unterstützte der Bund den Export von Obstsaftkonzentrat.

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11 Responses

  1. Christof Bär sollte seine Mostobstanlagen von über 10ha verfaulen lassen, wie alle anderen Mostobstanlagen. Diese haben keinen ökologischen Mehrwert wie die Hochstämme. So wäre ein grosses Problem bereits gelöst. Es ist eh eine Schande von den Verarbeiter, dass solche Verträge abgeschlossen wurde.

  2. Der Bund und die Vogelwarte sollen die Differenz zahlen. Sie diktieren uns ja, dass wir Bäume haben müssen, je mehr desto besser. Es grenzt an eine Planwirtschaft. Also höchste Zeit die Verantwortlichen für dieses Desaster in die Pflicht zu nehmen.

  3. wenn der Bundesrat für Most und Produkte davon, so viel Werbung machen würde wie für die Covid Impfung, dann könnten wir dieses Jahr alles Mostobst zum vollen Preis verkaufen!

      1. hat keinen Zusammenhang. Covid-Impfung ist nötig und sehr empfehlenswert, damit diese Epidemie endlich zurückgeht und weiter weder wirtschaftlichen und menschlichen Schaden anrichtet. Apfelsaft ist gesund und auch empfehlenswert, doch geht es da nicht rein ums Ueberleben. Höchstens die Produzenten müssen sich überlegen, wie sie die Mindereinnahmen mit etwas anderem kompensieren können. Hansruedi Hirschi, Wynigen

  4. einfach schade, dass die Konsumenten lieber überteurtes, ungesundes Gesöff runterkippen bzw. dass der „rückläufige Konsum“ schlussendlich nur ein Problem für die Produzenten ist. Der Handel macht halt dann den Umsatz mit dem farbigen Zuckerwasser. Freie Marktwirtschaft straft immer den Rohstofflieferanten am härtesten. Die logisch Folge ist: langfristig weniger Hochstammbäume. (Also: verfaulen lassen)

  5. Warum nicht sonst verwerten? – Mostäpfel könnte man so gut zum Kochen und essen brauchen. Auch in landwirtschaftsnahen Verkaufsketten (Volg, Landi) werden nur Markenäpfel angeboten. Warum weniger qualifizierte, doch essbare im Offenverkauf an die Kundschaft bringen? – So werden sie wenigstens verwertet und bringen etwas ein. Wie in andern Sachen, wäre eine Aufklärung der Kunden da über die Essbarkeit gut.
    Hansruedi Hirschi, Wynigen

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