Donnerstag, 30. Juni 2022
08.12.2019 08:45
Detailhandel

Bauern schweigen aus Angst

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Von: blu

Viele Bauern werden laut dem «SonntagsBlick» ihre Ernten nicht los, weil Obst und Gemüse nicht den Normen der Detailhändler entspreche.

Oftmals seien Äpfel, Kartoffeln und Kürbisse zu gross, zu klein oder herzförmig, statt rund. Migros, Coop und Co. würden solche Produkte dann nicht mehr akzeptieren. 

«Diese Normen sind absurd»

Allerdings trauten sich nur wenige Bauern, ihrem Ärger öffentlich Luft zu machen, weil man es sich mit den wichtigsten Abnehmern nicht verscherzen wolle. Von der Gegenseite hiess es, dass die meisten Konsumenten allerdings eher zu blitzblanken Äpfeln griffen, als zu jenen, die mit einem Schorf bedeckt seien. Zudem seien die Normen gemeinsam von der Branche erarbeitet und getragen worden. Einseitige Vorgaben des Detailhandels gebe es keine.

Über die Praktiken der Detailhändler spricht dennoch ein Landwirt. «Diese Normen sind absurd», sagt Stefan Krähenbühl zu «SonntagsBlick». Es sei frustrierend, wenn nur die Hälfte der Süsskartoffeln abgenommen werde, obwohl die Produkte einwandfrei seien. «Die Fehlmenge wird danach aus Übersee importiert», ärgert sich der 41-jährige Landwirt aus der Region Murten.

System überdenken

«Wir müssen das System überdenken. Wenn alle schweigen, passiert nie etwas», fordert der 41-Jährige. Für Fabienne Thomas vom Schweizer Bauernverband ist der Griff zur makellosen Ware ein Resultat der fehlgeleiteten Politik. «In der Schweiz haben die Detailhändler die Konsumenten dazu erzogen, dass alle Rüebli gleich aussehen müssen», sagt Thomas zur Zeitung. «In der Natur wachsen nun einmal keine Standardäpfel», fährt sie fort.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel am Stadtberner Laden «Gmüesgarte». Dort werden jährlich 80 Tonnen Gemüse und Früchte verkauft, die nicht den Normen des Detailhandels entsprechen. Die Ware wird von Berner und Freiburger Bauern aus dem Seeland bezogen. Verkauft wird die Ware in der Berner Altstadt. Aus den Lebensmitteln werden auch Salate und Smoothie produziert.

Direkt beim Bauern einkaufen

«Ich bin auf einem Bauernhof im Seeland aufgewachsen und habe erlebt, was es bedeutet, Gemüse und Früchte zu produzieren. Dass viel davon weggeworfen wird, hat mir schon immer zu denken gegeben, und ich wollte mich dagegen engagieren», sagte Franziska Güder, Geschäftsführerin und Gründungsmitglied des Gmüesgarte, im vergangenen Jahr zu «Schweizer Bauer».

Fabienne Thomas appelliert deshalb an die Konsumenten, sich gegen Lebensmittelverschwendung zu engagieren. Sie empfiehlt, direkt beim Bauern oder bei Läden wie «Gmüesgarte» einzukaufen. Gemäss foodwaste.ch entstehen in der Verarbeitung 35% und im Gross- und Detailhandel entstehen 10% der Lebensmittelverluste. In der Landwirtschaft entstehen 20% aller Lebensmittelverluste, weil nicht normgerechte Produkte aussortiert werden müssen (missförmige Karotten, zu grosse Zucchetti, oder zu kleine Kartoffeln).

Lebensmittel, die für den menschlichen Konsum produziert wurden und auf dem Weg vom Feld bis zum Teller verloren gehen oder weggeworfen werden, nennt man Food Waste. Dabei entsteht Food Waste auf allen Stufen der Lebensmittelherstellung. Zum Beispiel in der Landwirtschaft, weil sich die Lebensmittel aufgrund von Normanforderungen nicht für den Verkauf eignen. Im Restaurant, wenn Tellerreste oder Buffetüberschüsse entsorgt werden, oder in den Haushalten, wenn wir zum Beispiel den letzten Schluck in der Flasche nicht mehr trinken.

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