Montag, 28. November 2022
04.10.2022 16:24
Graubünden

«Warum wird das brutale Töten nicht gestoppt?» 

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Von: blu/mgt

Am vergangenen Freitagabend wurden in vielen europäischen Staaten von Tierhaltenden Mahnfeuer zur Unterstützung der Weidetierhaltung und gegen deren Bedrohung durch den Wolf entfacht. In den Kantonen Graubünden, Waadt und Tessin brannten auch Feuer. In Siat GR im Bündner Oberland haben sich Bauernvertreter und Politiker pointiert zum Grossraubtier geäussert.

«Zäune, Hirten und Herdenschutzhunde bieten keinen Schutz vor Wolfsangriffen. Der Konflikt zwischen der Weidetierhaltung und der rasant zunehmenden Wolfspopulation muss rasch gelöst werden. Ansonsten droht vielerorts der tierfreundlichsten und nachhaltigsten Tierhaltungsform das Aus», hiess es in einer Mitteilung des Vereins Schweiz zum Schutz der ländlichen Lebensräume vor Grossraubtieren.

Rasche Massnahmen gefordert

Darunter würden hauptsächlich die Weidetierhalter, die mit zusätzlichen Hirten, Zäunen, Pferchen und Herdenschutzhunden den steigenden Wolfsdrucks abzuwehren versuchen, leiden.  Sie seien nicht mehr bereit, die körperliche und emotionale Belastung, das Leiden der gerissen Nutztiere und die wirtschaftliche Verluste zu bezahlen. Die nach Angaben des Vereins europaweit entfachten Mahn- und Solidaritätsfeuer würden einen dringlichen Appell an die Politiker und die Öffentlichkeit senden. In Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich und der Schweiz sei die Wiederausbreitung der Wölfe ausser Kontrolle geraten. 

Die Vertreterinnen und Vertreter der Weidewirtschaft fordern rasche Massnahmen gegen die unkontrollierte Ausbreitung des Wolfes. Darunter fallen unter anderem die Rückstufung des Schutzstatus des Wolfes in der Berner Konvention, die koordinierte präventive Regulierung der Wolfspopulation, die Schaffung von Vorranggebiete für die Weidewirtschaft und wolfsfreie Zonen.

«Lupft mit den Deckel»

In Siat in der Surselva wurde eines der Feuer in Graubünden entfacht. Der Bauerverein Surselva hat zu diesem Anlass Redner aus der kantonalen und nationalen Politik eingeladen. Silvan Caduff, Bauernpräsident Bauernverein Surselva, bekundete in seiner Eröffnungsrede, dass es heute nicht darum gehe, Forderungen zu stellen, trotzdem plagen ihm in Anbetracht des Feuers Fragen wie: «Warum wird das brutale Töten unserer Tiere nicht gestoppt? Warum wird die Bergbevölkerung nicht ernst genommen? Warum werden wir in dieser Not allein gelassen?»

433 Kerzen wurden zum Gedenken der vom Wolf gerissenen Nutztiere entfacht.
Sandro Michael

Neben dem Hauptfeuer wurden vor der Besenbeiz der Familie Cahenzli auch 433 Kerzen entzündet, um der bereits 433 gerissenen Nutztiere in diesem Jahr zu gedenken. «Die Anzahl der Risse hat sich somit innerhalb eines Jahres verdoppelt und dies trotz unverhältnismässig grossen Herdenschutzaufwänden», schreibt der Bündner Bauernverband in einer Mitteilung. «Obwohl die Hirten bereits jetzt teilweise in Mitte ihrer Herde übernachten, kommt es zu Rissen. Und wenn dann seitens Umweltverbände bloss die plumpe Forderung nach noch mehr Herdenschutz kommt, dann lupft es mir den Deckel», sagte der Bündner Regierungspräsident Markus Caduff.

Alpen sind Futterbasis

Die ganze Diskussion rund um den Wolf gleiche einer Wohlstandserscheinung, denn der wirtschaftliche Schaden, der der Wolf anrichtet, sei enorm. «Neben dem kulturellen und touristischen Gut der Alpen geht vergessen, dass die Alpen die Futterbasis unserer Nutztiere für drei bis viere Monate im Jahr darstellen», sagte Caduff.

Carmelia Maissen, die im Januar 2023 in die Bündner Regierung einzieht und derzeit Gemeindepräsidentin von Ilanz ist, wies darauf hin, dass für ihre Gemeinde die Alpung eine zentrale Rolle spielt. Die Grossraubtierproblematik müsse deshalb lösungsorientiert angegangen werden, damit die Alpwirtschaft erhalten bleibe.

Vorstoss im Ständerat

Ein Heimspiel hatte auch Nationalrat Martin Candinas (Mitte/GR). Der in der Surselva wohnhafte Candinas wies darauf hin, dass der Ständerat eine Motion angenommen habe, die die Regulierung des Wolfes vereinfachen solle. Die parlamentarische Initiative «Wachsende Wolfsbestände geraten ausser Kontrolle und gefährden ohne die Möglichkeit zur Regulierung die Landwirtschaft» strebt eine Änderung des Bundesgesetzes über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel an.

Analog der Zuständigkeitsordnung für das geschützte Steinwild soll präventiv die Regulierung von Wolfsbeständen durch die Wildhut ermöglicht werden. Als zusätzliche Massnahme zum zumutbaren Herdenschutz soll die Regulierung von Wolfsbeständen zulässig sein, wo aufgrund der hohen Wolfsdichte die Landwirtschaft gefährdet ist. In diesen Gebieten soll zudem die Entfernung von Wolfsrudeln, oder Teile davon, ermöglicht werden. Gemäss Antrag der Urek-S sollen Wölfe zwischen 1. September und 31. Dezember reguliert werden dürfen. Der Ständerat hiess die Vorlage am 29. September 2022 mit 31 zu 6 Stimmen bei 4 Enthaltungen gut.

70 Wölfe

Durch den Antrag von Ständerat Engler bestehe im aktuellen Entwurf sogar die Möglichkeit, Problemrudel bereits während des Sommers zu entnehmen, so Candinas. Er strebt ein griffiges Jagdgesetz an. Ein Referendum nimmt er in Kauf. Eine Lösung, die der Landwirtschaft keinen Nutzen bringt, lehnt er ab. 

Zum Schluss sprach noch der Präsident des Bündner Bauernverbandes. Mit bereits über 70 identifizierten Wölfen und einer Dunkelziffer, die noch viel höher zu liegen komme, sei eine alleinige Regulation durch die «Rätische Bahn und die Autobahn» nicht mehr machbar, sagte Thomas Roffler. Es müsse nun zwingend ein griffiges Jagdgesetz her und das sehr schnell. 

Silvan Darms hat in Siat die Petition zur sofortigen Entnahme des Beverinrudels an Regierungspräsident Markus Caduff überreicht. Rund 5’000 Unterschriften wurden gesammelt. Die Petition fordert den Abschuss des Problemrüden M92 mitsamt dem Rudel. «Mit dieser Petition unterstützen wir die Forderung des Bündner Bauernverbands und des Bündner ÄlplerInnen Vereins an das Departement von Bundesrätin Simonetta Sommaruga und das Departement des Bündner Regierungsrat Mario Cavigelli, klar und rasch zu handeln um weitere Tötungen zu vermeiden», heisst es in der Petition.

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