Sonntag, 29. Januar 2023
30.11.2022 06:00
Neuenburg

Fünf Tunesier überfielen Schüttels Hof

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: sal

Seit dreissig Jahren ist Werner Schüttel Bauer im Neuenburger Jura. Im Mai 2022 wurde sein Hof versteigert. Der «Schweizer Bauer» berichtet in einer Serie über seine Erlebnisse. Hier berichtet er von dem Überfall am 27. Dezember 2014 und von seinem Konflikt mit der Käsereigenossenschaft. 

Am 27. Dezember 2014 kam es auf dem Hof Le Creux von Werner Schüttel in Le Cerneux-Péquignot bei dichtestem Schneefall am Nachmittag zwischen 14.30 und 15.00 Uhr zu einer dramatischen Halbstunde. «Fünf bewaffnete Tunesier aus Paris haben mich und meine Mitarbeiterin überfallen», erzählt Schüttel.

An Stuhl gefesselt

Seine Mitarbeiterin sei bedroht worden, das Brotmesser sei ihr an die Kehle gehalten worden. Und sie sei mit einem Telefonkabel an den Stuhl gefesselt worden, habe eine Papiertragetasche über den Kopf erhalten. Sie bestätigt dies. Die Wohnung sei verwüstet worden, alles sei umgedreht worden. Wohl auf der Suche nach Bargeld.

Schüttel war zum Zeitpunkt der Attacke, wohl wider Erwarten der Täter, mit dem Traktor unterwegs. Er konnte die Eindringlinge dann überraschen und zwei von ihnen anhalten und der alarmierten Polizei übergeben. Die anderen drei setzten sich nach Frankreich ab und wurden dort verhaftet. Es kam zu einem Gerichtsprozess, mehrere wurden verurteilt und sassen Gefängnisstrafen ab.

RTS hat berichtet – Video ist abrufbar

Ein Vertrauter von ihm habe die Geschichte dieses Überfalls der Lokalzeitung L’Impartial (heute ArcInfo) gemeldet, die aber nicht berichtet habe. Auf Nachfrage sei dem Vertrauten beschieden worden, das habe politische Gründe, berichtet Schüttel. Doch später habe RTS in der Sendung «Temps présent» vom 16. Juni 2016 über seinen Fall berichtet als eines von vier Beispielen für Überfälle in der Westschweiz. Die Sendung ist im Internet abrufbar (vgl. Video-Feld unten).

Schüttel und seine Angestellte gaben über den Fall Auskunft. Sie sagten unter anderem, wie schlecht sie seit dem Vorfall schlafen. RTS brachte auch einen der Täter vor die Kamera. Der Neuenburger Staatsanwalt Nicolas Aubert kam in diesem Zusammenhang auf den Hof Le Creux und sagte, man habe wirklich Mühe zu verstehen, warum die Täter von so weither genau auf diesen Hof kamen und was sie hier interessiert habe.

Schüttel erzählt, dass einer der vielen Polizisten, die damals auf den Hof gekommen seien, ihm gesagt habe: «Das war ein Attentat, kein Überfall.» Das gibt seiner Theorie Nahrung, dass er kein Zufallsopfer war, doch das bleibt bis zum Auftauchen von Indizien, die dann auch juristisch als Beweise gewürdigt werden, eine Theorie, mehr nicht.

Staranwalt als Verteidiger der Tunesier

Laut Schüttel gibt es in diesem Zusammenhang mehrere Auffälligkeiten. Der Chef der Bande sei von Jacques Barillon, einem «Staranwalt aus Genf», vertreten worden. Er habe sich immer gefragt, wer diesen teuren Verteidiger bezahle, sagt Schüttel. Es könnte also von seinem Überfall Verbindungen ins organisierte Verbrechen geben.

Ferner sagt Schüttel, bei den polizeilichen Ermittlungen sei auf Facebook ein Handybild von der Tätergruppe sichergestellt worden, das zeitlich nahe der Tat örtlich im Umfeld eines Mitglieds der Käsereigenossenschaft Le Cerneux-Péquignot geschossen worden sei. Hier muss klar gesagt werden, dass dies ein reiner Zufall sein kann und überhaupt nichts bedeuten muss. Le Cerneux-Péquignot ist ein kleines Dorf: Falls sich die Täter vorher im Dorf aufgehalten haben, entsteht fast überall ein Berührungspunkt mit der Landwirtschaft. Es gilt für die Käsereigenossenschaft die Unschuldsvermutung.

Für die RTS-Sendung «Le temps présent» vom 16. Juni 2016 kam der Neuenburger Staatsanwalt Nicolas Aubert auf den Hof von Werner Schüttel. Zum Überfall vom 27. Dezember 2014 sagte er, es sei wirklich schwer erklärbar, warum die Täter von so weither genau auf diesen Hof gekommen seien. 
PrintScreen RTS

Kripo-Chef nahm sich das Leben

Und weil sich ein Tatbeteiligter nach Frankreich absetzen konnte und das Auslieferungsbegehren der Schweizer Behörden abgelehnt worden sei, weil dieser neben der tunesischen auch die französische Staatsbürgerschaft hat, hätten Prozessakten nach Frankreich gesandt werden müssen. Doch ihm, so Schüttel, sei von einer Richterin in Versailles bei Paris telefonisch mitgeteilt worden, dass die Akten unvollständig seien. Dann seien die Unterlagen vollständig übermittelt worden.

Zehn Tage später habe sich der Chef der Neuenburger Kriminalpolizei, Olivier Guéniat, mit seiner Dienstwaffe erschossen. Für Schüttel eine zeitliche Auffälligkeit. Für den Kripo-Mann gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Bekannt geworden ist jedenfalls nach dem Überliefern der Dokumente nach Paris nichts mehr, was die Neuenburger Justiz irgendwie belastet hätte.

Drogenhandel?

Sicher ist: Das Westschweizer Fernsehen bezeichnete den verstorbenen Staatsanwalt als Experte für den Kampf gegen Drogenkriminalität. Schüttel vermutet, dass in seiner Region, die ganz nahe an der Grenze zu Frankreich liegt, mehrere Personen in den Drogenhandel beziehungsweise Drogenschmuggel involviert sind, auch Landwirte.

Es ginge dabei um Drogen, die via die Balkanroute in die Schweiz gelangen und dann über den Jurabogen hinweg nach Frankreich gebracht werden und umgekehrt. Bei den vielen Kontakten mit Polizisten und Leuten aus dem Grenzwachtkorps, die auf seinen Hof hätten kommen müssen, habe er von diesen schon gehört, in der relativ abgelegenen Grenzregion laufe vieles, berichtet Schüttel. 

Der Hof «Le Creux» liegt abgelegen an der Kantonstrasse zwischen Le Cerneux-Péquignot und Le Locle. Blick von der Kantonsstrasse aus südlicher Richtung.
Daniel Salzmann

Schüttel stürzte auf der Heubühne

Vier Tage nach dem Überfall, am 31. Dezember 2014, hatte Schüttel einen schweren Selbstunfall. Er sei von dem Überfall gedanklich mitgenommen gewesen, darum sei er auf der Bühne fünf Rundballenhöhen hinuntergestürzt und habe sich Verletzungen am Kopf und an der Schulter zugezogen.  Lange habe er danach mit Schmerzmitteln weiterarbeiten müssen, bei starken Schmerzen.

Schüttel war seit 1991 Mitglied der Käsereigenossenschaft Le Cerneux-Péquignot, die im Dorf in einer Käserei Gruyère AOP herstellt. Als zugezogener Deutschschweizer sei er dort nie wohlgelitten gewesen. In der Käsereirechnung von 2014 habe er dann eine Auffälligkeit gesehen: einen Ausgabeposten von 37’000 Franken. Man habe ihm diesen auf seine Nachfrage hin nicht richtig begründen können. Sechs verschiedene Antworten habe er bekommen. Für Schüttel ist das verdächtig, er denkt, es könnte irgendetwas mit ihm zu tun haben.

Aus Käsereigenossenschaft ausgeschlossen

Am 24. Dezember 2016 kam ein Schreiben von der Käsereigenossenschaft, dass sie ihn rauswerfe. Die Käsereigenossenschaft schreibt: «Herr Werner Schüttel wurde nach zahlreichen Verwarnungen wegen Nichteinhaltung der Statuten und Reglemente anlässlich der Generalversammlung vom 8. Dezember 2016 aus unserer Käsereigenossenschaft ausgeschlossen. Seit diesem Zeitpunkt hatte unsere Genossenschaft weder mit Herrn Schüttel noch mit dem neuen Käufer eine Beziehung.»

Die Gesellschaft, deren Konten und die laufenden Geschäfte würden gemäss den einschlägigen Vorschriften geführt und von der Generalversammlung geprüft und genehmigt. «Dies betrifft nur die aktuellen Mitglieder und muss nicht gegenüber Aussenstehenden begründet werden», so die Käsereigenossenschaft auf die Frage nach der Position von 37’000 Franken.

Berghilfe wies Gesuch ab 

Das Handelsregister zeigt mit Publikation vom 26. Oktober 2016, dass der langjährige Kassier der Genossenschaft nach 13 Jahren in diesem Amt seine Unterschriftsberechtigung zu zweit abgetreten hat. Warum, ist unklar.  Bei der Erweiterung des Schweinestalles in den Jahren 2015/2016 bei der Käsereigenossenschaft sei von einem Gesuch bei der Berghilfe um einen Beitrag ein Thema gewesen, so Schüttel. Dabei war laut Schüttel an der Genossenschaftsversammlung die Rede davon, eine doppelte Buchhaltung zu machen, das heisst eine Buchhaltung, die nach aussen ein schlechteres Bild zeigt.

Die Berghilfe bestätigt auf Anfrage, dass ein Gesuch von der Käsereigenossenschaft eingegangen ist und dass sie dieses abgelehnt habe. Das muss aber kein Hinweis auf eine Unregelmässigkeit sein, sondern kann allein der Tatsache geschuldet sein, dass die Käsereigenossenschaft dies ohne Hilfe der Berghilfe zu finanzieren vermochte, weil sie selbst genug Geld hatte. Die Käsereigenossenschaft reagierte nicht auf eine schriftliche Anfrage zu diesem Punkt. Es gilt für sie und für den Kassier aber auch in diesem Punkt die Unschuldsvermutung. Ohne Untersuchung der Buchhaltung der Käsereigenossenschaft kann dies überhaupt nicht beurteilt werden.

Jahrzehntelang lieferte Werner Schüttel Gruyère-Milch in die Käserei Le Cerneux-Péquignot. Dann wollte ihn die Käsereigenossenschaft nicht mehr als Mitglied. 
Daniel Salzmann

Die Käsereigenossenschaft schreibt auf Anfrage: «Wir sind sehr erstaunt, dass eine so renommierte Zeitung wie der <Schweizer Bauer> Interesse an einer Person wie Herrn Schüttel und seinen wilden Theorien hat. Wir weisen Sie daher darauf hin, dass jede falsche oder verleumderische Äusserung in einem Artikel, die den Interessen unserer Gesellschaft oder eines ihrer Mitglieder schadet, Gegenstand rechtlicher Schritte gegen Sie und Ihre Zeitung sein kann.»

Unfreundlichkeit gegenüber Deutschschweizern festgestellt

An der letzten Generalversammlung, die Schüttel besucht hat, hat laut ihm ein Mitglied der Genossenschaft gesagt, er wolle nie mehr einen Deutschschweizer darin haben. Später habe ein Mitglied der Genossenschaft einem anderen Deutschschweizer gesagt, wenn er in einem bestimmten Fall nicht einlenke, werde es ihm gleich ergehen wie Schüttel. Diese Aussagen fielen nur mündlich und sind darum nicht schriftlich belegt, die zweite könnte auch eine Über- oder Fehlinterpretation sein.

Der «Schweizer Bauer» weiss aber von einem anderen Deutschschweizer als Schüttel, dass dieser ebenfalls ein Klima wahrnimmt, das einem Zugezogenen nicht besonders freundlich gesinnt ist. Fast als Ironie der Geschichte kann bezeichnet werden, dass die Käsereigenossenschaft, wenn sie ihre Käserei im Dorf vergrössern will, auf das gute Einvernehmen und das Einverständnis mit dem Eigentümer der umliegenden Grundstücke angewiesen ist. Das Grundbuch zeigt, dass dies ein Deutschschweizer ist, der überdies in der Familie einen Agrarrechtskundigen hat.

Werner Schüttel ist seit 1991 Landwirt in Le Cerneux-Péquignot NE. Trotz allem Schweren, das er erlebt hat, hat er das Lachen nicht verloren. 
Daniel Salzmann

Gruyère-Milch für einheimische Familie? 

Schüttel berichtet, im Jahr 2018 sei sein Betrieb nach einer Inspektion von der Interprofession Gruyère AOP als gruyèrekonform abgenommen worden. Die Käsereigenossenschaft habe auf seine Eingaben mit Verweis auf diese Inspektion keine Stellung mehr genommen. Selbstverständlich ist die Käsereigenossenschaft auf der Grundlage ihrer Statuten frei, wen sie in ihren Reihen haben will und wen sie nicht mehr haben will.

Es ist denkbar, dass Schüttel Angriffspunkte geboten hat, die dazu führten, dass die Käsereigenossenschaft ihn nicht mehr zurückhaben wollte. Die Käserei zog ihm das Gruyère-Kontingent ein. Einst habe der Vater eines Landwirts im Dorf sein Gruyère-Kontingent verkaufen müssen, jetzt könne sein Sohn ab 1. Januar 2023 wieder Gruyère-Milch liefern, sagt Schüttel. Die Käsereigenossenschaft hat dies nicht bestätigen wollen.

Für Schüttel heisst das, dass er als Zugezogener aus der Genossenschaft gedrängt worden sein könnte, damit Platz entsteht für einen Einheimischen, sodass dieser die gut bezahlte Gruyère-Milch liefern darf. Allerdings gibt es hier einen zeitlichen Abstand von mehreren Jahren, was einen direkten Zusammenhang eher wenig wahrscheinlich erscheinen lässt.

Serie zu Werner Schüttel

Bereits online ist: 
Teil 1: Sabotage, Kuhabgänge und Fast-Brände

Lesen Sie in den nächsten Tagen: 

Teil 3: Die geplante Deponie und der Einbruch eines Bauernlehrlings am 29. Juni 2022
Teil 4: Wie sich mehrere Interessenten um Schüttels Hof rissen
Teil 5: Warum bei der Versteigerung ein Nichtlandwirt den Zuschlag erhielt

Mehr zum Thema
Regionen

Der Solarpark auf 25 Hektaren produziert Strom für 15’000 Haushalte.BKW Der neue CEO des Berner Energiekonzerns BKW, Robert Itschner, zieht nach seinen ersten 100 Tage eine positive Bilanz. Er wolle…

Regionen

Biber leben bevorzugt in langsam fliessenden und stehenden Gewässern mit weichen Gehölzarten in Ufernähe. Ihre Ausbreitung zeigt jedoch, dass sie in ihrer Lebensraumwahl sehr flexibel sind, da sie die Landschaft…

Regionen

Er soll auf die Liste der Berner SVP kommen: Ruedi Fischer.zvg Die Delegiertenversammlung des SVP-Wahlkreisverbands Emmental hat am Mittwochabend Landwirt Ruedi Fischer aus Bätterkinden für die Nationalratswahlen vom Herbst 2023…

Regionen

Der Rübenring schaut auf eine schwierige und herausfordernde Kampagne 2022 zurück. Rübenring Beim Rübenring Seeland haben neben der Geschäftsführerin auch der Leiter Fahreraufgebot und der dienstälteste Disponent seine Kündigung eingereicht.…

3 Responses

    1. Genau! Es ist doch einfach peinlich, so einen einseitigen Bericht mit wilden Spekulationen zu publizieren! Und das erst noch über mehrere Serien! Dreckwäsche gehört nicht in der Öffentlichkeit gewaschen.

  1. Eindrückliche Schilderung. Ob jemals alle Hintergründe ans Tageslicht kommen, bleibt offen. Es wäre allen Beteiligten zu wünschen, dass eines Tages das hinterste und letzte Detail aufgeklärt wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE