
Die Preise für Schlachtkühe sind unter Druck.
Doris Bigler
Der Sommer 2026 geht als sehr trocken und heiss in die Geschichte ein. Vielerorts fiel deutlich weniger als die Hälfte der üblichen Regenmengen.
Das hatte massive Auswirkungen. Landwirtinnen und Landwirte konnten einerseits deutlich weniger Winterfutter für ihre Tiere produzieren, andererseits wuchs das Gras auf den Weiden nicht mehr. Um ihre Rinder zu versorgen, mussten die Bauern die Wintervorräte anzapfen. Oder teures Futter zukaufen.
Ein Drittel mehr Kühe
Eine weitere Möglichkeit ist, Kühe in den Schlachthof zu bringen. Das haben auch viele Landwirtinnen und Landwirte gemacht. Gemäss Schlachtviehstatistik des Schweizer Bauernverbandes lagen die Schlachtzahlen im Juni bei den Rindern um 19,7 und bei den Kühen um 19,3 Prozent über dem Vorjahreswert. Im Juli lag die Anzahl Schlachtungen bei den Rindern um 7,7 Prozent und bei den Kühen gar um 46,2 Prozent über dem Vorjahreswert.

Im Sommer wurden 7000 Kühe mehr geschlachtet.
Proviande
Im Juni und Juli wurden laut der Branchenorganisation Proviande rund 7000 Kühe mehr geschlachtet als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Das entspricht einem Anstieg von knapp einem Drittel. Bei den Rindern nahm die Zahl der Schlachtungen um rund 13 Prozent zu. Insgesamt wurden in den beiden Monaten knapp 70'000 Rinder (ohne Kälber) geschlachtet, gegenüber rund 60'700 im Vorjahreszeitraum. Das entspricht einer Zunahme von 15,3 Prozent.
-> 7000 Kühe mehr geschlachtet
Richtpreise nicht realsierbar
Das wirkte sich auf die Preise aus. Diese sind seit Ende Juni deutlich gesunken. In der Kategorie T2/T3 wurde am 27. Juni von der Branchenorganisation Proviande ein Richtpreis von 10.70 Fr. pro Kilo Schlachtgewicht (SG) kommuniziert. Zwei Monate später, am 22. August, ist der Preis auf 9.90 Fr./kg SG gesunken. Die Richtpreise seien aber nicht realisierbar, sagten Händler zu «Schweizer Bauer». Ausserhalb der Viehmärkte sind Richtpreise rechtlich nicht bindend. «Doch es gilt das ungeschriebene Gesetz, dass sich alle daran halten – ein Gentleman’s Agreement», berichtet die «NZZ am Sonntag».
Probleme gibt es bei den mageren Kühen, den sogenannten «X-Kühen». Die Preise für X-Kühe liegen gemäss Preistabellen der Proviande vom 22. August zwischen 7.15 und 8.35 Franken pro Kilo SG. Hier werden die Richtpreise massiv unterschritten, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Sie zitiert aus einem Schreiben der Micarna an die Produzenten. Aufgrund der «aktuellen Marktgegebenheiten» würden die Preise für X-Kühe kurzfristig gesenkt. Gemäss dem Schreiben nimmt die Migros-Tochter Abschläge von bis zu vier Franken pro Kilo vor. Auch Bell bezahlt gemäss «Bauernzeitung» die Richtpreise nicht mehr, andere Unternehmen zogen nach.
«Verarbeiter nutzen Notsituation aus»
Für die Produzenten bedeutet dies einen Verlust von mehreren hundert Franken pro Tier. Landwirtinnen und Landwirte sind über das Vorgehen der Schlachthöfe mehr als verärgert. Und auch bäuerliche Politiker sind empört. «Das ist Wahnsinn und kein fairer Preis mehr. Da nützt man die Notsituation der Bauern aus, die ihren Tierbestand reduzieren müssen», sagt Landwirt und Nationalrat Andreas Gafner (EDU/BE) zur «NZZ am Sonntag, der im Berner Oberland einen Betrieb mit 30 Kühen bewirtschaftet.
Auch Kilian Baumann (Grüne/BE) ist gleicher Meinung. Der Landwirt aus dem Berner Seeland sagt zur Zeitung: «Die Schlachthöfe zeigen null Solidarität mit ihren Lieferanten in einer Notlage. Man nützt die Situation der Bauern brutal aus.» Wer kein Futter mehr habe, müsse die dünnen Kühe in die Schlachthöfe liefern, halten sie fest.
Verarbeiter wehren sich
Die Verarbeiter wehren sich. Sie sind aufwendig zu zerlegen, es bleibe nur eine geringe Ausbeute. Es gebe derzeit einfach zu viele magere Tiere auf dem Markt, teilte Bell der «NZZ am Sonntag» mit. Als Unternehmen könne man nicht bei jeder verarbeiteten Kuh Geld drauflegen, sagte Bell-Sprecher Davide Elia weiter. Man gebe sein Bestes, um alle Kühe zu schlachten. In Deutschland würden bereits nicht mehr alle Tiere abgenommen.

Bell-Chef Marco Tschanz rechnet wieder mit höheren Preisen.
zvg
«Diese Tiere sind anspruchsvoll zu vermarkten», hiess es laut der Zeitung von Micarna. Sie trage einen Teil der zusätzlichen Kosten selber und habe diese nicht an die Produzenten weitergegeben.
Bell-Chef rechnet wieder mit höheren Preisen
Bell-Chef Marco Tschanz geht aber davon aus, dass mittelfristig die Preise steigen werden. «Wenn ein Tier früher geschlachtet wird, fehlt es später auf dem Markt», sagte er vor einigen Tagen in einem Interview. Die Dürre, kleinere Tierbestände, Tierseuchen und das regulatorische Umfeld würden eher für ein knapperes Angebot sprechen. «Gleichzeitig wächst die weltweite Nachfrage nach tierischem Protein weiter. Das dürfte tendenziell zu höheren Preisen führen», sagte er weiter.
Für Landwirtinnen und Landwirte, die jetzt Kühe wegen Futtermangel in den Schlachthof liefern müssen, ist das kein Trost. Sie müssen grosse finanzielle Verluste hinnehmen.

