
Die Agronomin Barbara Eiselen begleitet Betriebsleiter und Betriebsleiterinnen auf ihrem Prozess hin zu einer stimmigen Hofstrategie.
Anja Tschannen
Der Titel ist provokativ. Es geht aber nicht darum, irgendjemanden zu verurteilen, sondern wie immer ist die Absicht, eine weit verbreitete Dynamik zu beleuchten und zu verstehen.
Das Wort «Muttersöhnchen» klingt fast wie ein Schimpfwort. Es greift die Bindung zwischen Mutter und Sohn offen an. Bindung ist aber nicht per se falsch.
Ein Frühstück mit Folgen
Ein Beispiel: Mann und Frau sitzen am Frühstückstisch, der Stall ist bereits fertig. Die Stimmung ist gut und auf den angebrochenen Tag gerichtet. Die Kinder sitzen auch am Tisch und essen genussvoll. Da klingelt es an der Tür, und die Mutter des Mannes – Schwiegermutter der Ehefrau – steht da. Sie hat ein dringendes Problem. Ihr Autoreifen ist platt, und sie sollte in den nächsten zwei Stunden für einen Termin ins Dorf kommen. Sie sucht Hilfe, was absolut legitim ist. Problematisch ist die Art, wie das Problem gelöst wird. Ihr Sohn verlässt das Frühstück schlagartig und kommt seiner Mutter zur Hilfe. Er nimmt zwei der Kinder mit.
Die Frau sitzt verdattert am Frühstückstisch, die Teller noch halb voll, und fragt sich, was jetzt gerade passiert ist. Ihre Gedanken beginnen zu kreisen: Sie hatte ihren Ehemann doch schon vor fünf Wochen um einen Gefallen gebeten. Er ist aber bis heute noch nicht dazu gekommen. Bei der Mutter springt er jetzt aber sofort. Ja stimmt, der Reifen ist ja dringend, ihr Anliegen weniger. Sie fragt sich, was sie falsch macht und warum ihr Mann einfach gesprungen ist. Sie ist traurig oder wütend, sie weiss nicht so recht, was von beidem. Sie versteht nicht, was gerade mit ihr passiert.
Für den Mann fühlt sich sein Handeln selbstverständlich und richtig an – so, wie er es sein Leben lang gelernt hat. Nach einer halben Stunde und gewechseltem Reifen kommt er mit den zwei Kindern wieder zum Tisch. Eine Eskalation ist schon fast vorprogrammiert. Jedenfalls ist die Stimmung der Frau im Eimer. Sie äussert sich.
Nun ist der Mann verdattert und versteht absolut nicht, wo das Problem liegt, denn er hat seiner Mutter doch in der Not nur schnell geholfen. Und das sollte doch möglich sein! Er fühlt sich von seiner Frau nicht verstanden und angegriffen. Die Situation ist aufgeladen.
Kolumne mit Barbara Eiselen
Barbara Eiselen ist Agronomin und war viele Jahre in der landwirtschaftlichen Lehre und Forschung in den Bereichen Betriebswirtschaft, Agrarpolitik und -märkte tätig. Sie schreibt einmal im Monat für den «Schweizer Bauer» und greift in ihrer Kolumne Themen auf, die unsere Leser beschäftigen.
In ihrer beruflichen Laufbahn erkannte sie, dass es sich bei Hofstrategien und betriebswirtschaftlichen Fragestellungen meistens um tieferliegende Themen handelt.
Barbara Eiselen bildete sich fort in den Bereichen Coaching, Psychologie und Familiensysteme und ist heute selbstständige Beraterin. Sie hat die Vision, die Hemmschwelle für Tabu-Themen in der Landwirtschaft zu brechen, so dass man sich frühzeitig Hilfe für die wahren Probleme holen darf.
Sie nennt es «den Service für die Seele, die Psyche und die Ehe, genauso wie der Traktor auch seinen jährlichen Service bekommt». Eiselen ist Bauerntochter und Ex-Schwiegertochter einer Bauernfamilie. Hier erfahren Sie mehr über Barbara Eiselen
Wenn Bindung problematisch wird
Das Problem hat aber mit etwas anderem zu tun: mit einer falschen Bindung zur Mutter.
Ich hole aus: Mutter und Vater sind in der Regel die primären Bindungspersonen eines Kindes. Wir fokussieren uns hier auf die Bindung zwischen Sohn und Mutter. Diese ist lebenswichtig. Die Mutter gibt dem Sohn über die Bindung Sicherheit, Liebe und Zuwendung, sie erzieht ihn, zeigt ihm klare Grenzen und Konsequenzen auf. Im Idealfall.
Meist herrscht aber nicht der Idealfall. Sehr oft ist die Bindung nicht ideal bis hin zu gestört. Ein Beispiel: Anstatt klare und verbindliche Grenzen zu setzen, sind die Grenzen nicht klar geäussert und je nach Tageslaune der Mutter sogar verändert. Der Sohn wird emotional bestraft, wenn er nicht richtig interpretiert, was die Mutter nun will. Beispielsweise mit Liebesentzug, Ablehnung, Blossstellung vor anderen Personen oder Entwertung. Der Junge ist verwirrt und versucht, es seiner Mutter recht zu machen, kann es aber nicht, weil er nie genau weiss, wo die Grenze nun steht. Er fühlt sich manchmal verlassen und einsam. Es tut weh, weil er einen Bindungsabbruch erlebt.
Die Bezeichnung «Muttersöhnchen» entwertet die Mutter-Sohn-Bindung aber pauschal. Und das ist gefährlich. Denn diese Bindung an sich ist absolut nicht das Problem – sondern vielmehr zentral. Problematisch ist es, wenn diese Bindung gestört ist.
Gesunde Ablösung statt Bindungsabbruch
Eine gesunde Bindung zur Mutter ermöglicht es dem Jungen, sich beim Erwachsenwerden gesund von der Mutter zu lösen, weil er keinen Bindungsabbruch riskiert. Er kann sich von ihr entfernen, ohne die Bindung zu verlieren. Die Mutter ihrerseits lässt ihren Sohn gehen, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verlieren – Letzteres wäre eine ungesunde Bindung.
Bei einer gesunden Mutter-Sohn-Bindung gibt es neben dem Sohn Platz für seine Ehefrau, weil dieser Platz nicht von der Mutter besetzt ist. Für den erwachsenen Mann wird die Bindung zur Ehefrau zur primären Bindung.
Wie eine gesunde Reaktion aussehen könnte
Gehen wir zurück an den Frühstückstisch. Die Schwiegermutter klingelt und hat eine berechtigte Frage an ihren Sohn: «Kannst du mir bitte helfen, den Reifen zu wechseln?» Bedenken wir aber, dass oft nicht so gefragt wird, sondern die Hilfe als selbstverständlich erwartet wird.
Bei einem Mann, der eine gesunde Bindung zu seiner Mutter und zu seiner Ehefrau hat, würde die Antwort lauten: «Ja, Mama. Ich sehe dein Problem. Ich bespreche mit meiner Frau, wie und wann wir dir helfen können.» Das «Wir» umfasst das Ehepaar und nicht die Mutter. Er geht zurück an den Tisch und bringt die Problematik im passenden Moment ein. Das Ehepaar bespricht mögliche Lösungen, die ihre Bindung ins Zentrum stellen: Die Mutter könnte beispielsweise an diesem Morgen mit dem Bus ins Dorf gehen oder sogar zu Fuss. Ein Fahrdienst wäre auch denkbar. Und der Reifen könnte ohne Weiteres vier Stunden später gewechselt werden. Das Frühstück wird in guter Stimmung abgeschlossen. Das Ehepaar startet gemeinsam in den Tag – jeder mit seinen Aufgaben.
Wenn das innere Alarmsystem anspringt
Der Mann springt nicht, weil er seine Frau geringschätzt, sondern weil sein inneres Alarmsystem gelernt hat: Wenn die Mutter ruft, muss ich springen. Ich darf nicht Nein sagen. Er hat gelernt, dass er die Bindung zur Mutter riskiert, wenn er nicht ihre einfachste Lösung für ihr Problem ist. Er hat gelernt, seine Bedürfnisse zu unterdrücken. Diese Muster sind erklärbar – und im Erwachsenenalter auch veränderbar. Manchmal braucht es Hilfe dazu.
Bindung ist nicht nur für Kinder wichtig, sondern auch für erwachsene Personen zentral. Die Frage ist nur: an wen? In einem gesunden System ist der erwachsene Mann stärker an seine Frau als an seine Mutter gebunden. Dann ist er kein «Muttersöhnchen». Eine Ehe scheitert nicht daran, dass die ältere Mutter Hilfe braucht. Sie scheitert daran, wenn die Bindungen nicht geklärt sind.
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Mai 2026: Brauchen Bauern und Bäuerinnen ein Hobby?
April 2026: Administrativer Aufwand ist nicht das Problem
März 2026: «Wenn du nicht arbeitest, bist du ein fauler Sack»
Februar 2026: Warum ihre Beratungsartikel 100’000 Mal angeklickt werden
Januar 2026: Wenn das Familienerbe zur Last wird
November 2025: «Also bei uns ist alles gut, wir haben keine Probleme»
Oktober 2025 : «Es ist einfach alles zu viel»
Weiter gehört zu jedem gesunden Betriebsklima eine Wohn-Distanz zwischen den Generationen, Problem gelöst.
Aber klar: bisschen «Muttersöhnchen» im Titel verkauft sich halt besser als banaler Familienalltag.