
Die Agronomin Barbara Eiselen begleitet Betriebsleiter und Betriebsleiterinnen auf ihrem Prozess hin zu einer stimmigen Hofstrategie.
Anja Tschannen
Ein Sprichwort sagt: «Das Hin und Her macht die Taschen leer». Oft fehlt es nicht an Wissen. Viele Betriebsleitende wissen nämlich längst, was sie verändern müssten. Was fehlt, ist der Mut, eine Entscheidung zu treffen und die Verantwortung dafür zu übernehmen.
Entscheiden ist der erste Schritt
Der Hauptgrund für die Sorgen ist meist ein finanzieller. Denn egal, ob ich investiere oder reduziere – es geht Geld drauf. Also machen viele einfach ohne Veränderung weiter, obwohl sie schon lange nicht mehr zufrieden sind. Und das kostet am Schluss wohl mehr, als wenn einmal eine mutige Entscheidung getroffen würde, nämlich Freude, Motivation und vielleicht auch Arztbesuche.
Um eine Strategie umzusetzen, braucht es zuerst eine Entscheidung. Wer nach sorgfältiger Abwägung entscheidet und umsetzt, kommt vorwärts. Wer immer wieder alles infrage stellt und nicht entscheidet, landet im Hin und Her. Und die Taschen werden langsam leer. Die Angst dahinter lautet oft: Was passiert, wenn ich mich falsch entscheide?
Die Kreuzung im Wald als Beispiel
Gerne erkläre ich die Auswirkung von Entscheidungen anhand eines einfachen Beispiels. Ich stehe vor einer Kreuzung in einem Wald, den ich nicht kenne. Es gibt drei mögliche Wege, die ans gleiche Ziel führen. Welcher Weg ist der bessere für mich und meine Familie, um ans Ziel der Wanderung zu kommen?
Nach dieser Frage beginnt der Entscheidungsprozess. Zuerst spielen einige Entscheidungsfaktoren eine Rolle: Wie viel Zeit steht zur Verfügung, wie viel Proviant ist dabei und wer mag noch wie weit? Was sind also die Ressourcen: Geld, Kraft oder Zeit?
Anschliessend folgt die Frage nach den individuellen Bedürfnissen. Welcher Weg bereitet mehr Freude – mehr Aussicht, mehr Steigung oder ein schmalerer Pfad? Also eher Kühe, eher insgesamt weniger oder mehr vom Nebenerwerb? Am Schluss bleibt eine zentrale Frage: Wer entscheidet nun für die Familie? Wer entscheidet, welche Bedürfnisse Vorrang haben und wie die vorhandenen Ressourcen eingesetzt werden?
Kommunikation als Schlüssel
Ich beobachte, dass diese zentralen Fragen oft gar nicht gestellt werden, die Antworten zu wenig wahrgenommen werden und kaum ein echter Austausch darüber stattfindet. Es wird nicht kommuniziert. Wenn bereits Konflikte bestehen, ist es noch schwieriger, überhaupt auf diese Ebene zu kommen, und es braucht eigentlich dringend Hilfe, um Entscheidungen treffen zu können.
Kolumne mit Barbara Eiselen
Barbara Eiselen ist Agronomin und war viele Jahre in der landwirtschaftlichen Lehre und Forschung in den Bereichen Betriebswirtschaft, Agrarpolitik und -märkte tätig. Sie schreibt einmal im Monat für den «Schweizer Bauer» und greift in ihrer Kolumne Themen auf, die unsere Leser beschäftigen.
In ihrer beruflichen Laufbahn erkannte sie, dass es sich bei Hofstrategien und betriebswirtschaftlichen Fragestellungen meistens um tieferliegende Themen handelt.
Barbara Eiselen bildete sich fort in den Bereichen Coaching, Psychologie und Familiensysteme und ist heute selbstständige Beraterin. Sie hat die Vision, die Hemmschwelle für Tabu-Themen in der Landwirtschaft zu brechen, so dass man sich frühzeitig Hilfe für die wahren Probleme holen darf.
Sie nennt es «den Service für die Seele, die Psyche und die Ehe, genauso wie der Traktor auch seinen jährlichen Service bekommt». Eiselen ist Bauerntochter und Ex-Schwiegertochter einer Bauernfamilie.
Hier erfahren Sie mehr über Barbara Eiselen und ihre Arbeit.
Gleichzeitig mit dieser Klärungsphase folgt auch die Informationssammlung über die drei möglichen Wege. Dazu eignen sich topografische Karten, das Einholen von Auskünften von Entgegenkommenden oder Erfahrungsberichte im Internet. In der Landwirtschaft geht es entsprechend um Informationen zu Gesetzgebungen, Finanzierungsplänen, Bauplänen oder Erfahrungsberichten von anderen.
Angst, falsche Entscheidung zu treffen
Diese Informationen bringen einige relativ gut zusammen. Ich habe schon öfter gesehen, dass fertige Pläne vorhanden wären. Warum aber kam es dann nicht zur Entscheidung? Hier folgt für die meisten der mit Abstand schwierigste Teil. Denn entscheiden bedeutet, Verantwortung für die Konsequenzen zu übernehmen, die man trotz akribischer Informationssammlung nie bis zum Ende abwägen kann.
Man weiss vielleicht nicht, ob der eine Weg einen stark vermatschten Abschnitt beinhaltet oder ob auf dem anderen ein Baum über dem Weg liegt. Man weiss auch nicht, auf welchem Weg alle tatsächlich die meiste Freude haben werden.
Auf jedem Weg warten Herausforderungen. Man kann nicht alle vorausplanen. Auch in der Landwirtschaft. So schnell passiert es dann, dass man denkt: «Der andere Weg wäre wohl doch der bessere gewesen.» Und genau deshalb haben viele grosse Angst davor, die falsche Entscheidung zu treffen und diese später zu bereuen. Wer aber seine Entscheidung bereut, vergleicht oft die tatsächlichen Schwierigkeiten des gewählten Weges mit einem idealisierten Bild des nicht gewählten Weges. Dass auch dort Herausforderungen gewartet hätten, blendet man dann gerne aus.
Stillstand ist auch eine Entscheidung
Was viele tun: Sie bleiben an der Kreuzung stehen und überlegen hin und her. Sie entscheiden sich für keinen der Wege, aus Angst, den falschen zu wählen. Sie bleiben stehen, und es ändert sich nichts. Mit der Zeit wird es allen kalt und alle bekommen Hunger. Und dann geht man vielleicht doch zurück.
Wer den Entscheidungsprozess sauber durchläuft und am Schluss mutig entscheidet, erntet in der Regel Früchte. Die finanzielle Angst war allermeistens gar nicht das eigentliche Problem, sondern eher die Angst vor der Verantwortung und der fehlende Mut, eine Entscheidung zu treffen. Oder es fehlt die Klarheit darüber, wer nun entscheidet.
Jede Strategie hat Risiken. Jeder Entscheidung folgen auch Herausforderungen. Aber Stillstand hat ebenfalls Konsequenzen. Wer aus Angst vor Fehlern an der Kreuzung stehen bleibt, entscheidet sich letztlich für den einzigen Weg, der garantiert nirgendwohin führt.
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