Nicht die Schwiegermutter ist das Problem

Mit der Hofübergabe wechseln Land, Tiere und Maschinen den Besitzer – doch viele unsichtbare Aufgaben bleiben bei der älteren Generation. Warum genau diese «Schatten-Arbeiten» oft zu Konflikten zwischen Schwiegermutter, Schwiegertochter und Betriebsleiter führen und wie sie erfolgreich übergeben werden können, erklärt Coach Barbara Eiselen in ihrer Kolumne.

Barbara Eiselen |

Wer wäscht die Stallkleider? Wer organisiert die Helfer und Helferinnen beim Kartoffelgraben oder Hühnerausstallen? Wer kocht für sie? Wer hilft beim Heuen und weiss nebenbei noch, welcher Nachbar wie viel Zucker in den Kaffee nimmt?

Nicht selten lautet die Antwort auch nach der Hofübergabe: die Mutter. Sie kennt alles. Sie hat über Jahrzehnte organisiert, Beziehungen gepflegt, gekocht, Termine im Kopf behalten und bei wichtigen Entscheidungen mitgedacht. Vieles davon geschah im Schatten.

Wo liegt das Problem mit der Hilfe?

Dann übernimmt der Sohn den Hof – und die Mutter hilft weiter, fast wie bisher. Er ist froh darum, denn er hat gerade einen Betrieb und viel Verantwortung übernommen, er muss Entscheidungen treffen, ist vielleicht junger Familienvater und möchte auch für seine Frau und Kinder da sein. Da kommt es doch einfach nur gelegen, wenn die Stallwäsche wieder frisch ist, Mittagessen gekocht und weiterhin geholfen wird. Das möchte er auf keinen Fall aufs Spiel setzen. Seine Frau hat ausserdem mit kleinen Kindern, Haushalt und vielleicht einer Teilzeitstelle sowieso genug zu tun. Er fragt sich ernsthaft: Wo liegt eigentlich as Problem mit meiner Mutter?

Das Problem ist nicht, dass die Mutter hilft. Das Problem ist, dass ein Teil der Betriebsführung inoffiziell bei ihr geblieben ist und niemand darüber gesprochen hat. Das ist längerfristig für alle belastend, auch für die Mutter. Sie kann ihre inoffiziellen Aufgaben nicht abgeben, weil sie im Schatten verbleiben und wie an ihre kleben. Es entstehen Machtkämpfe, meist mit der Schwiegertochter.

Vordergründig geht es um Blumenkistchen, Garten, Stallwäsche oder das Mittagessen beim Silieren. Meist sind es «Bagatellen». Hintergründig geht es aber eher um die Frage: Wer hat hier eigentlich welchen Platz und wer führt?

Die Mutter ist dabei eindeutig im Vorteil, denn sie kennt alles, alle Abläufe, alle Helfer und welcher Nachbar wie viel Zucker in den Kaffee nimmt. Kommt die Schwiegertochter nicht aus der Landwirtschaft, ist das Gefälle noch ausgeprägter.

Nicht die Mutter ist das Problem

Nun könnte man sagen: Die Mutter kann nicht loslassen. Aber das wäre aber zu einfach. Wenn der Sohn den Hof übernimmt, müsste er eigentlich die gesamte Betriebsführung übernehmen. Mit «gesamt» sind auch die «Schatten-Arbeiten» gemeint. Das bedeutet nicht, dass er plötzlich selber Stallkleider waschen und für die Helfer kochen muss. Führen heisst, die Verantwortung zu übernehmen und Aufgaben zu delegieren. Es bedeutet nicht alles selber zu machen.

Vielleicht macht die Mutter nachher genau dasselbe wie vorher. Nur macht sie es nicht mehr aus Eigenregie, sondern als Teil der neuen Betriebsführung und ihr wurden diese Aufgaben delegiert. Dies ermöglicht, dass wenn seine Frau später eine dieser Aufgaben übernehmen möchte, können die Aufgaben neu verteilt werden.

Die unsichtbare 100-Prozent-Stelle

«Schatten-Arbeiten» sind betriebsrelevante Tätigkeiten, die kaum als Arbeit wahrgenommen werden. Sie werden oft durch Frauen ausgeführt.

Ich habe schon Bäuerinnen sagen hören, sie müssten sich schier rechtfertigen, warum sie «nur» 40% auswärts arbeiten. Dabei sehen sie selber kaum, was sie daneben alles leisten: für die Draussen-Arbeitenden kochen, ein Blumenfeld betreuen, Tagesabläufe organisieren, Beziehungen pflegen, bei Hofentscheidungen mitdenken und im Hintergrund hundert kleine Dinge erledigen. Auch Blumenkistchen pflegen gehört da dazu. Rechnet man alles zusammen, arbeiten diese Frauen nicht 40%, sondern eher 140%.

Genau diese unsichtbare 100%-Stelle, die oft selbstverständlich ist, führt zu Konflikten. Die Frauen sollen es doch untereinander abmachen, heisst es dann. Da sind wir beim berühmten Schwiegertochter-Schwiegermutter Konflikt. Sie streiten sich darum, wer unbezahlte fast unsichtbare Arbeiten macht und wie diese gemacht werden soll, damit das System Hof gut funktioniert. Das wird spätestens dann sichtbar, wenn die junge Bäuerin diese Arbeiten nicht einfach selbstverständlich übernehmen will oder kann oder die ältere Bäuerin diese endlich abgeben möchte.

Kolumne mit Barbara Eiselen

Barbara Eiselen ist Agronomin und war viele Jahre in der landwirtschaftlichen Lehre und Forschung in den Bereichen Betriebswirtschaft, Agrarpolitik und -märkte tätig. Sie schreibt einmal im Monat für den «Schweizer Bauer» und greift in ihrer Kolumne Themen auf, die unsere Leser beschäftigen.

In ihrer beruflichen Laufbahn erkannte sie, dass es sich bei Hofstrategien und betriebswirtschaftlichen Fragestellungen meistens um tieferliegende Themen handelt.

Barbara Eiselen bildete sich fort in den Bereichen Coaching, Psychologie und Familiensysteme und ist heute selbstständige Beraterin. Sie hat die Vision, die Hemmschwelle für Tabu-Themen in der Landwirtschaft zu brechen, so dass man sich frühzeitig Hilfe für die wahren Probleme holen darf.

Sie nennt es «den Service für die Seele, die Psyche und die Ehe, genauso wie der Traktor auch seinen jährlichen Service bekommt». Eiselen ist Bauerntochter und Ex-Schwiegertochter einer Bauernfamilie.

Hier erfahren Sie mehr über Barbara Eiselen und ihre Arbeit.

Hilfe darf nicht zur Abhängigkeit werden

Auch wenn die Arbeit der älteren Generation, insbesondere der Mutter, enorm wertvoll ist, so ist es problematisch, wenn bestimmte Arbeiten nur von ihr erledigt werden können. Dann wird aus Hilfe Abhängigkeit.

Der junge Bauer braucht Alternativen für diese Arbeiten, auch wenn er gewisse Tätigkeiten weiterhin seiner Mutter delegiert. Alternativen zu suchen ist je nachdem mühsamer, erfordert das Sichtbar-Machen dieser Aufgaben und kostet möglicherweise auch Geld. Und genau dann wird sichtbar, welchen Wert die bisher fast kostenlose Arbeit tatsächlich hatte.

Loslassen bedeutet ersetzbar ohne wertlos zu sein

Gleichzeitig muss die ältere Generation lernen, dass Ersetzbarkeit nichts mit Wertlosigkeit zu tun hat. Loslassen bedeutet zu akzeptieren, dass jemand anders meine Arbeit übernehmen kann, ohne dass mein Wert und meine bisherigen Leistungen dadurch weniger wären – auch wenn es künftig anders gemacht wird. Loslassen ermöglicht gesundes Altern und schrittweises Zurückfahren.

Eine Hofübergabe ist erst dann wirklich gelungen, wenn nicht nur die sichtbaren offiziellen Hofarbeiten übergeben wurden – sondern auch die unsichtbaren Fäden der Führung. Denn was im Schatten bleibt, kann man nicht übertragen oder delegieren.

Ich empfehle bei einer Hofübergabe alle Schatten-Arbeiten auf den Tisch zu bringen. Macht sichtbar wer was für den Betrieb tut. Legt den Fokus insbesondere auf die betriebsrelevanten Arbeiten, welche die Mutter macht, wie beispielsweise das Mittagessen kochen für die Draussen-Arbeitenden.

Die Aufgabe des neuen Betriebsleiters ist es, neu zu verteilen, wer künftig für was verantwortlich ist, natürlich im Gespräch mit all seinen Alternativen. Das bedeutet auch das Loslassen durch den jungen Betriebsleiter. Er muss die praktischen und selbstverständlichen Arbeiten seiner Mutter loslassen. Für diese Arbeiten muss er die Verantwortung übernehmen, sie neu ordnen und neu delegieren, anstatt sie einfach von seiner Mutter in Eigenregie weiterführen zu lassen.

Bisher erschienene Kolumnen 

Juli 2026: Geben wir die Kühe auf oder machen wir nichts?

Juni 2026: Als Ehefrau neben einem «Muttersöhnchen»-Landwirt

Mai 2026: Brauchen Bauern und Bäuerinnen ein Hobby?

April 2026: Administrativer Aufwand ist nicht das Problem

März 2026: «Wenn du nicht arbeitest, bist du ein fauler Sack»    

Februar 2026: Warum ihre Beratungsartikel 100’000 Mal angeklickt werden     

Januar 2026: Wenn das Familienerbe zur Last wird

November 2025: «Also bei uns ist alles gut, wir haben keine Probleme»

Oktober 2025 : «Es ist einfach alles zu viel»        

September 2025: Ist die Schwiegertochter doch das Problem?        

August 2025: Mitarbeitende auf dem Hof: Fluch oder Segen?

Kommentare (2)

Sortieren nach: Likes | Datum
  • Und weiter geht‘s | 30.08.2026
    Schwierig wird‘s aber, wenn die abtretende Generation das Gefühl hat, die Schwester des jungen Betriebsleiter müsse auf dem Betrieb auch noch eine Rolle haben. Trotz Schwiegertochter.
  • Abgetretene Generation | 30.08.2026
    Damit dies funktioniert braucht es erstens genug räumliche Distanz, was heisst, die Eltern ziehen vom Hof weg. Zweitens ein Sohn, welcher zur Selbständigkeit erzogen wurde und vor der Hofübergabe bereits sieht, was die Eltern im Hintergrund alles leisten. Drittens eine klare Rollenaufteilung nach der Hofübergabe mit Lohn für fixe Arbeiten und spontane Einsätze nach Absprache.
    Wenn diese Regeln von den Eltern und dem Sohn eingehalten werden, findet auch die Schwiegertochter ihren Platz und die junge Generation kann ihren eigenen Weg, wenn nötig und gewünschtmit der Hilfe der Eltern gehen.
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