Grosse Sorgen um Molkerei Cremo

Zwei Rücktritte beim Freiburgischen Milchverband, dem grössten Aktionär der Molkerei Cremo, kommen gleichzeitig mit Hinweisen darauf, dass das Unternehmen finanziell nach wie vor in der Bredouille ist.

Daniel Salzmann  |

Am Montag teilte der Freiburgische Milchverband (FMV) mit, dass Vizepräsidentin Mireille Hirt-Sturny und Direktorin Sabine Guex den Verband verlassen. Die Rücktritte seien auf Divergenzen über die strategische Ausrichtung des Verbandes zurückzuführen. Beobachter sehen einen Zusammenhang mit der sich verschärfenden finanziellen Krise bei der Cremo.

333 Millionen Kilogramm Milch

Die Redaktion des «Schweizer Bauer» bekam den Hinweis eines Insiders, dass die Molkerei finanziell nach wie vor nicht über den Berg sei, eher im Gegenteil. So könnte «die strategische Ausrichtung des Verbandes» beispielsweise darum gehen, ob Teile der Cremo an einen Investor verkauft werden oder ob auf die Gesundung der Cremo aus alleiniger Kraft gesetzt wird.

Im Jahr 2025 hatte die Cremo ein Nettoergebnis von minus 17,1 Millionen Franken im Jahr 2025, im Vorjahr hatte das Minus 16,9 Millionen betragen. Sie beschäftigt über 600 Personen. «Das Jahr 2025 hat die Erwartungen, die wir uns gesetzt hatten, eindeutig nicht erfüllt – weder hinsichtlich der Finanzergebnisse noch hinsichtlich des Tempos der Umstrukturierung unseres Unternehmens», sagte Verwaltungsratspräsident Georges Godel an der Medienkonferenz von Mitte Mai. Das schwierige Marktumfeld, der hohe Wettbewerbsdruck, die Überproduktion im Milchsektor sowie die gestiegenen Anforderungen der Kunden habe Cremo stark unter Druck gesetzt.

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Verband vertritt rund 1100 Milchproduzenten

Mit über 45 % der Anteile ist der Freiburgische Milchverband der grösste Aktionär der Molkerei. Er vertritt die fast 140 Käsereigenossenschaften und deren rund 1100 Milchproduzenten im Kanton Freiburg. Weitere Aktien halten die bäuerlichen Organisationen Prolait, Aaremilch, Mooh, die Vereinigung Berner Milchproduzenten der Cremo AG (VMC) und die über 1000 Milchdirektlieferanten.

Direktorin Guex hatte ihre Stelle beim Verband erst am 1. Januar 2026 angetreten. Sie folgte auf André Brodard, der vorzeitig in den Ruhestand getreten war. Die bisherige Verbandsvizepräsidentin Hirt-Sturny ist Vizepräsidentin der Schweizer Milchproduzenten (SMP) und war früher auch Mitglied des Verwaltungsrats der Cremo.

Sechs Verwaltungsräte zurückgetreten

Gesamthaft sind im Jahr 2026 bei der Cremo sechs Verwaltungsräte zurückgetreten. Darunter Bertrand Schrago, Ökonom und Mitglied der Viehzuchtfamilie Schrago in Middes FR. Dies hatte damit zu tun, dass die Cremo-Führung den Einfluss der Bauernvertreter zurückdrängen wollte.

Fünf Rücktritte waren öffentlich bekannt, derjenige von Rechtsanwalt Fritz Rothenbühler – gemäss Mitteilung des Handelsregisters vom 14. September – war es bislang noch nicht. Rothen­bühler war Sachwalter und Liquidator nach dem finanziellen Kollaps der Grossmolkerei Swiss Dairy Food im Jahr 2002.

Vier Chefs innert 5 Jahren 

Im November 2025 trat Cremo-Chef Ralph Perroud zurück, der im Jahr 2023 eingewechselt worden war, um der Führung neue Impulse zu geben, wie es hiess. Der heutige Chef Xavier Monange, aus der Rüstungs- und Raumfahrt-Engineering stammend, ist bereits der dritte Chef seit der Pensionierung von Langzeit-Chef Paul-Albert Nobs im Jahr 2020. Dazwischen waren auch noch Hervé Perret und der Walliser Frédéric Métrailler Chef der Cremo gewesen. Er hatte zuvor seit 2014 den Cremo-Standort Siders geleitet.

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Auch beim Milcheinkauf gab es Wechsel. Nach der Pensionierung von Andreas Wegmüller im Sommer 2025 übernahm dort Ernst Arn, der CEO bei der Terralog AG (2014-2017), CEO bei der Grosskäserei Simmental Switzerland in Oey-Diemtigen (damals Aaremilch, heute Elsa-Migros), CEO bei databaum AG (8 Monate), CEO bei Spavetti AG (14 Monate) gewesen war. Und in der Kommunikation war früher Generalsekretär Thomas Zwald tätig, der sich per Ende 2024 selbstständig machte. Die Kommunikation verantwortet heute Alex Segovia, PR- und Kommunikationsberater, der Partner bei der Dynamics Group geworden war.

Zweitgrösste Molkerei der Schweiz 

Cremo-Sprecher Alex Segovia teilt auf Anfrage von «Schweizer Bauer» mit, dass die Molkerei den eingeschlagenen Transformationsplan unverändert weiterführe. Die vom Verwaltungsrat und von der Geschäftsleitung festgelegten Massnahmen würden planmässig umgesetzt und hätten weiterhin zum Ziel, die operative und finanzielle Leistungsfähigkeit des Unternehmens nachhaltig zu verbessern.

Die Cremo ist nach Emmi die zweitgrössten Molkerei der Schweiz. Sie verarbeitete im Jahr 2025 333 Millionen Kilogramm Milch. Sie hat Standorte in Villars-sur-Glâne FR, Düdingen FR, Turtmann VS, Siders VS und Le-Mont-sur-Lausanne VD. Die Standorte in Lucens VD und Thun BE hat das Unternehmen in den letzten Jahren im Rahmen ihrer Restrukturierung geschlossen. Beide hatten auch Pulvertürme zur Herstellung von Milchpulver. Kapazitäten, die von der Branche im sehr milchstarken Frühling 2026 schmerzlich vermisst wurden.

Pulvertürme sind am wichtigsten 

Am wichtigsten für die Schweizer Milchwirtschaft sind die Pulvertürme am Cremo-Hauptsitz in Villars-sur-Glâne FR. Sie sind systemrelevant: Wenn die Türme nicht laufen, ist es fast unvermeidbar, dass Schweizer Vollmilch in der Biogasanlage entsorgt werden muss. Darum drückt die ganze Schweizer Milchwirtschaft der Cremo-Führung die Daumen. Cremo produziert Butter für die Migros und viele Milchprodukte für Aldi.

Gerade bei der Butter zeigten sich aber zuletzt die Schwierigkeiten der Cremo, wenn es um die Qualitätssicherung geht: Migros-Leute zeigten sich mit der Streichfähigkeit der Cremo-Butter gegenüber dem Emmi-Produkt bei Konkurrent Coop unzufrieden. Aus der Schokoladenindustrie ist zu hören, dass die Milchpulverprodukte der Cremo nicht beständig die gleiche Zusammensetzung der Inhaltsstoffe erreichten. Das hat zu tun mit alten Maschinen und Personal aus Frankreich, das aushelfen muss, weil Fachkräfte fehlen.

Die Führung rund um Chef Xavier Monange setzt alles daran, die Lieferfähigkeit und Qualitätssicherung sicherzustellen. Auch beim Gruyère AOP, beim Vacherin fribourgeois AOP und beim Walliser Raclette AOP ist die Cremo stark engagiert und sehr wichtig für die jeweiligen Käsesorten. Ein Hoffnungsträger ist Lattesso, kalter Kaffee mit Milch, dessen Umsatz wächst.

Cremo in der Krise: Soll der Kanton eingreifen?

25 Grossrätinnen und Grossräte des Kantons Freiburg haben im Februar beim Staatsrat den parlamentarischen Vorstoss «Cremo, eine systemische Herausforderung für unseren Kanton!» eingereicht. Sie verweisen dabei auf die gravierenden Auswirkungen, sollte es der Cremo nicht gelingen, die wirtschaftlichen Herausforderungen zu bewältigen. Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der ungewissen Zukunft des Unternehmens werden erhebliche Folgen für Milchproduzenten, Mitarbeitende, die kantonale Wirtschaft und die betroffenen Regionen befürchtet. 

Der Staatsrat anerkennt in seiner Antwort, dass eine Schliessung des Standorts Villars-sur-Glâne weitreichende Folgen für die gesamte Schweizer Milchwirtschaft hätte. Rund 1800 Milchproduzentinnen würden einen wichtigen Milchabnehmer verlieren. Zudem würde mit Cremo als zweitgrösstes Unternehmen auf dem Schweizer Milchmarkt eine zentrale Verarbeitungskapazität für Butter und Milchpulver wegfallen. Dies könnte zu erheblichen Milchüberschüssen und zusätzlichen Marktstörungen führen.

Der Staatsrat verfolge die Entwicklung von Cremo zwar aufmerksam, ist jedoch der Auffassung, dass der Kanton nicht in die Führung eines privaten Unternehmens eingreifen soll. «Der Staatsrat ist der Ansicht, dass der Kanton es vermeiden muss, sich in die Angelegenheiten eines privaten Unternehmens einzumischen, das auf einem wettbewerbsorientierten Markt tätig ist, da dies einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen würde». ome

->  Cremo in der Krise: Soll der Kanton eingreifen?

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