
Lamas werden als Herdenschutztiere eingesetzt. Dass sie vom Wolf direkt angegriffen werden, ist eine neue Entwicklung für das Oberwallis. (Symbolbild)
Susanna Liechti
In der Nacht auf Sonntag kam es auf mehreren Weiden in Staldenried zu Wolfsangriffen. Laut dem Schafzüchter Freddy Niklaus wurden dabei vermutlich mehr als zehn Tiere getötet. Eine genaue Zahl lässt sich derzeit jedoch nicht nennen, da noch immer einige Schafe vermisst werden.
Weiden im Abschuss-Perimeter
Wie der «Walliser Bote» berichtet, besteht für Niklaus kein Zweifel, dass ein Wolf für die Risse verantwortlich ist. Noch am selben Tag reagierte er und brachte zwei Herdenschutzhunde auf die betroffene Weide unterhalb der Kirche.
Die Situation bleibe dennoch schwierig. Niklaus’ Tiere sind auf mehr als ein Dutzend Frühjahrsweiden verteilt. «Das ist eine logistische Aufgabe, und zwei Hunde können nicht überall gleichzeitig sein», wird er vom «Walliser Bote» zitiert. Dass in derselben Nacht mehrere Weiden angegriffen wurden, bezeichnet der Züchter als aussergewöhnlich. Die betroffene Weide liege zudem in jenem Perimeter, in dem seit rund einer Woche eine Abschussbewilligung für einen Wolf gilt.
Wolf greift Lamas an
Kaum sind die Nutztiere auf den Frühlingsweiden, häufen sich die Meldungen über Angriffe. Bereits letzte Woche wurde in Susten ein Schaf gerissen. In derselben Nacht griff ein Wolf im Siedlungsgebiet von Niedergrächen zudem eine Herde Lamas an. Die Besitzerin des Betriebs wollte sich laut dem «Walliser Bote» vor Abschluss der DNA-Analyse nicht äussern. Dass Wölfe Lamas angreifen, ist im Oberwallis eine neue Entwicklung. In anderen Kantonen hätten sich einzelne Tiere bereits auf grössere Nutztiere spezialisiert.

Staatsrat Christophe Darbellay empfindet die Situation als unerträglich.
Christian Zufferey
Der zuständige Staatsrat Christophe Darbellay bestätigt den Wolfsangriff in Niedergrächen. «Die Situation ist unerträglich. Aber ich muss mich an die Spielregeln halten», sagt er. Denn der Wolf kann trotz des Angriffs derzeit nicht zum Abschuss freigegeben werden. Der Grund ist die eidgenössische Jagdverordnung. Lamas gehören rechtlich in dieselbe Kategorie wie Rinder oder Pferde. Ein Abschuss ist grundsätzlich möglich, setzt jedoch fachgerecht umgesetzte und zumutbare Herdenschutzmassnahmen voraus. Laut Darbellay hätten diese jedoch sowohl in Susten als auch in Niedergrächen gefehlt.
Wölfe verlieren ihre Scheu
Die jüngsten Ereignisse bereiten Darbellay Sorgen. Der Druck auf die Landwirtschaft nehme zu und die Wölfe verlören zunehmend ihre Scheu. Als Beispiel nennt er einen Vorfall in Zermatt, bei dem ein Wolf mitten im Dorf fotografiert wurde. Gleichzeitig wächst die Wolfspopulation. Während im letzten Jahr im Wallis nur ein Wolfspaar nachgewiesen wurde, werden dieses Jahr sieben bis acht Paare vermutet, wie der «Walliser Bote» berichtet.
Seit rund einer Woche wird im Gebiet Visperterminen–Staldenried gezielt nach Wölfen gejagt ( -> Wallis: Wolf soll geschossen werden ). Jede Nacht sind bis zu zehn Wildhüter im Einsatz. Der Kanton halte an seiner Strategie fest, auffällige Wölfe zu entnehmen, und stockt dafür die personellen Ressourcen auf.