Freitag, 24. September 2021
19.07.2021 16:05
Fleischmarkt

Labelfleisch: Weko gegen tiefere Preise

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Von: blu

In den Läden ist Labelfleisch deutlich teurer. Der Schweizer Tierschutz (STS) macht die hohen Margen verantwortlich. Mit einem neuen Preissystem wollte der STS hier Abhilfe schaffen. Die Wettbewerbskommission erteilt dem Vorschlag eine Absage.

Der Schweizer Tierschutz kämpft für bessere Preise für Bio- und Labelfleisch. Die grossen Preisunterschiede stören den STS. Er hat deshalb eine Studie beauftragt.

«Preise künstlich tief gehalten»

In dieser wurden die Preise bei den beiden Grossverteilern (Coop und Migros) und bei den Discountern (Aldi, Lidl und Denner) anhand von vier Standardprodukten beim Rind (Hackfleisch und Rindsplätzli) und beim Schwein (Nierstück und Hinterschinken) untersucht. Die Resultate wurden im März 2020 veröffentlicht. Für ein Kilogramm (Schlachtgewicht) konventionell produziertes Schweinefleisch zahlten Detailhändler den Produzenten 4.65 Franken, in Bioqualität 6.50 Franken, 40 Prozent mehr. Im Laden wuchs die Differenz zwischen konventionell und bio auf 273 Prozent.

Der STS kritisierte die Preispolitik. «Nachhaltig und tierfreundlich erzeugte Fleischsortimente werden im Markt preislich unattraktiv positioniert, die Preise im konventionellen Sortiment dagegen künstlich niedrig gehalten und die Produkte zu Tiefstpreisen angeboten», bilanzierte die Organisation. Zudem würden die Labelproduzenten nicht proportional am Verkaufspreis beteiligt, obwohl sie es seien, die den Mehrwert im Bereich Tierwohl erzeugten. 

Detailhandel wehrte sich

Die Detailhändler wehrten sich gegen die Vorwürfe des Tierschutzes. «Wir verdienen unter dem Strich an Label- und Biofleisch nicht mehr als an konventionellem Fleisch», sagte Coop im März 2020 gegenüber den TX-Medien. Lidl möchte sein Fleisch weiterhin zum besten Preis-Leistungs-Verhältnis anbieten. Migros und Aldi verwiesen auf die höheren Produktionskosten von Labelfleisch.

Manfred Bötsch, einstiges Geschäftsleitungsmitglied von Migros-Tochter Micarna und vorher Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW), sagte, dass im Detailhandel oft Fleischabwertungen stattfinden würden. Dies deshalb, da nicht alles Labelfleisch als solches verkauft werden könne und deshalb als konventionelles Fleisch zu tieferen Preisen über die Ladentheke gehe. Und um diese Abwertungen zu kompensieren, würden die Detailhändler die Preise heben. Zusätzlich würden auch die höheren Werbe- und Aktionsaufwände für die Labelprogramme sowie die teureren Verpackungen preissteigernd wirken.

«Dumping auf Kosten der Tiere»

Weiter zeigte der Tierschutz auf, dass der Produzentenanteil an der Gesamtwertschöpfungskette bei Labelprodukten deutlich tiefer ist als bei konventionellen Produkten. Er bezeichnete dies auch als «Marktverzerrung» und «Dumping auf Kosten der Tiere». Er bemängelt, dass dadurch der Absatz einseitig gefördert werde. Die hohen Preisdifferenzen waren für den STS nicht nachvollziehbar. 

Der Tierschutz kritisierte weiter, dass «ein Preissystem, das die erzielten Mehrwerte nicht dem Erzeuger zugutekommen lässt, nicht als ‹fair› bezeichnet werden kann». Er fordert von den Marktakteuren mehr Transparenz, auf Tiefstpreise beim konventionellen Sortiment zu verzichten. Zusatzleistungen im Bereich Tierwohl seien den Produzenten kostendeckend abzugelten. 

Tierwohl-Label profitieren nicht von Nachhaltigkeitstrend

Im März 2021 gelangte der Tierschutz erneut an die Öffentlichkeit. Die Corona-Epidemie habe das Gesundheits- und Nachhaltigkeitsbewusstsein von Konsumierenden nachweislich gefördert. Allerdings nicht beim Fleisch, so der STS.

Bei den Rindern (mit Kühen und Kälbern) stagnierte der Labelanteil 2020 bei rund einem Drittel, bei den Schweinen ging er deutlich auf etwas über 31 Prozent zurück. Bei den Mastpoulets lag er bei tiefen 8 Prozent und bei den Lämmern sank er auf 11 Prozent. «Die Befreiung aus der Nische ist nicht absehbar. Für den gesamten Labelmarkt Fleisch (inkl. Bio) verlief die Entwicklung der Absatzzahlen harzig bis rückläufig. Die Stagnation bei der tierfreundlichen Produktion ist nicht überwunden», machte der Tierschutz deutlich.

Gemäss STS-Labelstatistik wurden in der Schweiz im letzten Jahr in den Hauptkategorien insgesamt 83 Millionen Tiere geschlachtet. Davon sind lediglich 10 Millionen bzw. 12,2% als Labeltiere (inkl. Bio) abgesetzt worden.
STS

Konsum über Preis ankurbeln

Kritisiert wurde vom Tierschutz erneut die Preispolitik. Die Preisdifferenzen zwischen Standard- und Labelprodukten seien überhöht. Die Organisation verwies hier auf einen Bericht der Forschungsanstalt Agroscope.

Diese kommt zum Schluss, dass bei einer Annäherung der konventionellen und Labelpreise um 10 bis 20 Prozent die Labelnachfrage um 25% (Rinder) bis 32% (Schweine) gesteigert werden könnte. Die derzeitigen Marktchancen sind aus der Sicht des STS beeinträchtigt.

Der Tierschutz forderte deshalb, dass diese preisliche Benachteiligung aufgehoben wird. Die Ladenpreise für Biofleisch sollen sinken, der Preis für konventionelles Fleisch steigen. «Mit fairen Konsumenten- und Produzentenpreisrelationen sollen Bedingungen geschaffen werden, welche die Produkte aus tierfreundlichen Haltungssysteme fördern und den Produzenten die Tierwohlmehrleistungen kostendeckend abgelten», heisst es im Bericht von Mai 2021.

Tierschutz entwickelte

Der Schweizer Tierschutz hat in den vergangenen Monaten ein eigenes ««faires» Preissystem entwickelt, wie die «Tamedia-Zeitungen» am Montag berichten. Die Detailhändler sollen sich hierbei verpflichten, die Marge bei Bio- und Labelfleisch im Vergleich zu konventionellem im Laden prozentual nicht höher anzusetzen, als dies bei den Produzentenpreisen der Fall ist. Dies hätte dazu geführt, dass die Preise im Laden gesunken wären. 

Dazu wurden Gespräche mit dem Detailhandel geführt. Mit unterschiedlichem Erfolg: Aldi könnte sich eine solche Vereinbarung «durchaus vorstellbar», die genauen Eckpunkte müssten aber noch definiert werden. Gemäss Tamedia sehen Coop und Migros, die mit Abstand am meisten Labelfleisch absetzen, keinen Handlungsbedarf. Coop setzt sich nach eigenen Angaben bereits für «faire und marktgerechte» Preise ein. Migros teilt mit, dass sie sich mit Aktionen im Labelbereich für den Absatz einsetze.

Unzulässige Wettbewerbsabrede

Eine deutliche Abfuhr erfahren die Tierschützer aber von der Wettbewerbskommission (Weko). Die Milizbehörde urteilt, dass es sich bei einem solchen Preissystem es sich mutmasslich um eine unzulässige Wettbewerbsabrede handeln würde. Diese beeinträchtige den Wettbewerb «erheblich» und könne nicht durch Gründe der wirtschaftlichen Effizienz gerechtfertigt werden.

Gemäss Weko könnten Unternehmen, die sich daran beteiligen, für einen Verstoss gegen das Kartellgesetz sanktioniert werden. Wie es im Schreiben der Weko weiter heisst, ist die Förderung des Tierwohls ein allgemeines Anliegen, das bereits in einem Bundesgesetz geregelt ist. Ein Marktversagen werde hier korrigiert.

Beim Schweizer Tierschutz ist am enttäuscht. «Der Entscheid ist ein herber Schlag für die Bemühungen, den Absatz von Tierwohlprodukten zu fördern», sagt Geschäftsführer Stefan Flückiger zu den «Tamedia-Zeitungen». Er setzt nun auf die Politik. Beispielsweise könnten Lenkungsabgaben konventionelles Fleisch preislich belasten.

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