«Man fühlt sich als Landwirtin und Landwirt im Stich gelassen»

Bilder der gewaltsamen Demonstrationen der Bauern in Frankreich und im Brüsseler Europaviertel gehen um die Welt. Doch was bewegt die Landwirte in unserem Nachbarland dazu? Susanne Villiger-Siegenthaler, die in der Bretagne bauert, äussert sich zur aktuellen Situation.

Tobias Strahm |

In Frankreich protestieren derzeit viele Bäuerinnen und Bauern. Worum geht es dabei?

Susanne Villiger-Siegenthaler: Demonstriert wird nicht nur wegen eines einzelnen Themas. Es kommt im Moment sehr viel zusammen. Milchviehhalter, Getreidebauern, Kartoffelproduzenten – alle sind betroffen. Dazu kommen die Diskussionen rund um das Mercosur-Abkommen, sinkende Milch- und tiefe Getreidepreise, ständig steigende Kosten und die allgemeine Unsicherheit. Viele Bauern zeigen auch Solidarität mit den Betrieben im Süden Frankreichs, die besonders stark von den Keulungen, bedingt durch die Lumpy-Skin-Krankheit, betroffen sind.

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Welche Rolle spielt die aktuelle Tierseuchensituation?

Auf unserem Betrieb in der Bretagne sind wir weit weg von den stark betroffenen Gebieten im Südosten. Wir hoffen natürlich, dass es so bleibt. Impfen wäre sinnvoll, aber es gibt zu wenige Impfstoffe. Zuerst wird in den betroffenen Sektoren geimpft, für unseren Betrieb ist kein Impfstoff vorhanden. Im Moment bleibt uns nur die Hoffnung, dass das Virus nicht bis zu uns kommt.

Es wird viel über Keulungen wegen der Lumpy-Skin-Krankheit gesprochen. Wissen Sie, wie hoch die ausbezahlten Entschädigungen sind für betroffene Betriebe?

Ich weiss nicht genau, wie das Verfahren abläuft oder wie schnell betroffene Betriebe Geld erhalten. Bei der Vogelgrippe war es so, dass die versprochenen Entschädigungen oft nicht dem entsprachen, was tatsächlich ausbezahlt wurde – und wenn, dann sehr spät. Solange man nicht selbst betroffen ist, bekommt man das kaum mit. Die ersten zwei oder drei Betriebe, die betroffen waren, haben mittlerweile wieder Tiere auf dem Betrieb. Das ist aber vor allem der enormen Solidarität unter den Bauern zu verdanken. In betroffenen Regionen, etwa bei Montbéliarde-Betrieben oder Randrassen, ist diese Solidarität unter Bauern extrem hoch.

Warum macht das Mercosur-Abkommen den Bauern so viel Angst?

Hauptsächlich ist es die Angst um unsere Existenz und das Gefühl, dass über unsere Köpfe hinweg entschieden wird. Das ist nicht nur bei französischen Bauern so, das ist europaweit spürbar. Man hat das Gefühl, man kann machen, was man will – am Ende wird man nur an den Pranger gestellt. Aufgrund der hohen Kosten dürfen wir uns kaum Fehler erlauben. Der Druck und die permanente Kritik ohne echte Anerkennung der Arbeit macht viele wütend und müde.

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Massnahmen bei Tierseuchen werden oft als radikal empfunden. Wie sehen Sie das?

Beim Gedanken daran, dass all deine Tiere gekeult werden, läuft es einem schon kalt den Rücken hinunter. Aber man weiss, dass das Virus gefährlich ist, sich schnell verbreitet. Aber trotzdem ist diese Radikalität schwer zu akzeptieren – vor allem, wenn man das Gefühl hat, keine Mitsprache zu haben. Das verstärkt das Gefühl, im Stich gelassen zu werden.

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Wie erleben Sie die Landwirtschaft in Frankreich verglichen mit der Schweiz?

Egal ob in Frankreich oder in der Schweiz: Man muss seine Arbeit gut machen, mit Leidenschaft. Wir bereuen nicht, dass wir ausgewandert sind, auch wenn wir manchmal hartes Brot gegessen haben. Wir haben praktisch bei null angefangen. Jeder Betrieb, jedes Land hat seine eigenen Herausforderungen.

Haben Sie eine Botschaft zum Abschluss?

Ich denke, es geht nicht nur den Bauern schlecht. Es gibt viele Berufe mit schwierigen Arbeitsbedingungen, etwa im Pflegebereich. Trotz zum Teil schwierigen Rahmenbedingungen sehe ich es immer noch als grosses Privileg, Landwirtin zu sein und Lebensmittel herzustellen. Es gibt ja zum Glück immer noch Leute, die schätzen, was wir tun. 

Susanne Villiger-Siegenthaler

Susanne Villiger-Siegenthaler bewirtschaftet mit ihrer Familie einen Milchviehbetrieb mit Ackerbau im Département Morbihan (Bretagne, Frankreich). Der Betrieb umfasst rund 100 melkende Kühe und 123 Hektaren. Die Familie ist ursprünglich aus der Schweiz ausgewandert, aufgewachsen ist die Landwirtin im bernischen Oberwil i.S. tst/hal

Kommentare (4)

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  • Icigu | 03.01.2026
    Krankheits-Gefahren ausgehend von Massentierhaltung und Monokultur anbaue sind längst erwartet. Darum habe Pioneeren wie Ernst Götsch Polykultur Anbau inkl Diversifikation von Tieren Syntropische sowohl als Permakultur Praktiken entwickelt.
  • Senatore Antonio | 31.12.2025

    Schon nur die Logik mit der Keulung. Es werden Gesunde Tiere gekeult nur weil es einzelne Tiere im Bestand hat welche das Virus haben! Erinnert schwer an den Corona. einer in der Familie war Krank und die ganze Familie wurde unter Quarantäne gestellt ohne das diese je Positiv getestet wurden. Getreu dem Motto hätte hätte Fahradkette!


    Das selbe in der Schweiz die Moderhinken Sanierung, es wird mit dem Selben Schwachsin von PCR test getestet welcher selbst keine aussagekraft hat ob ein Tier jetzt daran erkrankt ist oder nicht. Es weisst lediglich das Bakterium nach. Selbst das Bundesgericht hat den PCR test als nicht aussagekräftig beurteilt in der Pandemie. Wir Menschen werden einfach nur noch für dumm verkauft und man muss nicht dann nicht wundern wen dann solche Proteste Entstehen

  • Blechschmidt | 30.12.2025
    Alles liegt eigentlich an der EU die mit ihren Verordnungen und mit Gesetzen dieses Chaos erst herbei geführt hat.
    Die EU gehört aufgelöst.
  • Tell | 30.12.2025

    Alle Achtung vor diesem Beruf und dessen Leben. Auch bei uns in der Schweiz haben wir, viel zu viel aufgebauschte Bürokratie und dies alles nur damit die links-grüne Seite behaupten kann "sie würden Stellen schaffen" jeder dieser zusätzlichen und neu geschaffenen Stellen sind eine Strafe für die Landwirte, die KMU und die kleine Leute. Mittlerweile sind wir schon so weit, dass diese links-grünen politischen Vertreter nicht mal mehr wissen, dass die Milch von Kühe oder Ziegen kommt und nicht nur aus dem Regal der Migros. Sehr bedenklich. Zur Unterstützung halten sich die selben links-grünen Politiker einen eigenen "Reitstall" in dem neue Krawall-Idioten gezüchtet werden.


    Beachtet von Brüssel wurde bereits die Stange gestellt und den Hut oben aufgesetzt. Berset lässt grüssen.

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